Predigt: Auschwitzgedenken 27.1.2008, Celan Todesfuge/Jesaja 53

 

Mit 13 verlor ich die Unschuld.

Geborgen und behütet aufgewachsen

Jüngste von vier Schwestern

kam ich mit meinen Eltern 1966 in die Niederlande.

 

Und da erwischte es mich unvorbereitet und kalt:

 

Ich vertraute darauf, dass der Mensch gut sei,

denn das hatte ich bis dahin erfahren,

 

unsanft fiel ich aus meinem Wolkenkuckucksheim.

 

Schwarze Milch der Frühe ...

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland...

Da liegt man nicht eng...

 

Auschwitz

 

Niederländer machten mir deutlich klar, wes Volkes Kind ich war.

 

Auschwitz blieb seitdem eines meiner Lebensthemen bis heute

Und den Ausspruch: die Gnade der späten Geburt empfinde ich als zynisch.

Denn: Verantwortung kann ich auch für etwas übernehmen, das ich nicht selbst begangen habe, so meine ich.

Verantwortung folgt aus dem Menschsein überhaupt.

Jesus hat es mir vorgemacht.

 

Schwarze Milch der Frühe ...

 

Auschwitz

millionenfach gemordet…

 

macht mir einen Glauben unmöglich, an einen Gott,

der ein Opfer bräuchte

 

macht mir einen Glauben unmöglich, an einen Gott,

der einen Sündenbock bräuchte…

 

der Glaube mir verdunkelt, von gott-verlassen

durch Opfer und Sündenbock,

nicht verbunden mit IHM.

 

 

"Fürwahr er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen... Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen" (Jes. 53,4f).

 

Der alte Jesajatext. Das Lied vom leidenden Gottesknecht. Von Christen – namhaften Theologen christologisch gedeutet auf Jesus den gekreuzigten Christus hin.

 

Aber es geht auch anders, hören wir den Abschnitt einmal vor diesem Huntergrund:

 

Im Buch des Zweiten Jesaja, in Jesaja 53 („Deuterojesaja“ =Jes 40-55) findet sich Israel wieder zwischen Verzagtheit und neuer Hoffnung. Israel ist hin und her gerissen zwischen dem Gefühl, bei der Zerstörung Jerusalems und der Wegführung in die babylonische Verbannung von Gott verlassen worden zu sein, und dem wachsenden Vertrauen zu jenem Gott, der (539) das Exil beendet hat. Er wird nun sein Volk heimführen und trösten. Nach der Überzeugung der Israeliten hat Gott den Perserkönig Kyros als Werkzeug eingesetzt, um die Neubabylonier zu vertreiben, unter deren Herrschaft die Weggeführten in Israel leben mussten. Nun sammelt Gott wieder die Israeliten wie ein Hirte seine verlorenen Schafe, hilft seinem verzagten Volk auf, löst es aus und rehabilitiert es vor den Augen der Völker. Die Verbannten können zurückziehen nach Jerusalem.

 

Stellen wir uns nun vor, ein Häuflein Israeliten zieht aus Babylon fort, Jerusalem entgegen – erfüllt von der Trauer des Abschieds, von der immer noch wachen Sehnsucht nach Jerusalem. Sie ziehen durch ein geschundenes Land, in dem nur die ärmste Bevölkerungsschicht geblieben war, und gelangen schließlich zu der verwundeten Stadt. Gott sieht das Entsetzen der Heimkehrenden, nimmt das Erschrecken über diesen Anblick auf und verheißt dieser verwüsteten Gestalt eine großartige Zukunft, die alle Völker in Erstaunen versetzen wird.

Die Israeliten antworten auf diese Gottesrede. Angesichts der zertrümmerten Stadt, dieser gefolterten Gestalt, können sie diese optimistischen Vorhersagen kaum glauben. Jerusalem kommt ihnen vor wie ein verdorrter Keimling oder wie jemand, der von einer Krankheit entstellt ist und voller Schmerzen. In den Versen des zweiten Jesaja könnte zum Ausdruck kommen, dass die Verbannten bisher vermieden haben, sich das entsetzliche Bild des vernichteten Jerusalems vorzustellen. Nun aber können sie dem nicht mehr ausweichen und erkennen, dass Jerusalem ihrer Verschuldungen und ihrer Verbrechen wegen gelitten hat. Der Gedanke des Schuldig-Seins wird soweit gesteigert, dass die Stadt als unschuldig Leidende erscheint.

Am Ende scheint dies alles Vergangenheit zu sein: die Gestalt ist nun geheilt und wird viele Nachkommen haben. Sie ist erlöst von aller Qual.

Eine Deutung dieses Abschnittes. (Die Deutung Dr. Detlef Dieckmann, Theologisches Institut; FU Berlin und befasst mit der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache)

 

Traditionell christlich wird dieser prophetische Text hin auf Jesu Passion gedeutet.

Der Gekreuzigte Jesus ist der verheißene Gottesknecht des Jesaja.

 

Und es wird weiter gedeutet:

der Gekreuzigte Jesus ist das Opfer, das Gott brauchte, um ein für alle Mal

seinen Zorn zu stillen, seine Ehre wieder herzustellen.

Der Gekreuzigte als Opferlamm und Sündenbock zugleich.

 

Aber,

 

ist es nicht die Grundsünde des Menschen, dass er, der Mensch, Sündenböcke braucht.

 

Adam schiebt es auf Eva und Eva auf die Schlange.

Und Kain?

Und wir? Schieben wir die Schuld für den Tod dieses geschundenen Jesus von Nazareth nicht auf Gott, wenn wir sagen, Gott brauchte dieses Opfer für seinen Heilsplan?

 

Und was ist die Frage denn anderes:

 

Wie konnte Gott dies zulassen

dieses Vernichtungslager

millionenfache Opfer

und die Täter...

 

als das Abschieben unserer menschlichen Verantwortung auf IHN, auf Gott... !

 

„Trifft Gott die Schuld?“ fragt unmittelbar nach Kriegsende der Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld. „Warum greift er nicht ein, warum lässt er das alles geschehen? [...] Wir sind so gerne geneigt, einem andern die Schuld zu geben und sie nicht bei uns selbst zu suchen [...] Wir haben seinerzeit, als die Nazi zur Macht kamen, nichts getan, um es zu verhindern. Wir haben die eigenen Ideale verraten, [das] Ideal der persönlichen Freiheit, der demokratischen Freiheit, der religiösen. Der Arbeiter lief mit, die Kirche sah zu. Der Bürger war zu feige, ebenso die führenden geistigen Schichten. (…) Zuletzt ließen wir uns in den Krieg treiben. (…) Ideale lassen sich nicht ungestraft verraten. Jetzt müssen wir alle die Folgen tragen.“

 

Ein Fehler der Theodizee (der Gottesanklage) liege darin, so die Amerikanerin Sarah K. Pinnoch (in „Von Gott reden im Land der Täter“) Zeugnisse sinnlosen Leidens zu übergehen und dreist Gründe für das Leiden und seine Heilsbedeutung anzuführen, wobei man Gefahr laufe, die Stimmen der Opfer zu verraten.

 

 

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland...

Schwarze Milch der Frühe ...

 

Da wird mir der Glaube unmöglich

an einen Gott, der das Opfer brauchte

Um seinen Zorn zu stillen

 

An einen Gott

der Menschen benutzt

verstockt, böse werden lässt um zu?

 

Um sich selbst zu erlösen, aus seinem Zorn?

 

 

Schwarze Milch der Frühe...

 

 

„Jesaja 53 geschieht nun“

 

zu dieser Erkenntnis kommt Dietrich Bonhoeffer am 18. Juli 1944 in der Haft zwei Tage vor dem gescheiterten Attentat gegen Hitler.

 

Auch er deutet diesen alten Text hin auf den gekreuzigten Christus, so wie er das ganze Alte Testament hin auf IHN deutet.

 

Die Grundzüge biblischer Botschaft alten und Neuen Testaments sind für Bonhoeffer mit einem Namen versehen: Jesus Christus, in ihm, so glaubt er, geschieht Gottes vorbehaltlose Bejahung des Menschen trotz aller offenkundigen Gottlosigkeit.

 

Er schreibt:

„Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. Das ist Metanoia (Umkehr), nicht zuerst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste denken, sondern sich in den Weg Jesu mit hineinreißen lassen, in das messianische Ereignis, dass Jesaja 53 nun erfüllt wird.“

 

Dietrich Bonhoeffer wusste von den Vernichtungslagern, von Kriegsterror und Bomben.

 

In diesem Zusammenhang bekommt für ihn der „leidende Gottesknecht“ des Jesaja 53 einen ganz neuen Sinn.

Das messianische Ereignis bleibt nicht einzig an Golgatha.

 

Die Prophetie des Jesaja und das messianische Ereignis auf Golgatha geschieht nun und immer da, wo Menschen schier unmenschliches erleiden:

 

Gott stirbt in Christus am Kreuz von Golgatha und er stirbt immer wieder neu in den Konzentrationslagern der Welt, auf den Schlachtfeldern der Menschheit, in allen von Menschen gemachten Höllen. Mit seiner Passion setzt ER sich je neu der Passion des Menschen aus.

Und darin liegt ein Sinn des Kreuzes: in der Passion Gottes für die Menschen, der Leidenschaft und der Hingabe dieses Gottes für sie.

 

Bonhoeffer kann sagen: ER, Gott in Christus steht da, wo ich, wo wir stehen sollten,

wenn wir versagen, steht ER da.

 

Mit Bonhoeffer als Zeugen der Hitlerzeit können wir heute sagen:

 

Gott lässt es geschehen, dass Menschen ihn töten, damals am Kreuz in Golgatha und je neu.

 

Er lässt es zu, dass Menschen ihn herausdrängen aus der Welt

Ihn aus ihrer Mitte zu verbannen suchen.

 

In Auschwitz,

und je und je in den Höllen der Welt

 

Dietrich Bonhoeffer hat im Juli 1944 erkannt:

 

Jesaja 53 geschieht nun.

 

Er wusste um Auschwitz,

er wusste um die grausamen Opfer dieses mörderischen Krieges, da Menschen jedes Völkerrecht mit Füßen traten, er wusste um die Sündenböcke dieses unmenschlichen Sytems:

 

Jesaja 53 geschieht nun, das messianische Ereignis bleibt nicht auf Golgatha.

 

Der Gottesknecht, für Bonhoeffer Gott in Christus, opfert sich jetzt.

 

In die Gaskammern

In die von Menschen geschaffenen Höllen geht er hinein.

 

ER ist das Fanal an den Menschen:

Erschrick und wisse, Mensch!

Wach auf, steh zu deiner Schuld, steh diesem Menschen bei:

 

Und Bonhoeffer kann dichten:

 

„Menschen gehen zu Gott in Seiner Not

finden ihn arm, geschmäht ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod,

Christen stehen bei Gott in seinem Leiden“

 

Die Weissagung des Jesaja erfüllt sich nicht einmalig mit den Rückkehrern aus Babylon, sie erfüllt sich nicht einmalig am Kreuz auf Golgatha, sie erfüllt sich immer wieder neu als Fanal an die Menschheit,

an mich: Erschrick und wisse, hier stirbt dein Christus.

 

Die Weissagung erfüllt sich immer je und zwingt mich in die Verantwortung.

Amen