Predigt 2. Sonntag in der Passionszeit 2011

Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann

„Ein Albtraum“ sagt Frau Merkel, „eine Welt“ ist  „zusammengebrochen“,  „unfassbar“ sei dies alles von „geradezu apokalyptischen Ausmaß“ (sie meint damit ‚endzeitlich’, aber eigentlich heißt Apokalypse „Offenlegung, bis auf den Grund“).

Und es erreichen uns Bilder, immer häufiger, von Menschen zwischen den Trüm-mern ihrer Habe, Erdbebenopfer, Tsunamichaos – aber diesmal ist da noch mehr.

Es ist da eine schleichende Angst, die auch uns erreicht.

„Abschalten“ skandieren die Protestierenden und sie schalten ab, die Politiker, erst einmal. „Aussteigen“ surft es durchs Internet. Aber geht das so einfach, das „Aus-steigen“? Und schuld ist...ja wer?

Und Gott? Was hat das mit Gott zu tun. Wir sind in der Kirche heute morgen - im-merhin - , und da muss es doch um Gott gehen und um diesen Jesus...

Geht es auch, denn es geht um den Menschen, vor allem um ihn und mit ihm ums ‚Ganze’, und um das, was ihm, was ihr „anvertraut“ ist, was ihm, was ihr zugetraut ist, um Vertrauen.

Wer vertraut da wem?
Und es gibt sie ja auch die heilsamen Bilder, die unsere Seele sucht zwischen all dem Unheil, die unser Herz findet, wenn es sich finden lässt, in denen wir den Chris-tus suchen:

Der junge Mann, der die alte Frau auf dem Rücken trägt, durch all den Schlamm und das Chaos.

Der gepanzerte Soldat und die Frau: wie sich beide vor dem Toten verneigen, in So-lidarität und Achtung für einander.

Der Mann, der das Haus der Schwester sucht und vor den Trümmern weint.

Die Frau, die Menschen im Sperrgebiet besucht die nicht fliehen können und die nach dem Notwendigen fragt.
Der disziplinierte Umgang der Menschen untereinander: kein Wegdrängeln, keine Raffen: anstehen, warten, in Würde.

Und die 50 (mythische Zahl = Schuldenerlass, Pfingsten) „Helden“ an den Atommei-lern, die zu retten suchen, was denn noch zu retten ist.


Unsere Texte heute Morgen fächern uns auf, wen oder was Menschen bemühen, wen wir möglicherweise bemühen, wenn es ums Ganze geht...

Da ist dieses schöne Lied vom Weinberg (Jesaja 5, 1-7), einem Liebeslied gleich erinnert es an das Hohelied Salomos:

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben.

Es ist das Lied vom leidenschaftlichen Liebhaber, der vorbereitet und hegt und um-sorgt und schließlich seine Liebe preisgibt, sie der Vernichtung aussetzt, weil sie nicht einlöst, was er sich von ihr ersehnt: süße Früchte.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Sollte so unser leidenschaftlicher Gott sein? Sollte Gott seine Welt preisgeben viel-leicht schon längst preisgegeben haben? Sollte Gott sich zurückziehen, wie ein ent-täuschter Liebhaber? Sollte Gott seine Schöpfung auf den Abgrund zulaufen lassen? Ist das der Gott, den wir glauben? Ein: Gott-wo-bist -du?

Und ist unsere Frage nach Gott nicht gleichzeitig der Versuch einen Sündenbock zu finden, für das, was mich unbedingt angeht und für das Leben, für meine Verantwor-tung als Mensch?

Warum hast du mich verlassen, Gott, schreit Jesus am Kreuz. Aber nicht, weil er Gott die Schuld gibt für sein Leiden, sondern, weil er seine unbedingte Nähe braucht.
Brauchen wir Gottes unbedingte Nähe oder gebrauchen wir Gott immer eher als Sündenbock oder Nothelfer, als einen, der ausbügelt, was wir verbockt haben? Wie kleine Jungs, die beim Spiel ihr Feuerwehrauto kaputt gemacht haben und dann nach der Mama schrei’n: hol Kleber und mach’s wieder heil, oder auch: kauf mir ein Neues – mach mir eine neue Welt, die alte ist kaputt, Gott.

Das Spiel geht zurück an uns: Mensch wo bist du? Steh zu dem, was du tust. Halt inne, wo du es kannst.


Matthäus 12
38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. 39 Und er antwor-tete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zei-chen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdam-men; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Matthäus zeigt uns einen zornigen Jesus:

Der verweist auf’s Endgericht und bemüht Zeugen gegen das „böse und abtrünnige Geschlecht“. Die Leute von Ninive und die legendäre Königin von Saba. Denen, die immer noch nicht begriffen haben ausgerechnet aus den Wissenschaften und Geset-zeskundigen präsentiert Jesus Zeugen aus der prophetischen und Weisheits- Über-lieferung seines jüdischen Volkes.   

Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Ge-schlecht und werden es verdammen;...  Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen;

Nicht alle Wissenschafter und Gesetzeskundige und Politiker haben es bis jetzt beg-riffen, was die Zeichen der Zeit sind. Dass diese unbeherrschbare Technologie nicht mehr zu verantworten ist, nie zu verantworten war. Dass sämtliche Signale auf rot stehen, weil sonst die Welt aus den Fugen gerät. Eröffnen sie nun auch deswegen neue Kriegschauplätze in Libyen, auch um abzulenken?

Für Matthäus ist Jesus selbst das Zeichen und wegen der Blindheit der Wissen-schaftler ist er wütend.

Er ist das Zeichen mit dem „die Erde“ von Gott „gewürdigt wurde“ (D. Bonhoeffer, wahrscheinlich am 21.8.1944), das Zeichen dafür, dass Gott seine Welt nicht preis-gibt, einem enttäuschten Liebhaber gleich.

Und er ist gleichzeitig das Zeichen dafür, dass Gott das Dilemma kennt, das uns manchmal zu zerreißen droht.

Der Jesus steht da, damit wir hinschauen auf unsere Schuldverstrickungen, scho-nungslos ohne uns in die Tasche zu lügen, Ausflüchte zu suchen.

Wir brauchen keinen Sündenbock und keinen Gott der’s für uns richtet. Der Schre-cken kann und soll uns in die Glieder fahren und in unser Herz, der Schrecken kann uns in die Glieder fahren und in unseren Sinn, damit wir zur Besinnung kommen.

Wir können nicht einfach rufen: „Aussteigen “ und damit wär’s genug. Die Predigt heute Morgen schreib ich auf einem Computer. Ein Fünftel der weltweiten Chips kommt aus Japan, Teil des Innenlebens von Handys, Telefonen, Digitalkameras,
iPads, Autos etc. Die Kernkraftwerke, die den Japanern gerade um die Ohren  flie-gen, waren Teil des Energiecocktails von dem ich jetzt indirekt profitiere. Ich nehm’s in Kauf, bedingter Vorsatz nennen das die Juristen, ich bin nicht frei von Schuld an dem Dilemma hier in meinem Hamburg, hier in Fuhlsbüttel, hier auf dieser Kanzel.

Und die Opfer jetzt in Japan? Und die Kinder darunter, die uns besonders unschuldig scheinen? Und die „Helden“, die sich bewusst Krankheit und Tod aussetzen?

Wir können uns nicht raus stehlen. Sie sind auch Opfer unserer Art zu leben.

Und deswegen, lasst es uns versuchen: Hinschauen nicht wegsehen, und was wir verändern können, lasst uns ändern, jede für sich, jeder, wie er es hinkriegt und uns gegenseitig darin stärken.

Und für den Rest sorgt Gott, damit wir atmen (leben) können.

Amen