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Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde
St. Lukas
Hamburg - Fuhlsbüttel
 

Predigten



Lesetips


Predigten 2011

10. April 2011
Pastor Friedhelm Nolte

in der All Saints’ Church, Parish of Monkwearmouth,
Sunderland, UK 



20. März 2011
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann



Predigten 2010


5. Dezember 2010
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann




Predigten 2008



Winterkirche "Glaube und Lyrik"


20. Januar 2008
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann


27. Januar 2008
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann



3. Februar 2008
Pastor i. R. Dr. Hans-Werner Müsing


10. Februar 2008
Pastor i.R. Dr. Albert Schäfer



17. Februar 2008
Pastor Friedhelm Nolte



24. Februar 2008

Susanne Neuffer / Pastor Friedhelm Nolte




Archiv Predigten 2006



























Predigt am Sonntag Estomihi in St. Lukas / Fuhlsbüttel (3.2.2008)

Pastor i. R. Dr. Hans-Werner Müsing

 

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute mit einer Weisheitsgeschichte aus Ostafrika beginnen. Sie trägt die Überschrift: die Sprache des Herzens.

Der weise Sultan wählt den rechten Nachfolger

Man sagt: Da lebte einmal ein Sultan, der fünf Söhne hatte. Er war schon alt geworden und wollte sein Sultansamt abgeben. Doch wußte er nicht so recht, welchen seiner fünf Söhne er zum Nachfolger bestimmen sollte. Eines Abends bestellte er die Söhne zu sich und sagt: „Geht hinaus in die Welt und sucht etwas, das das Wichtigste im Leben ist. Und dieses Wichtigste bringt ihr mir dann zurück.“

Da zogen nun die fünf Söhne aus, um das zu finden, was sie für das Wichtigste hielten. Der älteste Sohn baute eine prachtvolle Straße, die viele Orte im Sultanat miteinander verband. Der zweite Sohn errichtete einen prächtigen Sultanspalast für seinen Vater. Der dritte kaufte für den Vater ein herrliches Auto mit kugelsicheren Fenstern. Der vierte Sohn erwarb, auch für den Vater, eine große Kuhherde. Und was tat der fünfte Sohn? Er besuchte Freunde. Er hatte so viele Freunde, daß es ein ganzes Jahr dauerte, um alle seine Freunde am Wege von Bagamoyo nach Kaole zu besuchen, und dieser Weg ist ja nur sechs Kilometer lang.

Dann rief der Sultan seine fünf Söhne zu sich und verlangte, daß sie ihm zeigen, was das Wichtigste im Leben sei. Der erste Sohn zeigte dem Vater die prachtvolle Straße. Der Vater sah die Straße, sagte aber nichts. Der zweite Sohn führte den Vater zu dem wunderbaren Palast. Der Vater sah den Palast, sagte aber nichts. Der dritte Sohn fuhr das herrliche Auto herbei. Der Vater sah das Auto, sagte aber nichts. Der vierte Sohn trieb die große Kuhherde zum Vater. Der Vater sah die Kuhherde, sagte aber nichts. Und was tat der fünfte Sohn? Er bat den Vater, mit ihm seine Freunde zu besuchen. Sie kamen zu den ersten Freunden, noch ganz in der Nachbarschaft. Die begrüßten den Vater voller Freude und bedankten sich bei ihrem Freund, dem jüngsten Sultanssohn, dafür, daß er seinen Vater zu ihnen gebracht hatte. Ein großes Fest wurde gefeiert. Sie machten sich auf zu den nächsten Freunden. Auch die waren beglückt, daß ihr Freund seinen Vater zu ihnen brachte. Auch sie gaben ein großes Fest. Und so geschah es bei den nächsten Freunden und bei den nächsten Freunden und bei den nächsten Freunden.

Der Sultan und sein Sohn brauchten drei Jahre, um alle Freunde am Weg von Bagamoyo nach Kaole zu besuchen, und dieser Weg ist ja nur sechs Kilometer lang. Als sie wieder zu Hause angekommen waren, rief der Vater noch einmal seine fünf Söhne zusammen. Er sprach: „Seht meinen jüngsten Sohn. Er brachte mich zu allen seinen Freunden. Mit allen Freunden feierten wir Feste. Dieser mein jüngster Sohn versteht die Sprache des Herzens und kann damit die Herzen der Menschen aufschließen. Hiermit erkläre ich meinen jüngsten Sohn zu meinem Nachfolger!“ Alle Freunde des jüngsten Sohns jubelten, als die Kunde davon zu ihnen kam, und das waren fast alle Bewohner des Sultanats. So wurde der jüngste Sohn Sultan und regierte alle in Frieden und Gerechtigkeit, weil er ja die Sprache des Herzens verstand.

2002 erzählt von Samahani Kejeri

Manches aus dieser Geschichte erinnert diejenigen, die schon einmal eine Besuchsreise zu den Partnern in Afrika gemacht haben, sicher an ihre Erfahrungen, wie sie bei den Partnern herumgereicht wurden. Viele wollten und mussten aus afrikanischer Sicht besucht werden.

Jede Familie, die besucht wurde, bot erneut Essen und Trinken an. Auch ich erinnere mich sehr gut an eine meiner ersten Reisen, als es morgens hieß: wir machen heute eine Fahrt zur Schule soundso. Bevor wir aber dies Ziel erreichten, hatten wir sicher 6 x einen Stop eingelegt, um diese oder jene Familie zu besuchen. Besuche sind eben Herzenssache.

In Kirimeni, einem kleinen Dorf im Norden Tanzanias, war ich dicht bei der Kirche bei einer Familie untergebracht. Am Sonntagmorgen verließen wir um 8. 30 Uhr das Haus, und ich wunderte mich, weil wir ja nur 5 Minuten Weg hatten. Aber auf dem Wege trafen wir so viele Leute und mussten sie begrüßen, und das hieß nicht nur Hallo sagen wie bei uns, sondern längere Zeit miteinander reden über Kinder, Arbeit, Gesundheit usw. Wir kamen gerade um 10 rechtzeitig zum Gottesdienst.

Sich sehen, sich wahrnehmen, Anteil nehmen, miteinander reden, essen, Zeit miteinander teilen, alles zeigt den großen Wert der Gemeinschaft.

Und so manches aus dieser Sultansgeschichte erinnert auch an Episoden aus dem Leben Jesu, wo immer wieder wie z.B. in der Geschichte des Zollbeamten Zachäus, wo auch die Gemeinschaft, miteinander reden und essen eine Rolle spielten. Und darüber hinaus noch, dass Jesus auch in besonderer Weise die Sprache des Herzens verstand, tiefer blicken konnte und den kriminellen Zachäus wieder gemeinschaftsfähig machen konnte. Der Gedanke der christlichen Gemeinschaft konnte in der afrikanischen Kultur gut verstanden und aufgenommen werden, als die ersten Missionare nach Ostafrika kamen.

„Der Mensch ist Menschen“ heißt eine Weisheit. Der Mensch ist auf Gemeinschaft angelegt.

Nicht nur in Geschichten und Weisheiten, sondern auch in der Schnitzkunst wird dies an den sog. Lebensbäumen sichtbar. Alle Generationen sind miteinander verbunden, Männer, Frauen, Alte und Junge. Niemand ist heraus lösbar. 

Der einzelne ist ohne die Gemeinschaft nicht  vorstellbar, nicht lebensfähig. Während unsere Kultur sehr stark die Rechte des Einzelnen, die Individualität betont, steht der Wert der Gemeinschaft für Tanzanier, für Afrikaner überhaupt obenan. Viele Spruchweisheiten drücken das aus: z.B. „Eine Trommel allein verkündet keine Botschaft“ oder „Eine Hand allein schnürt kein Bündel“ Beide Hände sind nötig.

Das hat Paulus auch so gesehen. Im 12. Kap seines 1. Briefes an die Korinther entwickelt er ein schönes Bild von der Einheit der christlichen Gemeinde. Er redet hier die Gemeinde in Korinth an, damals eine bedeutende Großstadt in Griechenland. In dieser Gemeinde gab es Uneinigkeit in Glaubensfragen. Man stritt u.a. darüber, was das Amt eines Apostels ausmacht, wie das Abendmahl angemessen gefeiert werden sollte, wie man sich bei Rechtsstreitigkeiten verhalten sollte und vieles mehr. Demgegenüber entwickelt Paulus das beeindruckende Bild einer christlichen Gemeinde, einer Kirche, die das Abbild eines Körpers ist, wo jeder Teil seine individuelle Bedeutung und Funktion hat und wo alle Teile miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Dabei übersieht er keinesfalls, dass es  stärkere und schwächere Glieder gibt, angesehene und weniger angesehene Glieder. Er betont aber, dass sie alle zusammen eine Einheit bilden, ja, dass die schwächeren Glieder besondere Aufmerksamkeit verdienen und sich keines über das andere erheben darf. Jeder ist für jeden mitverantwortlich, sie teilen Freud und Leid.

Wenn die Gemeinschaft der Glaubenden sich überall so versteht, dann ist sie gleichzeitig ein Abbild der Gemeinschaft aller Glaubenden weltweit, wo immer sich Menschen im Glauben an Jesus Christus versammeln, hier in St. Lukas oder in St. Marien oder im Turiani-Distrikt der Morogorodiözese in Tanzania. Zusammen bilden wir den einen Leib der Kirche Jesu Christi.

Schon zur Zeit des Paulus gab es ein Nord-Süd-Gefälle. Die Gemeindeglieder in Korinth waren trotz aller internen Probleme wirtschaftlich und sozial viel besser gestellt als ihre armen Geschwister im fernen Jerusalem und Paulus ruft sie an anderer Stelle in seinem Brief dazu auf, den benachteiligten Armen dort finanziell unter die Arme zu greifen und die Einheit durch solidarisches Handeln zu stärken. Pls drückt aus: wir brauchen die Armen, um Gutes tun zu können. Es ist keine Leistung, eher ein Geschenk, wenn wir armen Gliedern woanders helfen können. Wir tun dabei ihnen, aber vor allem uns selber etwas Gutes, den wir erhalten die Einheit des Leibes Jesu Christi.

Paulus führt im Verlauf des Briefes aus, die Korinther sollten sich bewusst sein, dass auch sie vielleicht eines Tages auf die Hilfe anderer angewiesen sein könnten. Jetzt seien sie in der Lage zu geben, eines Tage seien sie vielleicht die dankbaren Empfänger der Hilfe anderer.

Liebe Gemeinde,

vielleicht erinnern sich einige der älteren noch an die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als wir Kehrpakete aus dem fernen Amerika erhielten oder anstelle zerstörter Kirchen Kapellenbauten aus Skandinavien, von Menschen, die wir nicht kannten, die sich unsere Not zu eigen gemacht hatten.

Es gibt den schönen Holzschnitt eines afrikanischen Künstlers über den Zusammenhang, die Verbindung zwischen afrikanischen Christen/innen und ihren deutschen Geschwistern.

Darauf sieht man einen blinden und einen lahmen Mann, von züngelnden Flammen umgeben.

Der Blinde trägt den Lahmen auf seinen Schultern. Zusammen bilden sie eine Einheit, zusammen entkommen sie so den Flammen. Der Blinde leiht dem Lahmen seine Beinkraft, der Lahme leiht dem Blinden seine Sehkraft. Ich denke, auch wir sind manchmal blind oder lahm und brauchen die Augen oder die tragende Kraft eines anderen.

Geschichte Mann und Hund. Ein afrikanischer Pastor erzählte uns bei meinem letzten Besuch in Tanzania folgende Geschichte:

Besuch in Amerika. Sonntäglicher Gottesdienst mit Abendmahl. Plötzlich sieht er etwas, was in einer afrikanischen Kirche undenkbar wäre. Ein Mann kommt mit seinem Hund in die Kirche und setzt sich in eine Bankreihe. Hunde sind in den Augen von Afrikanern eher verabscheut und werden vertrieben, so man sie nur trifft. In einer Kirche haben sie überhaupt nichts zu suchen. Er sei den ganzen Gottesdienst über völlig abgelenkt und entsetzt gewesen über dies offensichtlich geduldete Verhalten in dieser amerikanischen Gemeinde. Hinterher habe der den Pastor der Gemeinde zur Rede gestellt und ihn auf das in seinen Augen unmögliche Verhalten aufmerksam gemacht. Der Pastor habe daraufhin den Man mit dem Hund herbeigerufen. Es war ein blinder Mann mit seinem Blindenhund. Der afrikanische Kollege sagte mir, er hätte vor Scham im Boden versinken mögen. Und er zog für sich die Folgerung, dass es bei der Begegnung von Kulturen gut sei, sich die Tür für einen zweiten Blick offen zu halten, weil die Dinge nicht immer so seien, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.  Und vielleicht ja nicht nur bei der Begegnung von Kulturen!

Die Stärken und die Schwächen der Glieder am Leibe Jesu Christi sind unterschiedlich. Pls macht uns darauf aufmerksam, dass wir die Partnerschaft wie wir die Beziehung zu unseren Geschwistern in anderen Teilen der Welt zu nennen pflegen, nicht erfunden haben, Gott hat uns Menschen als seine Partner erwählt. Er ist Mensch geworden, er ist zu uns gekommen, er hat uns durch Jesus Christus in seine Gemeinschaft berufen. Durch die Gemeinschaft mit ihm entdecken wir die Gemeinschaft mit den anderen Gliedern. Durch die Christusgemeinschaft entdecken wir die Christengemeinschaft. Etwas flapsig ausgedrückt leben wir also mit den Partnern immer in einem Dreiecksverhältnis. Unsere Geschwister in Afrika sind mit dem Begriff Partnerschaft nicht sehr glücklich. Er ist ihnen zu wirtschaftlich, zu pragmatisch, zu vertraglich, es fehlt das Herz! Ein afrik. Pastor sagte mir einmal: wir erwarten eigentlich keine Partner, sondern Geschwister. Es geht um die familiäre Bindung, die verpflichtende Gemeinschaft. Deswegen möchte ich heute bei ihnen ein Kisuaheliwort einführen, das unsere afrikanischen Geschwister bevorzugen: udugu = geschwisterliche Gemeinschaft, die verpflichtende Gemeinschaft in der Familie, in der christlichen Gemeinde, in der Ökumene. Sie wird am tiefsten deutlich im hlg. Abendmahl, in der Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi.

Lassen Sie uns das Wort einmal gemeinsam sprechen: Udugu! Udugu!

Propst Munisi aus der tanzanischen Hauptstadt Dodoma hat udugu, diese geschwisterliche verpflichtende Gemeinschaft einmal mit einer afrikanischen Kochstelle verglichen. Eine traditionelle Kochstelle besteht aus drei Steinen, zwischen denen das Holz entzündet wird. Der Topf steht sicher auf den drei Steinen. 3 Steine braucht man unbedingt für die Stabilität.

Munisi sagt: diese drei Steine stehen für drei Dinge: den Glauben miteinander teilen  -  das Leben miteinander teilen  -  und Güter und Gaben miteinander teilen. Diese drei Elemente garantieren, das das Essen im Topf, also übertragen udugu, die Gemeinschaft gelingen kann.

Im Glauben sind wir verbunden durch das Gebet, das Lesen in der Bibel, das gemeinsame Bekenntnis und die Fürbitte füreinander.

Das Leben teilen wir wenigstens ein stückweit miteinander, wenn wir uns gegenseitig besuchen und voneinander und miteinander besser verstehen lernen.

Und Gaben und Güter teilen wir, indem wir uns gegenseitig von dem abgeben, was wir haben. Und das betrifft nicht nur materielle Gaben. Wir empfangen Gaben von den Partnern und sollten sie ausdrücklich darum bitten, damit Geben nicht einseitig wird und die Würde der Empfangenden verletzt. Wer geben will, muß nehmen lernen, sagen die Geschwister im Sinne von udugu. Fürbitte und erfahrene Gastfreundschaft, die liebevolle Aufnahme in die familiäre Gemeinschaft sind große Gaben. So bauen wir gemeinsam an der Einheit des Leibes Jesu Christi. So gerät die erfahrene Gemeinschaft zum Segen für uns, für die Menschen dort und zum Lobe Gottes. Amen.                                                                                                               

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10.02.2008 – St. Lukas / Hamburg-Fuhlsbüttel

(Winterkirche im Gemeindesaal)

Reihe: Glaube und Lyrik – Ps 139 und Dietrich Bonhoeffer „Wer bin ich?“

Pastor i.R. Dr. Albert Schäfer

 

„Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt dun es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“ (V. 1-2)

Liebe Gemeinde.

Das kann man ja ganz verschieden hören! Da steckt drin das Drohpotential einer schwarzen Pädagogik: „Der liebe Gott sieht alles!“ Das hat manche Kinder so verängstigt, dass sie so bald wie möglich vom Glauben abgefallen sind – aus Selbstschutz. Ich will nicht, dass es einen geben soll, vor dem ich nichts verbergen kann. Denn manches muss ich verborgen halten – weil ich mit mir nicht im Reinen bin; weil da auch mancher Grund ist zur Scham oder Reue, manches innere Ringen mit meinen Wünschen und Lebensvorstellungen, die ich nicht zerredet wissen will auf dem Markt und vor Gottes Ansprüchen und Geboten. Und manches ist vielleicht so heimlich und kostbar, dass es Geheimnis bleiben soll. „Die Gedanken sind frei. Wer kann sie erraten!?“ Gott! Und die Freiheit ist dahin.

            Doch nun – ihr Lieben – scheint eine strahlende Sonne an diesem Morgen; und es war kein düsterer Text. Es hieß nicht: „Herr, du kommst mir auf die Schliche; ich entrinne nicht deiner Beobachtung; du lässt mir keinen Gedanken durchgehen.“ Staccato und mit harter Stimme zu lesen...

            Luthers Worte klingen anders. Und da der besser Hebräisch kann als ich, kann ich nur hoffen, dass er die Stimmung des Urtextes recht aufgegriffen hat: „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege...“ (V. 1-3)

 

„Glaube und Lyrik.“ Lyrik ist ursprünglich ein von der Lyra begleiteter Gesang. Da ist ein Sprachrhythmus drin, eine Satzmelodie, manchmal auch das Stilmittel des Reimes. Aber nicht alles, was sich reimt, ist Lyrik – das dürfen wir erleichtert behaupten nach mancher Faschings-Fernsehsitzung vor wenigen Tagen. Es gibt Gedichte, die sich nicht reimen und die doch verdichtete Sprache sind, also viel mehr Bedeutung hineingelegt, als wäre es die Prosa einer sachlichen Erörterung oder Feststellung.  Die Psalmen sind Gebete – gewiss – aber Gebete in Form von Dichtung. Als Gesänge haben sie eine Melodie, die sich in die Seele übertragen will auch ohne die Töne einer Tonleiter. Liebe Gemeinde, versuchen Sie mal für sich, mit dieser Absicht im Psalter zu blättern.

 

Ja, wann kommt denn nun endlich Bonhoeffer!? Er soll jetzt – jetzt erst zu Worte kommen. Denn wir predigen das biblische Wort Gottes und nicht Bonhoeffer. Er ist, wenn er zur Sprache kommt, Zeuge biblischer Verkündigung. Und wir dürfen fragen: was an seinem Zeugnis kann zum Reichtum für unseren Glauben werden.

            „Wer bin ich?“ ist die Überschrift eines Textes, der sich gleich als Lyrik erkennen lässt inmitten der Briefe, die Bonhoeffer aus dem Gefängnis an seinen Freund schrieb:

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

„Wer ich auch bin...“ „Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine“ (V. 23) Da, über den Abstand von fast dreitausend Jahren, steht ein Mensch mit der gleichen Frage an sich selbst vor Gott. Die Situation ist anders. Doch die Quelle schickt ihr lebenspendendes Wasser durch ganz verschiedene Landschaften.

            Schon eineinviertel Jahre ist Dietrich Bonhoeffer in Haft; angeklagt des Hochverrates. Immer wieder Verhöre; andauernde Besorgnis, ob die Umsturzpläne der Widerstandsgruppe gegen nationalsozialistische Gewaltherrschaft auffliegen und folglich seinem Leben ein gewaltsames Ende gesetzt werden wird. Dies Gedicht ist einem Brief beigelegt Anfang Juli 1944, also wenige Wochen vor dem geplanten Attentat 20. Juli. Hoffen und Bangen – wer von uns kann das ermessen? Und da fragt er: Wer bin ich? Oder: Wer bin ich? In welcher Situation, in welcher Bedrängnis fragt ein Mensch – fragen wir nach unserer Identität? Wenn Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung auseinanderdriften. Wenn ich mich gezwungen sehe, einen kühlen Kopf zu behalten, während gleichzeitig die Ängste die Seele zerfressen wollen. Wenn sich die Frage aufdrängt: was soll mein Leben wert gewesen sein, wenn es denn auf sein natürliches oder sein zu früh gewalttätiges Ende zugeht? Wer bin ich? Es reicht mir ja nicht, wenn andere einen positiven Eindruck von mir haben, sich an mir orientieren, ja sich Kraft holen an meiner Festigkeit, an meiner Glaubensgewissheit. Es reicht mir nicht, um deretwillen etwas auszustrahlen, weil ich noch nicht weiß, ob es auch genügend ins eigene Herz hineinleuchtet.

            Und dann schreibt Dietrich Bonhoeffer ein Gedicht. Weil die Lyrik mehr zu fassen vermag, als die vielen offenherzigen Briefzeilen an den nächststehenden Freund Eberhard Bethge. Bonhoeffer ist nicht der Schriftsteller, der sich die Sprachkunst zur Lebensaufgabe gesetzt hat. Er ist der Theologe in einer steilen intellektuellen Laufbahn, der Kirchenpolitiker in brennender Zeit, der Menschenrechtler mit der Stimme für die Schwachen; er ist durchaus elitär inclusive gewisser Eitelkeit; ist in manchen seiner Bücher und Texte intellektuell brillant bis zur Unlesbarkeit. Er ist kein Heiliger und schreibt so etwas nicht, damit es später in gesammelten Werken veröffentlicht werde, zusammen mit allen bis ins Belanglose gehenden Schrift- und Briefzeugnissen – 17 Bände! Ehe wir ihn  einfach nur auf einem hohen Sockel stehen lassen, sollen wir auch fragen: was wäre geworden z.B. mit diesem Text, wenn die Geschichte anders weitergegangen und er am Ende normaler Universitätslaufbahn pensioniert und wohl inzwischen hohen Alters heimgegangen wäre!?

            Es wäre die Normalität eines bedeutenden Menschen, die nicht zur Verklärung taugt. Und eben in diesem Gedicht schimmert durch die Normalität eines Menschen, der mit sich und mit Gott ringt um die Frage nach seiner Identität.

            Nun aber ist Bonhoeffer zum herausragenden Zeugen geworden, nicht selbst gewollt, nicht selbst gemacht, sondern durch seine Feinde im unmenschlichen Regime des Nationalsozialismus. Das ist ein Sieg des Lebens über den Tod. Das ist der Sieg des Heiligen Geistes über die teuflische Macht.

            Und dieser Text: nein, kein geplantes Gedicht. Sondern aus Bedrängnis und tiefer Bewegtheit bricht sich da etwas Bahn, in Dichtung gefasst; so wie mancher junge Mensch in der Betroffenheit einer großen Liebe Gedichte schreibt – wenn er denn das Zeug dazu hat. Und so schauen wir in eine Seele, fast als würden wir seine Intimsphäre verletzen, und nehmen Anteil an seiner existentiellen Frage: „Wer bin ich?“ Wer bin ich vor dir – Gott?

            Wie kann ich umgehen mit meinem Leben? Wie will ich mich geben? Welche Rolle spiele ich oder will ich spielen? Wo fühle ich mich verkannt? Wo spüre ich bei meiner Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“ meine die Intimsphäre schützende Oberflächlichkeit: „Danke, gut.“ Und dabei wissend, dass das nur die halbe Wahrheit ist, weil ich nicht jedem alles anvertrauen will und kann; damit der Mitwisser nicht Macht über mich gewinnt, wenn er die dunklen und schwachen Gefilde meines Ich durchschauen könnte. ich bin, was andere von mir wahrnehmen und von mir sagen; aber doch nicht nur das?!

            Wir hier und heute sind nicht gefangen  und vom Todesurteil bedroht. Doch solche inneren Spannungen sind ja nicht nur auf Extremsituationen beschränkt. Die existentielle Krise kommt ebenso in bedrohlicher Krankheit, in Erfahrungen des Scheiterns, in Enttäuschungen. Wem kann ich vertrauen; wem kann ich mich anvertrauen? „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, ...“ - -

            Was würde sein, wenn es da enden würde? Wenn da einer nicht sagen kann: „Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ „Du erforschest mich und kennest mich. ... Du verstehst meine Gedanken von ferne. ... Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. ... Führe ich gen Himmel, so bist du da; ...“ Würden sie mir das Leben nehmen, „bettete ich mich bei den Toten...“ ja, sogar über mein Sterben hinaus „siehe, so bist du auch da.“ (V. 1.2b.8)

            Das Gedicht und der Psalm – sie wollen nicht einfach eine neue, eine weitere widerstreitende Frage aufwerfen: ja, kann ich das denn auch, so  vertrauensvoll auf das Allwissen und die Allgegenwart Gottes bauen? Sie wollen vormachen, was du darfst. Sie wollen vorführen, wie ein Zeuge – Martys, der Zeuge – wie ein Märtyrer diese Frage an sich und an Gott gestellt hat. „Der liebe Gott sieht alles,“ der liebe, liebende Gott, der mehr weiß über unsere Ungewissheiten hinaus und der sich unser annimmt gerade dann, wenn wir unser selbst unsicher geworden sind.

            „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.“ (V.23) So dürfen wir beten, so dürfen wir mit Gott reden; so dürfen wir uns von ihm gehalten wissen. Nicht wir müssen ihm erst erklären, wie es mir geht, in einer Besorgnis, weil wir uns ja selbst manchmal nicht ganz verstehen.

            „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

                                                           Amen.

 
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17.2.2008  Pstor Friedhelm Nolte

WAS FRIEDEN HEISST (langsam zu singen)

 

Sing nicht so schnell dein Glaubenslied,

sing nicht so laut, so grell.

Der Glaube trägt ein schweres Kleid

aus Gnadenglück und Sterbeleid.

Vielleicht kommt er dir nahe. Vielleicht bleibt er dir fern.

 

Sing nicht so schnell dein Liebeslied,

sing nicht so laut, so grell.

Die Liebe wandelt dich und mich,

befreit das selbstbedachte Ich.

Vielleicht kommt sie dir nahe. Vielleicht bleibt sie dir fern.

 

Sing nicht so schnell dein Hoffnungslied,

sing nicht so laut, so grell.

Die Hoffnung kann viel weiter sehn,

als heute deine Füße gehn.

Vielleicht kommt sie dir nahe. Vielleicht bleibt sie dir fern.

 

Sing nicht so schnell dein Friedenslied,

sing nicht so laut, so grell.

Nicht jeder hat ein Traumgesicht,

daß Gott ihm guten Mut zuspricht.

Vielleicht kommt es dir nahe. Vielleicht bleibt es dir fern.

                                                                       Arnim Juhre

 

Liebe Gemeinde!             

            Sing nicht so schnell dein Glaubenslied

Bei einem Besuch anläßlich eines Geburtstages hatte ich mit einer alten Dame ein Gespräch über den Glauben: Sie sagte mir: „Herr Pastor ich bin zwar Mitglied der Kirche und werde nie aus ihr austreten. Aber ich kann nicht Ihren Glauben teilen. Ich habe zu viel Schlimmes in meinem Leben erfahren. Ich glaube nicht, daß es einen leiben Gott gibt. Aber ich bewundere die, die einen festen Halt im Glauben an Gott und Jesus haben. Nur ich selbst habe zu viele Fragen, zu viele Zweifel, an dem, was ich von der Kirche und der Bibel höre.“

Ich habe aus den Worten dieser Frau viele Fragen, viel Unsicherheit gehört. Und ich habe einen bei ihr Druck gespürt,  „richtig glauben“ zu sollen. Ich habe versucht, ihr diesen Druck zu nehmen, ihr zu zeigen, das es nicht darum geht, bestimmte theologische Aussagen und Bekenntnisformeln glauben zu müssen, sondern daß Glaube ein Angebot ist, dem Leben und dem, der uns das Leben geschenkt hat zu vertrauen.

Mir hat dies Gespräch gezeigt, daß viel an Lebenserfahrungen hängt, die wir machen und welche Begegnungen mit glaubenden und nicht glaubenden  Menschen wir haben.

„Sing nicht so schnell dein Glaubenslied“  So dichtet zu Recht Arnim Juhre.

Ja, liebe Gemeinde, Glaube ist wie eine zarte Pflanze.

Es braucht Geduld und Zeit und behutsame Pflege, daß er wachsen und den Stürmen und Unwettern des Lebens standhalten kann.  Ungeduld und grober Umgang des Gärtners kann schnell den Tod einer zarten Glaubensblume bringen.

Das Gedicht „Was Frieden heißt“ ist entstanden zum Kirchentag 1981 in Hamburg.       
“Fürchte dich nicht“  hieß damals das Motto.

Es waren viele positive Bibeltexte für das Christentreffen ausgewählt, die den Menschen Hoffnung und Zuversicht geben sollten: Fürchte dich nicht, Gott wird alles gut machen.

Viele Christen in den Gemeinden fanden dies in der Zeit des Wettrüstens und des kalten Krieges zwischen den Großmächten blauäugig.

Gegen oberflächliche Hoffnungsparolen nach der Melodie: „Alles wird gut“ gaben kritische Christen das Gegenmotto heraus: „Fürchte dich! – Nimm die Bedrohung des Lebens durch die Macht des Bösen Ernst“

Und darum dichtet Juhre:

Sing nicht so schnell dein Glaubenslied

Sing nicht so schnell dein Liebeslied,

Sing nicht so schnell dein Hoffnungslied

Sing nicht so schnell dein Friedenslied

In der Spannung von Zweifel und Hoffen bewegt sich unser Leben und damit auch unser Glaube.

Es gilt sich der Furcht, den Sorgen und den Verletzungen zu stellen, die Fragen, die mir mein Leben aufwirft, zu zulassen

und behutsam Antworten des Glaubens zu suchen.

Ich habe gelernt, daß wir Christen, wenn wir zu sicher auftreten, anderen oft unheimlich erscheinen

            Was ist Glaube?

Aber was ist das überhaupt: „Glaube“

Wenige Verse vor dem Abschnitt aus dem Hebräerbrief, mden wir vorhin gehört haben, steht der Satz:

Der Glaube ist eine feste Zuversicht und ein Nichtzweifeln an dem was man nicht sieht. (Hebräer 11,1)

Für die Wahrnehmung unserer Umgebung sind die fünf natürlichen Sinne des menschlichen Körpers geschaffen,  Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen.

Aber das Leben besteht aus mehr, als wir mit unseren Sinnen und unserem Wissen erfassen können.

Darauf bezieht sich der Glaube. Er sucht Gewißheit und Halt über das Offensichtliche hinaus.

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Dabei hilft mir, was ich von anderen über ihren Glauben erfahre.

Besonders die Lebens- und Glaubenszeugnisse der Bibel. Deshalb ist es für mich ein Gewinn, in der Bibel zu lesen und meinem Glauben eine Grundlage zu geben.

Es ist gut, wenn danach aus dem Erkennen der Glaubensinhalte ein persönliches Anerkennen folgt.

Daraus ergibt sich ein persönliches Vertrauen, kann ein persönlicher Glauben erwachsen.

Letztendlich geht es darum, daß Glaube der auf den biblischen fußt, erkannt hat, daß Gott selbst sich uns Menschen in unseren Glaubens- und Lebenserfahrungen offenbart. 

Unsere Epistel verweißt auf den Stammvater Abraham. Er wagt auf Gottes Wort hin den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft und in ein fremdes Land.

Er hat das Vertrauen auf Gottes Verheißung: „Ich will dich segnen und du wirst ein Segen sein!“

Sein Weg in das gelobte Land war keineswegs so gradlinig, wie es oft erscheint: Zweifel, Verzweiflung, Irrungen und Mißerfolge haben Sara und Abraham reichlich erfahren.

            Glaube, Hoffnung, Liebe

Glauben können wir nicht machen. Bei uns selbst nicht und nicht bei anderen.

Aber vertrauensvolle Begegnungen mit anderen Menschen, helfen, daß die zarte Glaubenspflanze gedeihen kann.

Es geht beim Glauben um unsere Beziehung zu Gott und immer auch um unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Das Fundament unserer Lebens- und Glaubensbeziehung zu Gott und den Menschen beschreibt Paulus im seinem großen Kapitel über die Liebe Gottes im 1. Korintherbrief so:

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.         1. Korinther 13,13

In den Strophen unseres Gedichtes klingt dies an:

sing nicht so schnell die Glaubens -, Hoffnungs-,  Liebeslied…

Juhre bringt es in der vierten Strophe gleichsam auf den Punkt: sing nicht so schnell dein Friedenslied…

Friede, hebräisch „Schalom“: das heißt heil sein, ganz sein,

so leben, wie Gott sich uns Menschen in seiner Schöpfung vorstellt.

Es ist gut, in diesem Glauben Halt für sein Leben zu finden.

Dafür können wir Gott danken und ihm unsere Glaubenslieder singen.

Aber wir sollten es behutsam tun und so, daß andere mitsingen können.

Manchmal werden es dann nicht nur Lob- und Hoffnungslieder, sondern auch mal Klagelieder und Bittgesänge.

Nur aufhören sollten nicht, mit allem, was uns bewegt, vor Gott zu kommen.

Amen.


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Predigt 24.2.08                        

Susanne Neuffer / Pastor Friedhelm Nolte

 Religionen sind Gedichte

sagt der australische Dichter und Schafzüchter Les Murray:

Religionen sind Gedichte. Sie bringen
unseren Tages- und Traumgeist in Einklang,
unsere Gefühle, Instinkte, den Atem und die uns
angeborene Gestik

in das einzig vollkommene Denken: Dichtung.
Nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt ist
und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist.

                                      Musik  Chor: Die güldne Sonne

 

B

So ähnlich müssen auch die Sänger und Dichter der Psalmen gedacht haben, als sie

Anklage, Lob, Dank und Anbetung in den Bildern ihrer Zeit ver-dichteten.

 

                                             P s a l m 34

Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, daß es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den HERRN und laßt uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

Das Angesicht des HERRN steht wider alle, die Böses tun, daß er ihren Namen ausrotte von der Erde.

Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.

Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

Der Gerechte muß viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR.

Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, daß nicht eines zerbrochen wird.

Den Gottlosen wird das Unglück töten, und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.

Der HERR erlöst das Leben seiner Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

 

                              Musik Chor:   Lasset uns singen (Die güldne Sonne V 3)                   

A

 

Und heute? Gibt es noch Psalmen ? Wohin mit Wut, Verzweiflung, Zufriedenheit, Klage, dankbarem lLachen, Depression und der Sehnsucht nach dem ganz Anderen?

 

Wir müssen gar nicht nach religiöser  Lyrik suchen, die sich schon auf dem Etikett zu erkennen gibt.

Wir lesen einfach bei zeitgenössischen Lyrikern nach und sehen ihnen dabei zu, wie sie ihren Platz in der Welt suchen.

B

Pastoren bekommen häufig zu hören: „Ich finde meinen Gott eher in der Natur“.

Rainer Malkowski  hat sich das aus einer anderen Perspektive angesehen:

 

                                       A m e i s e

Je kleiner der Kopf,

desto größer das Wunder.

 

Vielleicht

sieht Gott uns so.

 

In planvoller Bewegung.

 

Widerstände

sind äußerlich.

 

Zu umgehen

oder

einfach das Ende.

 

                                      Musik Chor:   Wer nur den lieben Gott läßt walten

 

A

 

„Plotin Tours“ von Ralf Rothmann scheint  zunächst nur  einen Urlaub in Griechenland

ins Bild zu setzen:

 

                                     P l o t i n   T  o u r s

Ein filmgerechter Fischerhafen, die Not

der Katzen mit dem Mai,

und das Land sieht so abgegafft aus,

als wäre es müde, Süden zu sein

für die Heerscharen krebsrot Verbrannter,

die im Schlafanzug vor Tempeln stehen

und Währungskurse runterbeten.

Durch den malerischen Ort,

über den Fluß ohne Wasser brettern die Laster,

Gips für die Christusfabrik. Und wahrlich,

ich sage dir: Süchtig nach Schönheit,

stellst auch du dich vier bezahlte Wochen lang

neben dein Geschwür, Wind schäumt

die Oliven auf, und was du für eine Blüte,

ein verwehtes Malvenblatt hältst,

ist ein Stückchen Klopapier.

Und ewig rauscht das Meer.

Und immer muß man pinkeln.

 

Mein Gott, was jagst du mich durch die Wüste

und knöpfst mir für die Unrast

täglich ein Vermögen ab, ein graues Haar?

Die Luft blutet, und dies Wasser

in meinen Augen war Jugend,

dieser Staub an den Schuhen war Fleisch!

Mach einen Schritt. Gib ein Zeichen.

Ich kann nicht mehr gehen.

 

                                      Musik Chor: Dein ewge Treu und Gnade

B

Nicht nur, wer einen Computer hat, weiß, dass manchmal nur Beten hilft, wenn man auf die Oberfläche starrt: (S.Neuffer)

 

                                      screen saver (psalm)

zielgenau

verirre ich mich mit meinen gebeten

in der milchstraße meines computers:

 

saver oder saviour

erbarme dich meiner mattscheibe

ist es nicht genug dass ich täglich kämpfe

mit schlüsseln und regenjacken und falschen

vermutungen über den alltag

und den verlockungen der avantgarde wie den tröstungen

                                                         des mainstream

du kennst meine neigung zu country & western

meine sympathie für camilla parker bowles

du kennst mich und schießt leuchtpunkte auf mich ab

 

und weißt wie ichs meine

 

                                 

Musik Chor: Wer nur den lieben Gott läßt walten

A

Manchmal lässt uns der Autor – wieder Ralf Rothmann – im Unklaren, mit wem er da eigentlich redet, wer ihm da näher ist als seine Seele:

                                   Das Kreuz am Giebel des Gedichts
Ich trinke dies Wasser aus eßbarem Becher.
Manche Hoffnung ist geglückt, doch daß du mir
nah bist, näher als meine Seele - was weiß ich
von meiner Seele. Ich lebe möbliert
im Eigenheim dieser Ausdrucksweise,
denke mit dem Darm und backe
mein Brot auf Menschenkot.
Ja, noch unser Dreck ist reiner als wir.

Wie lange soll ich warten auf den Tag,
an dem die Schrift mir in die Knochen fährt
und alle Religion vergessen wird
in einem Augenblick der Gnade?

Ich wollte eine helle Stelle Weltall sein
und fühl mich wie ein Hund im Regen.
Ich trinke dies Wasser aus eßbarem Becher
und kann dir nichts geben,
weil es außer dir nichts gibt.

    Musik Chor: Korn das in die Erde
B

Der Psalmist klagt, wütet und bittet nicht nur, er dankt auch. In Hans Magnus Enzensbergers Gedicht kommt das Wort  Gott  nicht vor:

                                        E m p f ä n g e r   u n b e k a n n t
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Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, daß mir das Feuerzeug
                                              nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das
                                inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

    Musik Chor: Ach bleib mit deiner Gnade
A
Wie sagt es Les Murray, der dichtende Bauer am anderen Ende der Welt?

                                 .....Volle Religion ist das große Gedicht....wieder zu.
Volle Religion ist das Gedicht in liebevoller Wiederholung;
wie jedes Gedicht muss sie unerschöpflich und vollkommen sein
mit Wendungen, wo man sich fragt Warum hat der Dichter
das wohl getan?
Man kann eine Lüge nicht beten, hat Huckleberry Finn gesagt:
man kann sie auch nicht dichten. Es ist derselbe Spiegel: beweglich,
aufblitzend nennen wir es Dichtung,
um eine Mitte verankert nennen wir es eine Religion,
und Gott ist die Dichtung, die in jeder Religion
gefangen wird, gefangen, nicht eingesperrt. Gefangen wie in einem Spiegel,
den er anzog, da er in der Welt ist, wie die Poesie
im Gedicht ist, ein Gesetz gegen jeden Abschluss.
Es wird immer Religion geben, solange es Dichtung gibt – oder einen Mangel an ihr.


Hans Magnus Enzensberger: Kiosk, Frankfurt 1995
Rainer Malkowski: Hunger und Durst, Frankfurt 1997
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen, München 1996
Susanne Neuffer: Männer in Sils-Maria,  Augsburg 1999
Ralf Rothmann: Gebet in Ruinen, Frankfurt 2000



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