Predigten
Lesetips
Predigten 2011
10. April 2011
Pastor Friedhelm Nolte
in der All Saints’ Church, Parish of Monkwearmouth,
Sunderland, UK
20. März 2011
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
Predigten 2010
5. Dezember 2010
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
Predigten
2008
Winterkirche
"Glaube und Lyrik"
20. Januar 2008
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
27. Januar 2008
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
3. Februar 2008
Pastor i. R. Dr.
Hans-Werner Müsing
10. Februar 2008
Pastor
i.R. Dr. Albert Schäfer
17. Februar 2008
Pastor Friedhelm Nolte
24. Februar 2008
Susanne
Neuffer / Pastor Friedhelm Nolte
Archiv Predigten 2006
Predigt am
Sonntag Estomihi in St. Lukas / Fuhlsbüttel (3.2.2008)
Pastor i.
R. Dr. Hans-Werner Müsing
Liebe Gemeinde!
Ich möchte heute
mit einer Weisheitsgeschichte aus
Ostafrika beginnen. Sie trägt die Überschrift: die Sprache
des Herzens.
Der weise
Sultan wählt den rechten Nachfolger
Man sagt: Da lebte
einmal ein Sultan, der fünf Söhne hatte. Er war schon alt
geworden und wollte
sein Sultansamt abgeben. Doch wußte er nicht so recht, welchen
seiner fünf
Söhne er zum Nachfolger bestimmen sollte. Eines Abends bestellte
er die Söhne
zu sich und sagt: „Geht hinaus in die Welt und sucht etwas, das das
Wichtigste
im Leben ist. Und dieses Wichtigste bringt ihr mir dann zurück.“
Da zogen nun die
fünf
Söhne aus, um das zu finden, was sie für das Wichtigste
hielten. Der älteste
Sohn baute eine prachtvolle Straße, die viele Orte im Sultanat
miteinander
verband. Der zweite Sohn errichtete einen prächtigen Sultanspalast
für seinen
Vater. Der dritte kaufte für den Vater ein herrliches Auto mit
kugelsicheren
Fenstern. Der vierte Sohn erwarb, auch für den Vater, eine
große Kuhherde. Und
was tat der fünfte Sohn? Er besuchte Freunde. Er hatte so viele
Freunde, daß es
ein ganzes Jahr dauerte, um alle seine Freunde am Wege von Bagamoyo
nach Kaole
zu besuchen, und dieser Weg ist ja nur sechs Kilometer lang.
Dann rief der Sultan
seine fünf Söhne zu sich und verlangte, daß sie ihm
zeigen, was das Wichtigste
im Leben sei. Der erste Sohn zeigte dem Vater die prachtvolle
Straße. Der Vater
sah die Straße, sagte aber nichts. Der zweite Sohn führte
den Vater zu dem
wunderbaren Palast. Der Vater sah den Palast, sagte aber nichts. Der
dritte
Sohn fuhr das herrliche Auto herbei. Der Vater sah das Auto, sagte aber
nichts.
Der vierte Sohn trieb die große Kuhherde zum Vater. Der Vater sah
die Kuhherde,
sagte aber nichts. Und was tat der fünfte Sohn? Er bat den Vater,
mit ihm seine
Freunde zu besuchen. Sie kamen zu den ersten Freunden, noch ganz in der
Nachbarschaft. Die begrüßten den Vater voller Freude und
bedankten sich bei
ihrem Freund, dem jüngsten Sultanssohn, dafür, daß er
seinen Vater zu ihnen
gebracht hatte. Ein großes Fest wurde gefeiert. Sie machten sich
auf zu den
nächsten Freunden. Auch die waren beglückt, daß ihr
Freund seinen Vater zu
ihnen brachte. Auch sie gaben ein großes Fest. Und so geschah es
bei den
nächsten Freunden und bei den nächsten Freunden und bei den
nächsten Freunden.
Der Sultan und sein
Sohn brauchten drei Jahre, um alle Freunde am Weg von Bagamoyo nach
Kaole zu
besuchen, und dieser Weg ist ja nur sechs Kilometer lang. Als sie
wieder zu
Hause angekommen waren, rief der Vater noch einmal seine fünf
Söhne zusammen.
Er sprach: „Seht meinen jüngsten Sohn. Er brachte mich zu allen
seinen
Freunden. Mit allen Freunden feierten wir Feste. Dieser mein
jüngster Sohn
versteht die Sprache des Herzens und kann damit die Herzen der Menschen
aufschließen. Hiermit erkläre ich meinen jüngsten Sohn
zu meinem Nachfolger!“
Alle Freunde des jüngsten Sohns jubelten, als die Kunde davon zu
ihnen kam, und
das waren fast alle Bewohner des Sultanats. So wurde der jüngste
Sohn Sultan
und regierte alle in Frieden und Gerechtigkeit, weil er ja die Sprache
des
Herzens verstand.
2002
erzählt von
Samahani Kejeri
Manches aus dieser
Geschichte erinnert diejenigen, die
schon einmal eine Besuchsreise zu den Partnern in Afrika gemacht haben,
sicher
an ihre Erfahrungen, wie sie bei den Partnern herumgereicht wurden.
Viele
wollten und mussten aus afrikanischer Sicht besucht werden.
Jede Familie, die
besucht wurde, bot erneut Essen und
Trinken an. Auch ich erinnere mich sehr gut an eine meiner ersten
Reisen, als
es morgens hieß: wir machen heute eine Fahrt zur Schule soundso.
Bevor wir aber
dies Ziel erreichten, hatten wir sicher 6 x einen Stop eingelegt, um
diese oder
jene Familie zu besuchen. Besuche sind eben Herzenssache.
In Kirimeni, einem
kleinen Dorf im Norden Tanzanias, war
ich dicht bei der Kirche bei einer Familie untergebracht. Am
Sonntagmorgen
verließen wir um 8. 30 Uhr das Haus, und ich wunderte mich, weil
wir ja nur 5
Minuten Weg hatten. Aber auf dem Wege trafen wir so viele Leute und
mussten sie
begrüßen, und das hieß nicht nur Hallo sagen wie bei
uns, sondern längere Zeit
miteinander reden über Kinder, Arbeit, Gesundheit usw. Wir kamen
gerade um 10
rechtzeitig zum Gottesdienst.
Sich sehen, sich
wahrnehmen, Anteil nehmen, miteinander
reden, essen, Zeit miteinander teilen, alles zeigt den großen
Wert der
Gemeinschaft.
Und so manches aus
dieser Sultansgeschichte erinnert auch
an Episoden aus dem Leben Jesu, wo immer wieder wie z.B. in der
Geschichte des
Zollbeamten Zachäus, wo auch die Gemeinschaft, miteinander reden
und essen eine
Rolle spielten. Und darüber hinaus noch, dass Jesus auch in
besonderer Weise
die Sprache des Herzens verstand, tiefer blicken konnte und den
kriminellen
Zachäus wieder gemeinschaftsfähig machen konnte. Der Gedanke
der christlichen
Gemeinschaft konnte in der afrikanischen Kultur gut verstanden und
aufgenommen
werden, als die ersten Missionare nach Ostafrika kamen.
„Der Mensch ist
Menschen“ heißt eine Weisheit. Der Mensch
ist auf Gemeinschaft angelegt.
Nicht nur in Geschichten
und Weisheiten, sondern auch in
der Schnitzkunst wird dies an den sog. Lebensbäumen sichtbar. Alle
Generationen
sind miteinander verbunden, Männer, Frauen, Alte und Junge.
Niemand ist heraus
lösbar.
Der einzelne ist ohne
die Gemeinschaft nicht vorstellbar, nicht
lebensfähig. Während
unsere Kultur sehr stark die Rechte des Einzelnen, die
Individualität betont,
steht der Wert der Gemeinschaft für Tanzanier, für Afrikaner
überhaupt obenan.
Viele Spruchweisheiten drücken das aus: z.B. „Eine Trommel allein
verkündet
keine Botschaft“ oder „Eine Hand allein schnürt kein Bündel“
Beide Hände sind
nötig.
Das
hat
Paulus auch so gesehen. Im 12. Kap seines 1. Briefes an die Korinther
entwickelt er ein
schönes Bild von der Einheit der christlichen Gemeinde. Er redet
hier die
Gemeinde in Korinth an, damals eine bedeutende Großstadt in
Griechenland. In
dieser Gemeinde gab es Uneinigkeit in Glaubensfragen. Man stritt u.a.
darüber,
was das Amt eines Apostels ausmacht, wie das Abendmahl angemessen
gefeiert
werden sollte, wie man sich bei Rechtsstreitigkeiten verhalten sollte
und
vieles mehr. Demgegenüber entwickelt Paulus das beeindruckende
Bild einer
christlichen Gemeinde, einer Kirche, die das Abbild eines Körpers
ist, wo jeder
Teil seine individuelle Bedeutung und Funktion hat und wo alle Teile
miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Dabei
übersieht er
keinesfalls, dass es stärkere und
schwächere Glieder gibt, angesehene und weniger angesehene
Glieder. Er betont
aber, dass sie alle zusammen eine Einheit bilden, ja, dass die
schwächeren
Glieder besondere Aufmerksamkeit verdienen und sich keines über
das andere
erheben darf. Jeder ist für jeden mitverantwortlich, sie teilen
Freud und Leid.
Wenn
die
Gemeinschaft der Glaubenden sich überall so versteht, dann ist sie
gleichzeitig
ein Abbild der Gemeinschaft aller Glaubenden weltweit, wo immer sich
Menschen
im Glauben an Jesus Christus versammeln, hier in St. Lukas oder in St.
Marien
oder im Turiani-Distrikt der Morogorodiözese in Tanzania. Zusammen
bilden wir
den einen Leib der Kirche Jesu Christi.
Schon
zur
Zeit des Paulus gab es ein Nord-Süd-Gefälle. Die
Gemeindeglieder in Korinth
waren trotz aller internen Probleme wirtschaftlich und sozial viel
besser
gestellt als ihre armen Geschwister im fernen Jerusalem und Paulus ruft
sie an
anderer Stelle in seinem Brief dazu auf, den benachteiligten Armen dort
finanziell unter die Arme zu greifen und die Einheit durch
solidarisches
Handeln zu stärken. Pls drückt aus: wir brauchen die Armen,
um Gutes tun zu
können. Es ist keine Leistung, eher ein Geschenk, wenn wir armen
Gliedern
woanders helfen können. Wir tun dabei ihnen, aber vor allem uns
selber etwas
Gutes, den wir erhalten die Einheit des Leibes Jesu Christi.
Paulus
führt
im Verlauf des Briefes aus, die Korinther sollten sich bewusst sein,
dass auch
sie vielleicht eines Tages auf die Hilfe anderer angewiesen sein
könnten. Jetzt
seien sie in der Lage zu geben, eines Tage seien sie vielleicht die
dankbaren
Empfänger der Hilfe anderer.
Liebe
Gemeinde,
vielleicht
erinnern sich einige der älteren noch an die Zeit nach dem 2.
Weltkrieg, als
wir Kehrpakete aus dem fernen Amerika erhielten oder anstelle
zerstörter
Kirchen Kapellenbauten aus Skandinavien, von Menschen, die wir nicht
kannten,
die sich unsere Not zu eigen gemacht hatten.
Es
gibt
den schönen Holzschnitt eines afrikanischen Künstlers
über den Zusammenhang,
die Verbindung zwischen afrikanischen Christen/innen und ihren
deutschen
Geschwistern.
Darauf
sieht man einen blinden und einen lahmen Mann, von züngelnden
Flammen umgeben.
Der
Blinde
trägt den Lahmen auf seinen Schultern. Zusammen bilden sie eine
Einheit,
zusammen entkommen sie so den Flammen. Der Blinde leiht dem Lahmen
seine
Beinkraft, der Lahme leiht dem Blinden seine Sehkraft. Ich denke, auch
wir sind
manchmal blind oder lahm und brauchen die Augen oder die tragende Kraft
eines
anderen.
Geschichte
Mann und Hund. Ein afrikanischer Pastor erzählte uns bei meinem
letzten Besuch
in Tanzania folgende Geschichte:
Besuch
in
Amerika. Sonntäglicher Gottesdienst mit Abendmahl. Plötzlich
sieht er etwas,
was in einer afrikanischen Kirche undenkbar wäre. Ein Mann kommt
mit seinem
Hund in die Kirche und setzt sich in eine Bankreihe. Hunde sind in den
Augen
von Afrikanern eher verabscheut und werden vertrieben, so man sie nur
trifft.
In einer Kirche haben sie überhaupt nichts zu suchen. Er sei den
ganzen
Gottesdienst über völlig abgelenkt und entsetzt gewesen
über dies
offensichtlich geduldete Verhalten in dieser amerikanischen Gemeinde.
Hinterher
habe der den Pastor der Gemeinde zur Rede gestellt und ihn auf das in
seinen
Augen unmögliche Verhalten aufmerksam gemacht. Der Pastor habe
daraufhin den
Man mit dem Hund herbeigerufen. Es war ein blinder Mann mit seinem
Blindenhund.
Der afrikanische Kollege sagte mir, er hätte vor Scham im Boden
versinken
mögen. Und er zog für sich die Folgerung, dass es bei der
Begegnung von
Kulturen gut sei, sich die Tür für einen zweiten Blick offen
zu halten, weil
die Dinge nicht immer so seien, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Und vielleicht ja nicht nur bei der Begegnung
von Kulturen!
Die
Stärken und die Schwächen der Glieder am Leibe Jesu Christi
sind
unterschiedlich. Pls macht uns darauf aufmerksam, dass wir die
Partnerschaft
wie wir die Beziehung zu unseren Geschwistern in anderen Teilen der
Welt zu
nennen pflegen, nicht erfunden haben, Gott hat uns Menschen als seine
Partner
erwählt. Er ist Mensch geworden, er ist zu uns gekommen, er hat
uns durch Jesus
Christus in seine Gemeinschaft berufen. Durch die Gemeinschaft mit ihm
entdecken wir die Gemeinschaft mit den anderen Gliedern. Durch die
Christusgemeinschaft entdecken wir die Christengemeinschaft. Etwas
flapsig
ausgedrückt leben wir also mit den Partnern immer in einem
Dreiecksverhältnis.
Unsere Geschwister in Afrika sind mit dem Begriff Partnerschaft nicht
sehr
glücklich. Er ist ihnen zu wirtschaftlich, zu pragmatisch, zu
vertraglich, es
fehlt das Herz! Ein afrik. Pastor sagte mir einmal: wir erwarten
eigentlich
keine Partner, sondern Geschwister. Es geht um die familiäre
Bindung, die
verpflichtende Gemeinschaft. Deswegen möchte ich heute bei ihnen
ein
Kisuaheliwort einführen, das unsere afrikanischen Geschwister
bevorzugen: udugu
= geschwisterliche Gemeinschaft, die verpflichtende Gemeinschaft in der
Familie, in der christlichen Gemeinde, in der Ökumene. Sie wird am
tiefsten
deutlich im hlg. Abendmahl, in der Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi.
Lassen
Sie
uns das Wort einmal gemeinsam sprechen: Udugu! Udugu!
Propst
Munisi aus der tanzanischen Hauptstadt Dodoma hat udugu, diese
geschwisterliche
verpflichtende Gemeinschaft einmal mit einer afrikanischen Kochstelle
verglichen. Eine traditionelle Kochstelle besteht aus drei Steinen,
zwischen
denen das Holz entzündet wird. Der Topf steht sicher auf den drei
Steinen. 3
Steine braucht man unbedingt für die Stabilität.
Munisi
sagt: diese drei Steine stehen für drei Dinge: den Glauben
miteinander
teilen -
das Leben miteinander teilen - und Güter und Gaben miteinander teilen.
Diese
drei Elemente garantieren, das das Essen im Topf, also übertragen
udugu, die
Gemeinschaft gelingen kann.
Im
Glauben
sind wir verbunden durch das Gebet, das Lesen in der Bibel, das
gemeinsame
Bekenntnis und die Fürbitte füreinander.
Das
Leben
teilen wir wenigstens ein stückweit miteinander, wenn wir uns
gegenseitig
besuchen und voneinander und miteinander besser verstehen lernen.
Und
Gaben
und Güter teilen wir, indem wir uns gegenseitig von dem abgeben,
was wir haben.
Und das betrifft nicht nur materielle Gaben. Wir empfangen Gaben von
den
Partnern und sollten sie ausdrücklich darum bitten, damit Geben
nicht einseitig
wird und die Würde der Empfangenden verletzt. Wer geben will,
muß nehmen
lernen, sagen die Geschwister im Sinne von udugu. Fürbitte und
erfahrene
Gastfreundschaft, die liebevolle Aufnahme in die familiäre
Gemeinschaft sind
große Gaben. So bauen wir gemeinsam an der Einheit des Leibes
Jesu Christi. So
gerät die erfahrene Gemeinschaft zum Segen für uns, für
die Menschen dort und
zum Lobe Gottes. Amen.
zurück
10.02.2008 – St. Lukas /
Hamburg-Fuhlsbüttel
(Winterkirche im Gemeindesaal)
Reihe: Glaube und Lyrik – Ps 139 und Dietrich
Bonhoeffer
„Wer bin ich?“
Pastor i.R. Dr. Albert Schäfer
„Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich
sitze oder
stehe auf, so weißt dun es; du verstehst meine Gedanken von
ferne.“ (V. 1-2)
Liebe Gemeinde.
Das kann man ja ganz verschieden hören! Da
steckt drin das
Drohpotential einer schwarzen Pädagogik: „Der liebe Gott sieht
alles!“ Das hat
manche Kinder so verängstigt, dass sie so bald wie möglich
vom Glauben
abgefallen sind – aus Selbstschutz. Ich will nicht, dass es einen geben
soll,
vor dem ich nichts verbergen kann. Denn manches muss ich verborgen
halten –
weil ich mit mir nicht im Reinen bin; weil da auch mancher Grund ist
zur Scham
oder Reue, manches innere Ringen mit meinen Wünschen und
Lebensvorstellungen,
die ich nicht zerredet wissen will auf dem Markt und vor Gottes
Ansprüchen und
Geboten. Und manches ist vielleicht so heimlich und kostbar, dass es
Geheimnis
bleiben soll. „Die Gedanken sind frei. Wer kann sie erraten!?“ Gott!
Und die
Freiheit ist dahin.
Doch nun –
ihr Lieben – scheint eine strahlende Sonne an diesem Morgen; und es war
kein
düsterer Text. Es hieß nicht: „Herr, du kommst mir auf die
Schliche; ich
entrinne nicht deiner Beobachtung; du lässt mir keinen Gedanken
durchgehen.“
Staccato und mit harter Stimme zu lesen...
Luthers
Worte klingen anders. Und da der besser Hebräisch kann als ich,
kann ich nur
hoffen, dass er die Stimmung des Urtextes recht aufgegriffen hat:
„Herr, du
erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so
weißt du es; du
verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um
mich und
siehst alle meine Wege...“ (V. 1-3)
„Glaube und Lyrik.“ Lyrik ist ursprünglich
ein von der Lyra
begleiteter Gesang. Da ist ein Sprachrhythmus drin, eine Satzmelodie,
manchmal
auch das Stilmittel des Reimes. Aber nicht alles, was sich reimt, ist
Lyrik –
das dürfen wir erleichtert behaupten nach mancher
Faschings-Fernsehsitzung vor wenigen
Tagen. Es gibt Gedichte, die sich nicht reimen und die doch verdichtete
Sprache
sind, also viel mehr Bedeutung hineingelegt, als wäre es die Prosa
einer
sachlichen Erörterung oder Feststellung.
Die Psalmen sind Gebete – gewiss – aber Gebete in Form von
Dichtung. Als
Gesänge haben sie eine Melodie, die sich in die Seele
übertragen will auch ohne
die Töne einer Tonleiter. Liebe Gemeinde, versuchen Sie mal
für sich, mit
dieser Absicht im Psalter zu blättern.
Ja, wann kommt denn nun endlich Bonhoeffer!? Er
soll jetzt –
jetzt erst zu Worte kommen. Denn wir predigen das biblische Wort Gottes
und
nicht Bonhoeffer. Er ist, wenn er zur Sprache kommt, Zeuge biblischer
Verkündigung. Und wir dürfen fragen: was an seinem Zeugnis
kann zum Reichtum
für unseren Glauben werden.
„Wer bin
ich?“ ist die Überschrift eines Textes, der sich gleich als Lyrik
erkennen
lässt inmitten der Briefe, die Bonhoeffer aus dem Gefängnis
an seinen Freund
schrieb:
Wer bin ich? Sie sagen
mir oft,
ich träte aus meiner
Zelle
gelassen und heiter
und fest,
wie ein Gutsherr aus
seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir
sagen?
oder bin ich nur das, was ich selbst von mir
weiß?
unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel
im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir
einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach
Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach
menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und
kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum
Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu
nehmen?
Wer bin
ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein
andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein
Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich
wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem
geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem
Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir
Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin
ich, o Gott!
„Wer ich auch bin...“ „Erforsche mich Gott, und
erkenne mein
Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine“ (V. 23) Da,
über den Abstand von
fast dreitausend Jahren, steht ein Mensch mit der gleichen Frage an
sich selbst
vor Gott. Die Situation ist anders. Doch die Quelle schickt ihr
lebenspendendes
Wasser durch ganz verschiedene Landschaften.
Schon
eineinviertel Jahre ist Dietrich Bonhoeffer in Haft; angeklagt des
Hochverrates. Immer wieder Verhöre; andauernde Besorgnis, ob die
Umsturzpläne
der Widerstandsgruppe gegen nationalsozialistische Gewaltherrschaft
auffliegen
und folglich seinem Leben ein gewaltsames Ende gesetzt werden wird.
Dies
Gedicht ist einem Brief beigelegt Anfang Juli 1944, also wenige Wochen
vor dem
geplanten Attentat 20. Juli. Hoffen und Bangen – wer von uns kann das
ermessen?
Und da fragt er: Wer bin ich? Oder: Wer bin ich? In
welcher
Situation, in welcher Bedrängnis fragt ein Mensch – fragen wir
nach unserer
Identität? Wenn Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung
auseinanderdriften. Wenn
ich mich gezwungen sehe, einen kühlen Kopf zu behalten,
während gleichzeitig
die Ängste die Seele zerfressen wollen. Wenn sich die Frage
aufdrängt: was soll
mein Leben wert gewesen sein, wenn es denn auf sein natürliches
oder sein zu
früh gewalttätiges Ende zugeht? Wer bin ich? Es reicht mir ja
nicht, wenn
andere einen positiven Eindruck von mir haben, sich an mir orientieren,
ja sich
Kraft holen an meiner Festigkeit, an meiner Glaubensgewissheit. Es
reicht mir
nicht, um deretwillen etwas auszustrahlen, weil ich noch nicht
weiß, ob es auch
genügend ins eigene Herz hineinleuchtet.
Und dann
schreibt Dietrich Bonhoeffer ein Gedicht. Weil die Lyrik mehr zu fassen
vermag,
als die vielen offenherzigen Briefzeilen an den nächststehenden
Freund Eberhard
Bethge. Bonhoeffer ist nicht der Schriftsteller, der sich die
Sprachkunst zur
Lebensaufgabe gesetzt hat. Er ist der Theologe in einer steilen
intellektuellen
Laufbahn, der Kirchenpolitiker in brennender Zeit, der Menschenrechtler
mit der
Stimme für die Schwachen; er ist durchaus elitär inclusive
gewisser Eitelkeit;
ist in manchen seiner Bücher und Texte intellektuell brillant bis
zur
Unlesbarkeit. Er ist kein Heiliger und schreibt so etwas nicht, damit
es später
in gesammelten Werken veröffentlicht werde, zusammen mit allen bis
ins
Belanglose gehenden Schrift- und Briefzeugnissen – 17 Bände! Ehe
wir ihn einfach nur auf einem hohen Sockel
stehen
lassen, sollen wir auch fragen: was wäre geworden z.B. mit diesem
Text, wenn
die Geschichte anders weitergegangen und er am Ende normaler
Universitätslaufbahn pensioniert und wohl inzwischen hohen Alters
heimgegangen
wäre!?
Es wäre die
Normalität eines bedeutenden Menschen, die nicht zur
Verklärung taugt. Und eben
in diesem Gedicht schimmert durch die Normalität eines Menschen,
der mit sich
und mit Gott ringt um die Frage nach seiner Identität.
Nun aber
ist Bonhoeffer zum herausragenden Zeugen geworden, nicht selbst
gewollt, nicht
selbst gemacht, sondern durch seine Feinde im unmenschlichen Regime des
Nationalsozialismus. Das ist ein Sieg des Lebens über den Tod. Das
ist der Sieg
des Heiligen Geistes über die teuflische Macht.
Und dieser
Text: nein, kein geplantes Gedicht. Sondern aus Bedrängnis und
tiefer
Bewegtheit bricht sich da etwas Bahn, in Dichtung gefasst; so wie
mancher junge
Mensch in der Betroffenheit einer großen Liebe Gedichte schreibt
– wenn er denn
das Zeug dazu hat. Und so schauen wir in eine Seele, fast als
würden wir seine
Intimsphäre verletzen, und nehmen Anteil an seiner existentiellen
Frage: „Wer
bin ich?“ Wer bin ich vor dir – Gott?
Wie kann
ich umgehen mit meinem Leben? Wie will ich mich geben? Welche Rolle
spiele ich
oder will ich spielen? Wo fühle ich mich verkannt? Wo spüre
ich bei meiner
Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“ meine die Intimsphäre
schützende
Oberflächlichkeit: „Danke, gut.“ Und dabei wissend, dass das nur
die halbe
Wahrheit ist, weil ich nicht jedem alles anvertrauen will und kann;
damit der
Mitwisser nicht Macht über mich gewinnt, wenn er die dunklen und
schwachen
Gefilde meines Ich durchschauen könnte. ich bin, was andere von
mir wahrnehmen
und von mir sagen; aber doch nicht nur das?!
Wir hier
und heute sind nicht gefangen und vom
Todesurteil bedroht. Doch solche inneren Spannungen sind ja nicht nur
auf
Extremsituationen beschränkt. Die existentielle Krise kommt ebenso
in
bedrohlicher Krankheit, in Erfahrungen des Scheiterns, in
Enttäuschungen. Wem
kann ich vertrauen; wem kann ich mich anvertrauen? „Wer bin ich?
Einsames
Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, ...“ - -
Was würde
sein, wenn es da enden würde? Wenn da einer nicht sagen kann: „Du
kennst mich,
Dein bin ich, o Gott!“ „Du erforschest mich und kennest mich. ... Du
verstehst
meine Gedanken von ferne. ... Von allen Seiten umgibst du mich und
hältst deine
Hand über mir. ... Führe ich gen Himmel, so bist du da; ...“
Würden sie mir das
Leben nehmen, „bettete ich mich bei den Toten...“ ja, sogar über
mein Sterben
hinaus „siehe, so bist du auch da.“ (V. 1.2b.8)
Das Gedicht
und der Psalm – sie wollen nicht einfach eine neue, eine weitere
widerstreitende
Frage aufwerfen: ja, kann ich das denn auch, so
vertrauensvoll auf das Allwissen und die Allgegenwart Gottes
bauen? Sie
wollen vormachen, was du darfst. Sie wollen vorführen, wie ein
Zeuge – Martys,
der Zeuge – wie ein Märtyrer diese Frage an sich und an Gott
gestellt hat. „Der
liebe Gott sieht alles,“ der liebe, liebende Gott, der mehr
weiß über
unsere Ungewissheiten hinaus und der sich unser annimmt gerade dann,
wenn wir
unser selbst unsicher geworden sind.
„Erforsche
mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie
ich’s meine.“
(V.23) So dürfen wir beten, so dürfen wir mit Gott reden; so
dürfen wir uns von
ihm gehalten wissen. Nicht wir müssen ihm erst erklären, wie
es mir geht, in
einer Besorgnis, weil wir uns ja selbst manchmal nicht ganz verstehen.
„Wer bin
ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst
mich,
Dein bin ich, o Gott!“
Amen.
zurück
17.2.2008 Pstor Friedhelm Nolte
WAS
FRIEDEN HEISST (langsam
zu singen)
Sing nicht so
schnell dein
Glaubenslied,
sing nicht so
laut, so
grell.
Der Glaube
trägt ein
schweres Kleid
aus
Gnadenglück und
Sterbeleid.
Vielleicht
kommt er dir
nahe. Vielleicht bleibt er dir fern.
Sing nicht so
schnell dein
Liebeslied,
sing nicht so
laut, so
grell.
Die Liebe
wandelt dich und
mich,
befreit das
selbstbedachte
Ich.
Vielleicht
kommt sie dir
nahe. Vielleicht bleibt sie dir fern.
Sing nicht so
schnell dein
Hoffnungslied,
sing nicht so
laut, so
grell.
Die Hoffnung
kann viel
weiter sehn,
als heute deine
Füße gehn.
Vielleicht
kommt sie dir
nahe. Vielleicht bleibt sie dir fern.
Sing nicht so
schnell dein
Friedenslied,
sing nicht so
laut, so
grell.
Nicht jeder hat
ein
Traumgesicht,
daß Gott
ihm guten Mut
zuspricht.
Vielleicht
kommt es dir
nahe. Vielleicht bleibt es dir fern.
Arnim
Juhre
Liebe Gemeinde!
Sing
nicht so schnell dein Glaubenslied
Bei einem Besuch anläßlich
eines Geburtstages hatte
ich mit einer alten Dame ein Gespräch über den Glauben: Sie
sagte mir: „Herr Pastor ich bin zwar Mitglied der
Kirche und werde nie aus ihr austreten. Aber ich kann nicht Ihren
Glauben
teilen. Ich habe zu viel Schlimmes in meinem Leben erfahren. Ich glaube
nicht,
daß es einen leiben Gott gibt. Aber ich bewundere die, die einen
festen Halt im
Glauben an Gott und Jesus haben. Nur ich selbst habe zu viele Fragen,
zu viele Zweifel,
an dem, was ich von der Kirche und der Bibel höre.“
Ich habe aus den Worten dieser Frau viele
Fragen, viel
Unsicherheit gehört. Und ich habe einen bei ihr Druck
gespürt, „richtig glauben“ zu sollen.
Ich habe
versucht, ihr diesen Druck zu nehmen, ihr zu zeigen, das es nicht darum
geht,
bestimmte theologische Aussagen und Bekenntnisformeln glauben zu
müssen,
sondern daß Glaube ein Angebot ist, dem Leben und dem, der uns
das Leben
geschenkt hat zu vertrauen.
Mir hat dies Gespräch gezeigt,
daß viel an
Lebenserfahrungen hängt, die wir machen und welche Begegnungen mit
glaubenden
und nicht glaubenden Menschen wir haben.
„Sing nicht so schnell dein
Glaubenslied“ So dichtet zu Recht Arnim Juhre.
Ja, liebe Gemeinde, Glaube ist wie eine
zarte
Pflanze.
Es braucht Geduld und Zeit und behutsame
Pflege, daß
er wachsen und den Stürmen und Unwettern des Lebens standhalten
kann. Ungeduld und grober Umgang des
Gärtners kann
schnell den Tod einer zarten Glaubensblume bringen.
Das Gedicht „Was
Frieden heißt“ ist entstanden zum Kirchentag 1981 in Hamburg.
“Fürchte dich nicht“ hieß
damals das Motto.
Es waren viele positive Bibeltexte
für das
Christentreffen ausgewählt, die den Menschen Hoffnung und
Zuversicht geben
sollten: Fürchte dich nicht, Gott wird alles gut machen.
Viele Christen in den Gemeinden fanden
dies in der
Zeit des Wettrüstens und des kalten Krieges zwischen den
Großmächten blauäugig.
Gegen oberflächliche
Hoffnungsparolen nach der
Melodie: „Alles wird gut“ gaben kritische Christen das Gegenmotto
heraus:
„Fürchte dich! – Nimm die Bedrohung des Lebens durch die Macht des
Bösen Ernst“
Und
darum dichtet Juhre:
Sing nicht so schnell dein
Glaubenslied
Sing nicht so schnell dein Liebeslied,
Sing nicht so schnell dein
Hoffnungslied
Sing nicht so schnell dein
Friedenslied
In
der Spannung von Zweifel und Hoffen bewegt sich unser Leben und damit
auch
unser Glaube.
Es
gilt sich der Furcht, den Sorgen und den Verletzungen zu stellen, die
Fragen,
die mir mein Leben aufwirft, zu zulassen
und
behutsam Antworten des Glaubens zu suchen.
Ich habe gelernt, daß wir Christen,
wenn wir zu
sicher auftreten, anderen oft unheimlich erscheinen
Was
ist Glaube?
Aber was ist
das überhaupt:
„Glaube“
Wenige Verse
vor dem
Abschnitt aus dem Hebräerbrief, mden wir vorhin gehört haben,
steht der Satz:
Der Glaube
ist eine feste Zuversicht und ein Nichtzweifeln an dem was man nicht
sieht.
(Hebräer 11,1)
Für die Wahrnehmung unserer Umgebung
sind die fünf
natürlichen Sinne des menschlichen Körpers geschaffen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken,
Fühlen.
Aber das Leben besteht aus mehr, als wir
mit unseren
Sinnen und unserem Wissen erfassen können.
Darauf bezieht sich der Glaube. Er sucht
Gewißheit
und Halt über das Offensichtliche hinaus.
Es ist aber
der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein
Nichtzweifeln
an dem, was man nicht sieht.
Dabei hilft mir, was ich von anderen
über ihren
Glauben erfahre.
Besonders die Lebens- und
Glaubenszeugnisse der
Bibel. Deshalb ist es für mich ein Gewinn, in der Bibel zu lesen
und meinem
Glauben eine Grundlage zu geben.
Es ist gut, wenn danach aus dem Erkennen
der
Glaubensinhalte ein persönliches Anerkennen folgt.
Daraus ergibt sich ein persönliches
Vertrauen, kann
ein persönlicher Glauben erwachsen.
Letztendlich geht es darum, daß
Glaube der auf den
biblischen fußt, erkannt hat, daß Gott selbst sich uns
Menschen in unseren
Glaubens- und Lebenserfahrungen offenbart.
Unsere
Epistel verweißt auf den Stammvater Abraham. Er wagt auf Gottes
Wort hin den Aufbruch
in eine ungewisse Zukunft und in ein fremdes Land.
Er
hat das Vertrauen auf Gottes Verheißung: „Ich
will dich segnen und du wirst ein Segen sein!“
Sein
Weg in das gelobte Land war keineswegs so gradlinig, wie es oft
erscheint:
Zweifel, Verzweiflung, Irrungen und Mißerfolge haben Sara und
Abraham reichlich
erfahren.
Glaube,
Hoffnung, Liebe
Glauben
können wir nicht machen. Bei uns selbst nicht und nicht bei
anderen.
Aber
vertrauensvolle Begegnungen mit anderen Menschen, helfen, daß die
zarte Glaubenspflanze
gedeihen kann.
Es
geht beim Glauben um unsere Beziehung zu Gott und immer auch um unsere
Beziehungen zu anderen Menschen.
Das
Fundament unserer Lebens- und Glaubensbeziehung zu Gott und den
Menschen
beschreibt Paulus im seinem großen Kapitel über die Liebe
Gottes im 1.
Korintherbrief so:
Nun
aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist
die größte
unter ihnen. 1.
Korinther 13,13
In
den Strophen unseres Gedichtes klingt dies an:
sing
nicht so schnell
die Glaubens -, Hoffnungs-, Liebeslied…
Juhre
bringt es in der vierten Strophe gleichsam auf den Punkt: sing
nicht so schnell dein Friedenslied…
Friede,
hebräisch „Schalom“: das heißt heil sein, ganz sein,
so
leben, wie Gott sich uns Menschen in seiner Schöpfung vorstellt.
Es
ist gut, in diesem Glauben Halt für sein Leben zu finden.
Dafür
können wir Gott danken und ihm unsere Glaubenslieder singen.
Aber
wir sollten es behutsam tun und so, daß andere mitsingen
können.
Manchmal
werden es dann nicht nur Lob- und Hoffnungslieder, sondern auch mal
Klagelieder
und Bittgesänge.
Nur
aufhören sollten nicht, mit allem, was uns bewegt, vor Gott zu
kommen.
Amen.
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Predigt
24.2.08
Susanne
Neuffer / Pastor Friedhelm Nolte
Religionen
sind Gedichte
sagt
der australische
Dichter und Schafzüchter Les Murray:
Religionen
sind Gedichte. Sie bringen
unseren Tages- und Traumgeist in Einklang,
unsere Gefühle, Instinkte, den Atem und die uns
angeborene Gestik
in
das einzig vollkommene Denken: Dichtung.
Nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt ist
und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist.
Musik Chor: Die güldne Sonne
B
So ähnlich müssen auch die Sänger und
Dichter der
Psalmen gedacht haben, als sie
Anklage,
Lob, Dank und
Anbetung in den Bildern ihrer Zeit ver-dichteten.
P
s a l m 34
Ich will den HERRN loben
allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich
rühmen des
HERRN, daß es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den
HERRN und laßt
uns miteinander seinen Namen erhöhen!
Als ich den HERRN
suchte,
antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.
Die auf ihn sehen,
werden strahlen
vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief,
hörte der
HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des HERRN
lagert sich um
die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Schmecket und sehet, wie
freundlich
der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!
Fürchtet den HERRN,
ihr seine
Heiligen! Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.
Die Augen des HERRN
merken auf die
Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.
Das Angesicht des HERRN
steht wider
alle, die Böses tun, daß er ihren Namen ausrotte von der
Erde.
Wenn die Gerechten
schreien, so
hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.
Der HERR ist nahe denen,
die
zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes
Gemüt haben.
Der Gerechte muß
viel erleiden,
aber aus alledem hilft ihm der HERR.
Er bewahrt ihm alle
seine Gebeine,
daß nicht eines zerbrochen wird.
Den Gottlosen wird das
Unglück
töten, und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.
Der HERR erlöst das
Leben seiner
Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.
Musik
Chor: Lasset uns
singen (Die güldne Sonne V 3)
A
Und heute? Gibt es noch Psalmen ?
Wohin mit Wut, Verzweiflung, Zufriedenheit, Klage, dankbarem lLachen,
Depression und der Sehnsucht nach dem ganz Anderen?
Wir
müssen gar nicht nach religiöser Lyrik
suchen, die sich schon auf dem Etikett zu erkennen gibt.
Wir
lesen einfach bei
zeitgenössischen Lyrikern nach und sehen ihnen dabei zu, wie sie
ihren Platz in
der Welt suchen.
B
Pastoren bekommen häufig zu
hören:
„Ich finde meinen Gott eher in der Natur“.
Rainer
Malkowski hat
sich das aus einer anderen Perspektive
angesehen:
A m e i s e
Je kleiner der Kopf,
desto größer
das Wunder.
Vielleicht
sieht Gott uns so.
In planvoller Bewegung.
Widerstände
sind
äußerlich.
Zu umgehen
oder
einfach das Ende.
Musik Chor: Wer nur den lieben Gott
läßt walten
A
„Plotin
Tours“ von Ralf
Rothmann scheint zunächst nur einen Urlaub in Griechenland
ins
Bild zu setzen:
P l o t i n T o u r s
Ein filmgerechter
Fischerhafen, die
Not
der Katzen mit dem Mai,
und das Land sieht so
abgegafft
aus,
als wäre es
müde, Süden zu sein
für die Heerscharen
krebsrot
Verbrannter,
die im Schlafanzug vor
Tempeln
stehen
und Währungskurse
runterbeten.
Durch den malerischen
Ort,
über den Fluß
ohne Wasser brettern
die Laster,
Gips für die
Christusfabrik. Und
wahrlich,
ich sage dir:
Süchtig nach
Schönheit,
stellst auch du dich
vier bezahlte
Wochen lang
neben dein
Geschwür, Wind schäumt
die Oliven auf, und was
du für eine
Blüte,
ein verwehtes
Malvenblatt hältst,
ist ein Stückchen
Klopapier.
Und ewig rauscht das
Meer.
Und immer muß man
pinkeln.
Mein Gott, was jagst du
mich durch
die Wüste
und knöpfst mir
für die Unrast
täglich ein
Vermögen ab, ein graues
Haar?
Die Luft blutet, und
dies Wasser
in meinen Augen war
Jugend,
dieser Staub an den
Schuhen war
Fleisch!
Mach einen Schritt. Gib
ein
Zeichen.
Ich kann nicht mehr
gehen.
Musik Chor: Dein ewge Treu und Gnade
B
Nicht
nur, wer einen
Computer hat, weiß, dass manchmal nur Beten hilft, wenn man auf
die Oberfläche
starrt: (S.Neuffer)
screen
saver (psalm)
zielgenau
verirre ich mich mit
meinen gebeten
in der milchstraße
meines
computers:
saver
oder saviour
erbarme dich meiner
mattscheibe
ist es nicht genug dass
ich täglich
kämpfe
mit schlüsseln und
regenjacken und falschen
vermutungen über
den alltag
und den verlockungen der
avantgarde
wie den tröstungen
des mainstream
du kennst meine neigung
zu country
& western
meine sympathie für
camilla parker
bowles
du kennst mich und
schießt
leuchtpunkte auf mich ab
und weißt wie ichs
meine
Musik Chor: Wer nur den lieben Gott läßt walten
A
Manchmal lässt uns der Autor – wieder Ralf Rothmann –
im Unklaren, mit wem er da eigentlich redet, wer ihm da näher ist
als seine Seele:
Das Kreuz am Giebel des Gedichts
Ich trinke dies Wasser aus eßbarem Becher.
Manche Hoffnung ist geglückt, doch daß du mir
nah bist, näher als meine Seele - was weiß ich
von meiner Seele. Ich lebe möbliert
im Eigenheim dieser Ausdrucksweise,
denke mit dem Darm und backe
mein Brot auf Menschenkot.
Ja, noch unser Dreck ist reiner als wir.
Wie lange soll ich warten auf den Tag,
an dem die Schrift mir in die Knochen fährt
und alle Religion vergessen wird
in einem Augenblick der Gnade?
Ich wollte eine helle Stelle Weltall sein
und fühl mich wie ein Hund im Regen.
Ich trinke dies Wasser aus eßbarem Becher
und kann dir nichts geben,
weil es außer dir nichts gibt.
Musik Chor: Korn das in die Erde
B
Der Psalmist klagt, wütet und bittet nicht nur, er dankt auch. In
Hans Magnus Enzensbergers Gedicht kommt das Wort Gott nicht
vor:
E m p f ä n g e r u n b e k a n n t
Retour a l'expediteur
Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, daß mir das Feuerzeug
nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das
inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten
auch.
Musik Chor: Ach bleib mit deiner Gnade
A
Wie sagt es Les Murray, der dichtende Bauer am anderen Ende der Welt?
.....Volle Religion ist das große Gedicht....wieder zu.
Volle Religion ist das Gedicht in liebevoller Wiederholung;
wie jedes Gedicht muss sie unerschöpflich und vollkommen sein
mit Wendungen, wo man sich fragt Warum hat der Dichter
das wohl getan?
Man kann eine Lüge nicht beten, hat Huckleberry Finn gesagt:
man kann sie auch nicht dichten. Es ist derselbe Spiegel: beweglich,
aufblitzend nennen wir es Dichtung,
um eine Mitte verankert nennen wir es eine Religion,
und Gott ist die Dichtung, die in jeder Religion
gefangen wird, gefangen, nicht eingesperrt. Gefangen wie in einem
Spiegel,
den er anzog, da er in der Welt ist, wie die Poesie
im Gedicht ist, ein Gesetz gegen jeden Abschluss.
Es wird immer Religion geben, solange es Dichtung gibt – oder einen
Mangel an ihr.
Hans Magnus Enzensberger: Kiosk, Frankfurt 1995
Rainer Malkowski: Hunger und Durst, Frankfurt 1997
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen, München 1996
Susanne Neuffer: Männer in Sils-Maria, Augsburg 1999
Ralf Rothmann: Gebet in Ruinen, Frankfurt 2000
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