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Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde
St. Lukas
Hamburg - Fuhlsbüttel
 

Predigten Winterkirche 2006 Predigten 2006




Predigt am 5.11.2006
von Pastor Bernd Vogel, Gimte (Niedersachsen)

am 21. Sonntag nach Trinitatis
– zugleich im Gedenken an die Reformation und an Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers,



Predigt am 30.7.2006
von Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
Philipper2, 1-4
"Die Haltung zählt"



Sommerkirche über Redensarten in der Bibel


Predigt am 9. 7. 06

von Pastor Friedhelm Nolte

„Einen Denkzettel verpassen“ 





Predigt am 23.7.2006

von Pastor Friedhelm Nolte
"den Seinen gibt's der Herr im Schlaf"





Winterkirche über Redensarten in der Bibel



Predigt am 15. Januar 2006
von Pastor Friedhelm Nolte
"Ein Buch mit sieben Siegeln"


Predigt am 29. Januar 2006
von Petra Roedenbeck-Wachsmann
"Jemanden unter seine Fittiche nehmen"


Predigt am 5. Februar 2006
von Pastor em. Dr. Albert Schäfer
„Der Stein des Anstoßes“



Predigt am 12.Februar 2006

von Pastor Friedhelm Nolte

„Wie Schuppen von den Augen“ 




Predigt am 19. Februar 2006

von Pastor Friedhelm Nolte

"Mit seinen Pfunden wuchern"




































Predigt am 15. Januar 2006
von Pastor Friedhelm Nolte

"Ein Buch mit sieben Siegeln"

          Verschlossen- unverständlich-geheim 
Liebe Gemeinde!     
„Das ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln“ - So sagen wir, wenn sich uns der Sinn einer Sache nicht erschließt. Es kann dabei sich um ein Buch handeln, das kompliziert geschrieben ist, mit vielen speziellen Fremdwörtern, die ich im Lexikon nachschlagen muß. Es kann auch ein Gegenstand sein z. B. ein neues Handy. Wer sich schon einmal mit einer unverständlichen Gebrauchanweisung für ein Gerät herumgeschlagen hat, kennt das: Ich nehme Informationen wahr, aber verstehe nicht, was sie bedeuten und der Sinn bleibt mir verschlossen. Eben ein „Buch mit sieben Siegeln“ Dieser Begriff stammt aus Bibel. Genau gesagt finden wir ihn in der Offenbarung des Johannes Kapitel 5, Vers 1 – 5:

1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. 2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.  4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.  5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.                                     

          Das Buch mit 7 Siegeln in der Offenbarung

Der Seher Johannes lebt in der Verbannung auf der Insel Patmos in Südwesten der heutigen Türkei zur Zeit der ersten großen Christenverfolgungen des Römischen Reiches. Als Bischof, getrennt von seinen Gemeinden und in Sorge um diese, findet er Trost und Hoffnung in einer göttlichen Vision über das Schicksal der christlichen Gemeinden. Die Geschichte der Menschheit und der Gemeinden, das Leben aller Menschen, dabei insbesondere der Christen ist aufgehoben bei Gott. Er wird alles, was Menschen jetzt nicht verstehen, zum Ziel bringen.
Johannes sieht im offenen Himmel den  Gottes Thron. Ein Buch ist in seiner Hand. Was steht in ihm? Die Offenbarung lüftet das Geheimnis: Es sind die Namen derer, die mit Christus in die ewige Herrlichkeit eingehen. Im Moment erlebt der Seher eine große Trauer um die Ungewißheit:  wessen Namen stehen darin?  Noch ist das Buch verschlossen und es ist die bange Frage: gehöre ich zu den Erlösten, denen Gott seine Herrlichkeit versprochen hat? Es gilt in dieser Zeit der Bedrängnis und Ungewißheit, dem Erlöser zu vertrauen und an ihm festzuhalten.
Die sieben Siegel werden bei Johannes beschrieben als die entscheidenden letzten Ereignisse der Weltgeschichte, die geschehen, bis am Ende offenbar wird, wessen Namen im Buch des Lebens stehen.

                   Bibel – ein Buch mit 7 Siegeln

Ausgehend von dieser Bibelstelle ist die Offenbarung und die Bibel selbst für viele zu einem Buch mit 7 Siegeln geworden. Das Buch, in dem Gott den Menschen die Zukunft offenbart, gleich vielen Lesern eher einer Geheimschrift. Dabei bedeutet das griechische Wort „Apokalypse“ im Deutschen "Enthüllung" und gerade nicht "Verhüllung". Aber etliche Leser heute haben Schwierigkeiten zu verstehen, was in der Bibel und insbesondere im letzten Buch steht.
So ist es verständlich, daß viele eine Bibel besitzen, aber es
liest sie kaum jemand. Viele schätzen sie als „Heilige Schrift“ aber sie kennen sie nicht. Vielleicht haben auch Sie diese Erfahrung gemacht: wenn ich versuche, die Bibel von vorn zu lesen, wie ein anders Buch, dann scheitere ich nach cirka 80 Seiten, so etwa im 2. Buch Mose, wo die ganzen komplizierten und schwerverständlichen Gebote und Vorschriften für das Volk Israel beschrieben sind.

                      7 Siegel als Bild für Schwierigkeiten mit der Bibel

Das hängt mit den Schwierigkeiten zusammen, die sich in der Tat beim Verstehen der  Heiligen Schrift ergeben. Ich möchte entsprechend den „7 Siegeln“ in unserem Offenbarungstext 7 Schwierigkeiten benennen, die sich im Umgang mit der heiligen Schrift für uns heute ergeben:      

                   1. Siegel: die Sprache der Bibel

Bekanntlich ist die Bibel nicht in der deutschen Sprache geschrieben. Ursprünglich ist das Alte Testament in Hebräisch und das Neue Testament in Griechisch verfaßt worden. Für uns muß es in unsere Sprache übersetzt werden. Das rückt den Text und  sei Verstehen in Ferne. Die Worte einer Sprache lassen siche ja nicht automatisch wie Ziffern beim Rechnen in eine andere Sprache übertragen. Jeder, der eine Fremdsprache gelernt hat, kennt dies Problem. Martin Luther hat seinerzeit eine geniale Übersetzung ins Deutsche geschaffen. Aber Sprache ist lebendig. Auch unsere Sprache hat sich seit damals entwickelt. Viele Worte werden anders heute verstanden, haben ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändert:
Zum Beispiel der Begriff „Testament“ Ursprünglich war damit jeder bezeugte und schriftlich niedergelegte Vertrag  gemeint, wir verstehen darunter heute nur den bezeugten letzter Willen eines Menschen

                   2. Siegel:  das Alter der Texte

Die biblischen Texte sind 2000 Jahre alt und älter: Das bedeutet, sie sind in einer Zeit geschrieben als die Lebensumstände ganz anders waren. Die Menschen hatten eine andere Kultur, eine andere Technik, eine andere Sozialordnung, ein anderes Weltbild. Wenn wir den Sinn biblischer Texte verstehen wollen, so gilt es, den „garstigen Graben der Geschichte“ zu überwinden, wie ein Theologe es formuliert hat. Ich muß mir klarmachen: was setzt ein Text voraus an selbstverständlichen Vorstellungen des Lebens, die bei uns heute ganz anders sind.
Wenn Jesus zum Beispiel in einem Gleichnis von einem Bauern spricht, der auf seinem Acker Getreide sät, dann dürfen wir nicht an unsere Landwirte denken, wie sie heute das Feld bestellen.

                   3. Siegel: Die biblischen Bilder

Die Sprache der Bibel ist durchweg bildlich. Das heißt, wo wir heute abstrakt oder theoretisch reden, da spricht die Bibel konkret. Sie greift Erfahrungen auf, die damals eingängig und verständlich waren. So heißt es in den biblischen Schriften „Auferstehung der Toten“während wir vom „Leben nach dem Tod“ sprechen. Wenn der Psalm 23 zum Beispiel Gott als Hirten beschreibt, ein Bild für Geborgenheit, dann ahnen die Älteren unter uns vielleicht, was damit gemeint ist. Die Menschen der jüngeren Generation, hören diesen Vergleich ganz anders und möchten vielleicht kein dummes, willenloses Schaf sein.

                4. Siegel: Die Widersprüche in der Bibel

Jeder Text der Bibel ist in einer bestimmten Zeit aus einem besonderen Anlaß in einer konkreten Situation entstanden. Was nun zu einem bestimmten Menschen aus einem bestimmten Anlaß gesagt wurde und hierfür bedeutsam ist, muß nicht für alle anderen Situationen genauso  gelten. Daraus ergeben sich viele scheinbare Wiederspüche:
Jesus sagt  z. B. in Markus 2, Vers 27: „
Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“  Dagegen lesen wir bei Matthäus 5 Vers 18: „Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ Das eine Wort sagt Jesus zu denen, die die Gebote und Gesetze Gottes über Liebe und Menschlichkeit stellen. Das andere gilt denen, die meinen, in der Freiheit des Glaubens sind Gottes Gebote überholt.
Die weitern drei Schwierigkeiten sind inhaltlicher Natur:

                   5. Siegel:  Die Autorität Gottes

Die Heilige Schrift und unser Glaube geht davon aus, daß Gott unserem Leben vorausgeht, ja der Schöpfer allen Lebens ist; daß wir in ihm dem Sinn unseres Lebens finden und seine Erfüllung. Viele Menschen streben aber für sich eine völlige Unabhängigkeit an. Sie verwechseln die unbedingte Autorität Gottes mit autoritärem Verhalten, wie es bei Menschen vorkommt. Gott aber ist nicht rachsüchtig, rechthaberisch oder eifersüchtig und auf den Erhalt seiner Macht versessen.
Wir können Gott zwar nur mit menschlichen Begriffen beschreiben. Unsere Sprache ist ja menschlich, sonst wäre sie uns unverständlich. Aber wir müssen uns klarmachen, daß unsere menschlichen Worte und Begriffe Gott nur teilweise beschreiben können.

                   6. Siegel: Das Menschenbild, die Rede von Sünde

Wie mit der Vorstellung von Gott, haben viele Zeitgenossen auch mit dem biblischen Menschenbild Schwierigkeiten. Die Bibel beschreibt den Menschen als Teil der Schöpfung. Er gehört gleichsam zu den Tieren höherer Ordnung, die Gott am 6. Schöpfungstag geschaffen hat. Und doch ist er auch zugleich mehr; denn er ist „nach dem Bild Gottes“ geschaffen, wie es im ersten Kapitel der Bibel gesagt wird.  Der Mensch ist ein mit Gottes Geist begabtes Wesen, wird dann in der darauf folgenden Paradiesgeschichte berichtet. Wir haben die Freiheit, nach Gottes Plan und Willen zu leben oder nicht. Wir können uns entscheiden für Gott oder gegen ihn. Wir haben ein Gewissen, machen in unserem Leben die Erfahrung von Schuld gegeneinander und gegen Gott. Wir können in der Nähe zu Gott leben und ebenso in Gottesferne. Die Bibel nennt das Sünde. Auch wenn sich die Lebensumstände sehr verändert haben, das Menschbild ist im wesentlichen gleich geblieben. Die Erfahrung der Bibel ist genau die, die wir auch heute machen: Diese Welt ist nicht einfach nur gut, wie wir sie erleben. Sie ist aber auch nicht grundsätzlich schlecht.

                   7. Siegel:  Die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung

Wir Christen glauben, daß unser Leben, diese Welt, der Erlösung bedarf. Diese ist geschehen durch Gottes Sohn Jesus Christus. Durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung. So sehen wir Christen das Leben, die Welt realistisch und zugleich mit Hoffnung. Wir verdrängen nicht, was böse ist, was es an Gewalt gibt, an Leid und Unrecht. Aber wir leben in der Hoffnung, daß dies alles bereits durch Christus überwunden ist. Am Ende unseres Lebens steht Gottes Verheißung  und seine Herrlichkeit.

                   Der Schlüssel die Siegel aufzubrechen

Dies sind die Schwierigkeiten, die 7 Siegel, die sich im Umgang mit Gottes Wort ergeben. Wie können sie überwunden werden?
Ich denke, wo uns die Schwierigkeiten bewußt geworden sind, haben wir sie schon ein Stück weit überwunden. Allerdings läßt sich das nicht mit Strategien erzwingen. Denn Gott selbst schenkt den Glauben, der das Verständnis für die Bibel bringt. Häufig steht am Anfang  die Neugier, Antworten auf die Fragen des Lebens in der heiligen Schrift zu suchen und finden. Dann kann das Wunder geschehen, daß ich entdecke, daß ich meine Fragen in der Bibel wiederfinde, daß ich dort unerwartete Antworten bekomme. Es sind menschliche Antworten, die von Gottes Geist durchdrungen sind. dann gilt es, sich auf den Weg zu machen, Fragen zu stellen an die Texte der Bibel, sich kindig zu machen und Bücher, Kommentare zu lesen. Vor allem ist wichtig, auch das Gespräch mit anderen zu suchen, vielleicht in einem Gesprächskreis unserer Gemeinde.
Es gilt, auf die Worte der Bibel mit Herz und Verstand zu zugehen. Dann ist sie kein Buch mit 7 Siegeln. Dann wird sie zum Wort des Lebens in seiner Vielseitigkeit und Verschiedenheit.                         
Amen


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Predigt am 29. Januar 2006
von Petra Roedenbeck-Wachsmann


Jemanden unter seine Fittiche nehmen

1.vom Fallenlassen und Schützen

Ich weiß nicht, ob Sie die Sendung kennen. Läuft in pro7: Germanies next topmodel. Heidi Klum, eines der Topmodels der Welt, derzeit in der Douglaswerbung zu sehen, ist sozusagen die Chefjurorin in diesem Spiel, wo es um Vermarktung angeblicher Schönheiten geht:
vor einer Menge von Bergarbeitern z.B. schickten sie die noch kaum erwachsenen jungen Mädchen nur leicht bekleidet über den Laufsteg.
„Wir werfen die Mädchen ins kalte Wasser, damit wir sehen können, wer am schnellsten schwimmen kann“. So einer der Jurimitglieder. Und was ist mit denen, die ertrinken?
„Ich habe Angst rauszufliegen“ sagt ein knapp 18jähriges blondes, superdünnes Mädchen, die dem Stress nicht gewachsen ist und kämpft mit den Tränen ….

Ums Fliegenlernen geht es auch, bei unserem geflügelten Wort heute Morgen. 
Aber wenn ich sag: ich nehme jemanden, ich nehme dich unter meine Fittiche, dann ist das eine ganz andere Haltung, die dahinter steht:
Jemanden unter seine Fittiche nehmen meint:
da ist ein oft junger oder unerfahrener Mensch, der braucht Schutz aber auch Förderung. Ich will ihn so lange fördern und schützen, bis er selbst zurecht kommt. Sie oder er sieht sich einer neuen Situation, einer neuen Umgebung ausgesetzt, beginnt etwas Neues und ich kümmere mich darum, dass er die richtigen Schritte lernt, in einem Schutzraum lernt, um eines Tages selbst fliegen zu können.

Beim Sport ist es vielleicht ein älterer Spieler, der jemanden unter die Fittiche nimmt, in der Schule ein guter Tutor oder auch die Klassenlehrerin, im Beruf jemand, der mir die erste Kontakte vermittelt.
Unter die Fittiche nehmen, das heisst Beziehung aufnehmen, jemanden fördern, ohne ihn oder sie zu erdrücken, solange, wie sie es nötig hat, bis er selbst fliegen kann.
Hier in St. Lukas ist das wichtig, wenn jemand neu ist. Beim Basar ist das gut, wenn jemand kommt, um zu helfen, dann nehme ich ihn mit an "meinen" Stand (Konfirmanden) und helfe ihm beim Eingewöhnen, oder auch, wenn ich jemanden ermutige zum Gottesdienst zu kommen und dann selbst auch da bin, oder sie zu einem Abend, zum Chor oder in den Bibelkreis einlade und dann selbst mitgehe, damit er nicht fremd bleibt, freundlich, einladend mit Fittchen eben, die schützen und leiten.

Übrigens: jemanden am Schlawittchen nehmen, das kommt auch von den Fittchen: Fittich, Federkleid, ihn noch gerade erwischen und das ist dann nicht freundlich gemeint.

2. Fittich ein poem

Aber, wieder zurück zum Fittich. Irgendwie klingt das Wort alt, wie aus der Poesie, aus einem Gedicht. Fittich klingt wie Federkleid, Fittiche wie Schwingen, ich sehe große Flügel vor mir, weit gespannt, bergend, schützend auch machtvoll.

In der Bibel kommen Fittiche ausschließlich im AT vor und fast nur in den Psalmen. Und im sog. Lied des Mose, kurz bevor Israel über den Jordan geht (auch eine Redensart). Psalmen und Lieder, das ist Dichtkunst, oder Gebetspoesie.

Fittiche kommen in 2facherBedeutung vor im AT und insgesamt nur 4x:

5. Mose 32,11: das Lied des Mose
Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt,
so breitete er (Gott) seine Fittiche aus, und nahm ihn, und trug ihn auf seinen Flügeln (Jakob=Israel)

Psalm 18,11:
Und er fuhr auf dem Cherub und flog daher
Er schwebte auf den Fittichen des Windes (Gott)
(Chrubine waren aus Gold auf dem Deckel der Bundeslade gestaltet, gegenüber an beiden Enden des Deckels hockend und die Flügel/Fittiche über die Köpfe hinweg ( so etwa) berührten sich mit den Federspitzen).

Ps 61,5
Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich
und Zuflucht haben unter deinen Fittichen (s.Redensart)
(das Zelt Gottes ist hier der Tempel, in dem die Bundeslade aufgehoben war, mit den Cherubinen und den Fittichen)

Ps 91,4
Er wird dich mit seinen Fittichen decken und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln

Unter den Schatten deiner Flügel  (Psalm 36,8)
Breite deine Güte über die, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen (Ps36,11)
Beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel (Ps 17,8)
Unter dem Schatten deiner (Gott) Flügel habe ich Zuflucht, bis dass das Unglück vorübergehe (Ps57,2)
Erhebe dich Gott über den Himmel und deine Ehre über die Welt (Ps 57 6/12)

Bei diesen Psalmworten und dem Liedwort geht es einerseits um Schutz und Abschirmung durch das Flügelkleid. Der Beter sucht diesen Schutz bei Gott oder er wird ihm zugesagt. Da geht es auch um Zuflucht, Geborgenheit vielleicht, aber immer auch um Schutz vor Feinden.
Andererseits singen die Psalmverse auch vom Getragenwerden auf den Fittichen und dieses Bild nimmt das Lied Lobe den Herrn auf: der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet.

3. der Adler und sein Junges

Welche Erfahrungen, ja Bilder stehen dahinter?
Es ist tatsächlich das Bild des Adlers. Am Sinai, so sagt man haben die Menschen die Adler beobachtet.

Adler sind Einzelgänger, große majestätische Vögel. Der Adler am Sinai baut seinen Horst (also sein Nest) auf Felsenklippen, nahe am Abgrund. Maximal zwei Eier werden ausgebrütet, aber nur ein Junges wird großgezogen. Der Adler schützt das Junge im Horst, er deckt es mit seinen Fittichen und schirmt es ad vor Kälte, vor Feinden bis es flügge wird..

Wie lernen Adler fliegen nun fliegen?
Adlerhorst/felsenklippen/tiefer Abgrund/flügge/Adler packt Küken lässt es über dem Abgrund fallen, das Junge versucht zu fliegen, stürzt und stürzt, immer schneller, dem Abgrund entgegen, aber der alte Adler, der ruhig und beobachtend seine Kreise zieht, schießt plötzlich steil nach unten fängt das Junge mit den Schwingen auf bevor es im Abgrund zu zerschellen droht und trägt es wieder nach oben, das Spiel beginnt von neuem.

4. Was für ein Bild hab ich von Gott?

Mit diesen Bildern vom Adler, von seiner Majestät, seiner Kraft, seinem Überblick, seinem schützenden und tragenden Federkleid machen sich Menschen im AT ein Bild von Gott. Er ist der Gott der Stärke, der über allem schwebt. Der Gott, der Schutz gibt, gegen Feinde, und Zuflucht gewährt vor der unwirtlichen Welt. Ein Gott, der auch streckenweise allein lässt aber im entscheidenden Moment eingreift, sein einziges Volk auffängt und vor dem Verderben schützt, aber auch den einzelnen Beter des Psalms.

Ich war gestern auf einer Fortbildung für Pädikantinnen.
Frage : was ist das entscheidende am christlichen Glauben für Sie ?
überwiegende Antworten:
ich fühl mich getragen durch den Glauben, Gott ist meine Zuflucht, Gott gibt mir Sicherheit, Gott gibt mir Geborgenheit, der Glaube ist mir Schutz und Halt………ganz ähnlich, wie die Psalmbeter des AT

Ist das auch mein Bild von Gott? Sehe ich Gott so? Als eine Schutzmacht, als Stärke, als Kraft?
Ist es die Seite Gottes, die mir die Wichtigste ist in meinem Glauben? Ist mein Bild von Gott, das des Adlers mit breiten Schwingen, der einerseits birgt und Fluchtpunkt ist, andererseits eingreift, direkt, und mich vor Abstürzen bewahrt?
Vielleicht, aber es ist allenfalls ein Teil meines Glaubens…

Denn, was ist, wenn diese „Schutzmacht“ zu schweigen scheint. Wenn sie nicht hinabstößt, wie ein Adler und eingreift, wenn Menschen in Not sind? Wenn unverständlich bleibt, warum Gott gerade dieses Leid zulässt, was einen Freund, mein Kind vielleicht, mich trifft?
Oder wenn wir auf die Stolpersteine sehen in Fuhlsbüttel z.B. Sie zeugen von diesem nicht zu verstehenden Leid der Juden im Deutschland des sog.Dritten Reiches. (Frau Löhr)

5. Jesus, das andere Gesicht Gottes, der Vater wird Sohn, lässt sein Junges fallen zum Heil der Welt ein anderer Vogel wird zum Symbol für Christus, der Pelikan

Und was ist dann mit Jesus?

Die Attribute Schutz, Geborgenheit, Zuflucht, Stärke, Sicherheit, das sind Attribute auch anderer Religionen? Moslems und die unserer Väterreligion, Juden würden wohl genau so antworten, wenn es um Gott geht.
.
Die Fittiche des AT sind Symbole eben für diese Seite Gottes, die des Vaters, des Allmächtigen, dessen, der über allem schwebt aber ist der Adler ein Symbol für Jesus?

Jesus ist das andere Gesicht Gottes.
Es ist das Gesicht des Adlers, der mit dem einzigen Jungen den er hat sich selbst fallen lässt, dies eine Mal nicht auffängt mit seinen Fittichen. Das Gesicht des Gottes der Verwundbar wird mit den Verwundeten, schwach wird mit den Schwachen, stirbt, mit den Sterbenden. Und erst dann, nachdem er ganz bei den Menschen war, die Schwingen erhebt, die Fittiche wieder ausbreitet und überwindet, am Ostermorgen. Jesus ist das Gesicht des Gottes, der bei mir bleibt in dunklen Zeiten, meine Angst meine Schwäche teilt, ein Gott, der Leid nicht verhindert aber dabei bleibt, selbst verwundbar ist und mit mir hindurchgeht bis ans Licht.

Für Jesus haben Menschen einen anderen Vogel als Symbol gefunden: Christliche Ikonenmaler haben den Pelikan auf Christus bezogen, da man meinte, er nähre seine Jungen mit seinem Herzblut.

Amen

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Predigt am 5. Februar 2006
von Pastor em. Dr. Albert Schäfer


„Der Stein des Anstoßes“


Matthäus 4, 5-6 (und Psalm 91, 11-12)

Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Ps 91): „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

 

Liebe Gemeinde.

Überall Steine um uns herum auf den Wegen, den Lebenswegen. Steine des Anstoßes, wie wir sagen in dieser auf die Bibel zurückgehenden Redensart. Wir wollen weit voraus oder um uns herum schauen, wollen den Himmel sehen oder die Menschen, die uns begegnen. Und dann liegt ein Stein auf dem Weg, ragt nur ein wenig heraus, eine verkantete Gehwegplatte vielleicht nur. Da stolpert man, weil man eben nicht gesenkten Hauptes vor die Füße geschaut hat, nicht aufgepasst auf das naheliegende Hindernis. Straucheln, stürzen oder sich grade noch abfangen, Schmerz und ein heißer Schreck, der durch die Glieder fährt. Wer wollte nicht sich davor bewahrt hoffen?

            Der Teufel, der aus triftigem Grund bibelfeste Teufel in dieser Versuchungsgeschichte Jesu weiß um diese menschliche Hoffnung. Er zitiert den Psalmgebetsvers leicht gekürzt; denn dort heißt es: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Da docken wir unsere Hoffnung an. Manches Mal habe ich diesen Vers genannt bekommen als Elternwunsch für einen Taufspruch: ein geradezu melodisches Wort für ein unbeschädigtes Leben. Denn überall liegen Steine des Anstoßes herum.

            Wenige hundert Meter von hier ein Gedenkstein für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Anstößig erscheint manchen die Inschrift „Unseren Helden“. Klingt da nicht verherrlichender Ruhm an statt Klage über die Tragik dieser Menschen, die doch eher Opfer waren oder sogar Täter oder beides unheilvoll untrennbar zugleich? Der Film „Merry Christmas“ hat vor Augen geführt, wie absurd dieser „heldenhafte“ Kampf war. Anstößig, dass einige offenbar jüngere Zuschauer bei manchen absurd-tragischen Szenen lachen konnten. Und der anstößige Stein in Hummelsbüttel – ich bin nicht für Entfernung historischer Denkmäler. Aber für die Suche nach Lösungen, die dem Betrachter erklären, aus welchem Geist dies Wort kommt und weshalb es heute anstößig sein muss.

            Und Menschen können zum Stein des Anstoßes werden. Sterbehilfe oder Jugendstrafrecht: da nehmen wir Anstoß daran, wenn wir leichtfertigen Populismus zu erkennen glauben; oder wir begrüßen die Provokation, die Herausrufung einer notwendigen Diskussion über gesellschaftliche Werte: Hilfe beim Sterben oder zum Sterben; Strafe als Sanktion für Geschehenes oder Resozialisierungsabsicht für künftige sozialverträgliche Gemeinschaft. Stein des Anstoßes und Provokation gleichzeitig.

            Ach, es gibt so viele Steine und sie haben so vielfältige Formen und Strukturen. Granit-hart oder Sandstein-weich; Basalt-schwarz oder Marmor-weiß. Der weltweite Konflikt um Mohammed-Karikaturen. Können wir akzeptieren, nachvollziehen, dass da etwas als anstößig empfunden wird, was wir – aufgeklärt und tolerant – als satirischen Ausdruck von Meinungsfreiheit verbuchen? Werden uns da nicht eher die Hass-Sprechchöre der protestierenden Massen anstößig? Wie oft sind nicht Gott und Jesus und Kirche bei uns lächerlich gemacht oder verunglimpft worden und – wir haben das mit heimlichem Groll oder gelangweilt hingenommen!? Wir verbrennen weder Fahnen noch SPIEGEL-Magazinhefte, wenn diese mit konsequenter Regelmäßigkeit zu den hohen kirchlichen Festen der Kirche und dem Glauben mit Titelstorys am Zeuge flicken. Können also erhobenen Hauptes die Pressefreiheit beschwören lassen und die Aufklärung und die Demokratie. Dabei gibt es in dieser Demokratie ein Gesetz gegen die Verunglimpfung religiöser Symbole – wenn’s unsere eigenen sind. Und es gibt die Grenze einer freien Meinungsäußerung, weil aus gutem – eigentlich: aus schlimmem – Grund z.B. nazistische Symbole verboten werden müssen. Und schon liegt ein neuer Stein auf dem Weg. Um der Meinungsbildung willen druckt eine Zeitung nach der anderen die anstößigen Karikaturen ab. Stein um Stein – seht ihr bei uns die Steine des Anstoßes, so sehen wir sie bei euch.

            Liebe Gemeinde. Sind wir schon so weit, dass wir seufzend bitten: Sende deinen Engel herab, dass er mich über diese Steinwüste hinwegtrage!?

            Aber ein Beispiel fehlt noch: die Stolpersteine. Eingelassen in die Gehwege vielerorts und auch in unserer Nachbarschaft. Über die stolpern wir gerade nicht, wenn wir erhobenen Hauptes unsere Straße gehen. Sie sind so eingelassen, dass sie mit Füßen getreten werden, weil sie von Meschen künden, deren Leben von Gestapo-Stiefeln mit Füßen getreten ward bis in den Tod. Aber wer ein Auge dafür hat, wem beim Blick vor die Füße ein Glänzen im grauen Asphalt die Seele stocken lässt, dem ist dieser Stein ein Anstoß zum Nachdenken, zum Andenken gegen die Vergessenheit geworden. Und darüber soll uns niemand – und erst recht kein Engel – hinwegtragen.

            Nun ist heute nicht eigentlich über die Versuchungsgeschichte Jesu zu predigen. Sonst wäre die Frage wichtig: wer ist denn der Teufel? Jetzt nur so viel: es ist die innere Stimme in Jesus, im Menschen Jesus, im Gottessohn, der so sehr Mensch geworden ist, dass er die innere Stimme des Menschen vernimmt, mit der dieser Gott herausfordern mag: „Ich mache mir nicht viel Gedanken über die Risiken meines Lebens und Handelns. Glaube ich an Gott, dann wird er wohl seinen Engeln befehlen usw. ... Stoße ich mich aber an den Steinen, dann ist der Engel schuld oder es gibt Gott nicht.“ Wieviel Glaube zerbricht an Schicksalsschlägen! Weil wir von Gott Bewahrung erhofften und dafür seine eigenen Psalmgebete zu lernen hatten. Warum hat Gott nicht verhindert, dass der betrunkene Mopedfahrer an einem Laternenpfahl zu Tode kam?! Wieviele Risiken sind Menschen bereit einzugehen und nennen das dann Vertrauen: religiös Vertrauen auf den Schutzengel oder säkular Vertrauen auf die Technik, also auf andere als mich, der ich riskiere. Ich weiß nicht, liebe Mitchristen, wem es auch so geht: ich kriege bei diesem teuflischen Ansinnen auf der Zinne des Tempels die Assoziation mit Bungee-Jumpern nicht aus dem Kopf, als Ausdruck einer Lebenseinstellung, die den letzten Kick braucht, die mutwillig herbeigeführte und dann überwundene Gefahr.

            Aber – besser gesagt: und Jesus verweigert sich. Er, von dem die Evangelien deutlich machen, dass er sich der Konfliktträchtigkeit seiner Mission bewusst ist, er verweigert sich dem Ansinnen, Gott auf die Probe zu stellen. Er weiß: da liegen Steine auf dem Weg, an denen ich meine Füße verletzte. Aber sie liegen da, wo ich um der Glaubwürdigkeit willen nicht anders kann. Ich werde und muss vom Sinn des Sabbatgebotes predigen. Ich werde und muss die Feindesliebe verkündigen. Ich werde und muss mich denen zuwenden, die von der Gesellschaft und der Glaubensgemeinschaft abgeschrieben und verstoßen sind. Ich werde und muss selber zum Stein des Anstoßes werden. Aber hier – in der luftigen Höhe der Tempelzinne, da gibt es kein Muss, da wäre es nur gotteslästerliche Herausforderung: Seht her, mein Gottvertrauen! Und dann würden alle die an ihrem Gottvertrauen verzweifeln, denen die Bewahrung in ihrem Lebensschicksal versagt bleibt. Jesus muss – im Bild gesprochen – sich die Füße stoßen, damit wir auf unseren steinigen Wegen ihn an unserer Seite wissen.

            Sollen wir dann aus unseren Bibeln den 91. Psalm heraustrennen, weil er mit seiner Bitte nicht „funktioniert“? Nein – ist er doch Ausdruck einer lebensbejahenden Hoffnung, die die Leichtfertigkeit vermeidet und die es Gott überlässt, auf welche Weise er mich getragen sein lassen will.

            Gestern haben wir des 100. Geburtstages von Dietrich Bonhoeffer gedacht. Der war in der Nachfolge Jesu Christi ganz und gar Mensch. Er hat frühzeitig und als einer der wenigen Anstoß genommen an dem Weg seines Volkes und seiner Kirche ins Dritte Reich hinein. Er wurde zum Stein des Anstoßes, nicht nur für die nationalsozialistischen und deutschchristlichen Gegner, sondern auch für manche zeitkritischen Glaubensgeschwister. Man hat seinen Weg in den politischen Widerstand nicht verstanden, nicht mitgetragen; man hat ihn nicht in die Fürbittliste für Verfolgte und Inhaftierte aufgenommen. Aber Dietrich Bonhoeffer hat diesen schicksalhaften Weg nicht gewählt wie eine Herausforderung an die Bewahrungszusage Gottes. Man kann sich nicht selbst zum Märtyrer machen! „Gott, wenn du schon mich nicht bewahrst in den Steinwüsten dieser Welt, dann lass deine Engel mich ins Paradies tragen...“ Nein, das wäre genauso ein Nachgeben der teuflischen Versucherstimme, die Gott sein Handeln aufzwingt.

             Man kann sich nicht selbst zum Märtyrer machen. Sondern Märtyrer wird der, der entgegen aller Lebenslust und gegen alles Harmoniebedürfnis und gegen alle Angst an einer Stelle seines Lebens weiß: ich kann nicht anders als aus dem Hören auf Gottes Wort und Auftrag hier die Stimme zu erheben für Schwache und Verfolgte, hier mitzumachen beim Kampf für Gerechtigkeit und Frieden, hier gegen den Strom zu schwimmen; ich kann nicht anders als dem Rad in die Speichen zu fallen – so eines seiner ganz frühen Worte gegen die Nazi-Tyrannen am Steuer des deutschen Volkes. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders,“ so hören wir es mit Martin Luthers Worten. Und wenn es mich Gefahr für Leib und Leben kostet!

            So ist es dann geschehen. Er wurde von seinen Feinden zum Märtyrer gemacht. Aber er wusste um den Christus an seiner Seite, weil auch der den Feinden zum Opfer fiel am Kreuz auf Golgatha.

            Christus selbst ist der Stein des Anstoßes. Ein Ärgernis für die, denen die Nähe Gottes in seiner Mission zum Ärgernis wurde. Ein Ärgernis und Zweifelsgrund, warum Gott das zugelassen haben will. Paulus im Römerbrief fügt zwei Profetenworte von Jesaja zusammen: „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.

            Da kommt zusammen, was zusammen gehört: die Bitte um Bewahrung durch die Engel Gottes; und das Vertrauen auf die Nähe Jesu Christi auch da, wo uns die Steine auf dem Lebensweg nicht erspart bleiben.

            So sollen wir im verantwortlichen Gespräch mit Gott nach Antworten suchen auf die bedrängenden Fragen, die uns wie Steine in den Weg geworfen sind. Zum Sinn von Strafe; zur Unantastbarkeit des Lebens auch im Sterben; zum Respekt auch vor fremden Religionen; zum Umgang mit der Erinnerung an das Leid von Krieg und Verfolgung. Das Vertrauen auf die Nähe Jesu Christi auch da, wo uns Steine auf dem Lebensweg nicht erspart bleiben.

            Denn Gott hat für uns noch eine Zukunft – eine Zukunft am Kreuz auf Golgatha, eine Zukunft am Galgen von Flossenbürg, eine Zukunft für uns.

                                                                                                          Amen.


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Predigt am 12.2.06

von Pastor Friedhelm Nolte

„Wie Schuppen von den Augen“ 
                         

Liebe Gemeinde!

                                      Die „gehaltenen Augen“

Wir leben in einer Zeit, in der die Bedeutung des Sehens überbewertet wird. Keine Zeitung kommt mehr ohne Bilder aus, um den Lesern die Nachrichten zu verkaufen.

Bunte Bilder müssen es sein, besser noch bewegte Bilder. Was im Fernsehen zu sehen war, muß sich so abgespielt haben – schließlich haben wir es ja mit unseren eigenen Augen gesehen.

Dabei läßt sich kein Sinnesorgan so leicht täuschen, wie unsere Augen: Das Bild, das wir da auf dem Bildschirm zu sehen meinen, ist in Wirklichkeit ja nur ein Lichtpunkt, der mit ungeheurer Geschwindigkeit  über die Mattscheibe flitzt. Unsere Augen vermitteln uns ein Bild von dieser Welt, in der wir leben, von der Natur, den Bauwerken um uns herum und von den Menschen, die uns begegnen. Oft aber trügt der Schein unserer Erfahrungen und Bilder, die wir sehen und in uns tragen.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie kommen in dieser Jahreszeit am Sonnabend spät mit dem Auto von außerhalb und sind auf dem Weg nach Hause. Da, auf der  Glashütter Landstraße merken Sie: es stimmt etwas mit einem Rad nicht. Sie halten an und sehen im Regen die Bescherung: Ein Reifen ist platt. Kofferraum auf – So ein Ärger, der kräftige Kreuzschraubenschlüssel liegt zuhause in der Garage. Mit dem Bordwerkzeug ist nichts zu machen. Sie stellen sich an den Straßenrand und versuchen jemanden anzuhalten, damit der ihnen vielleicht weiterhelfen kann. Sie erkennen zufällig das Auto eines guten Bekannten, den Sie bislang für einen Freund hielten. Doch was macht der? Er tut so, als bemerke er Sie nicht und rauscht vorüber. Erst nach zehn endlos langen Minuten hält jemand an. Einer, von dem Sie das nie gedacht hätten. Vom Typ „Rocker“: Ganz in Leder, Vollbart, Tätowierung, jedes Vorurteil wird von seinem Äußeren bedient. Und gerade der ist total nett und hilfsbereit und hilft ihnen bei der Panne und läßt sich für Sie naßregnen.

So kann unser Bild, das wir uns von einem Menschen machen, schiefliegen. Durch das, was wir sehen, sind wir in alten Hinsichten gefangen. Die Erfahrungen, die wir mit anderen gemacht haben, prägen unser inneres Bild von den Menschen, lassen uns nicht mehr vorurteilsfrei auf sie sehen. So kommt es leicht dazu, daß wir gar nicht mehr richtig hinsehen können, sondern in unseren eigenen Gedanken, und Erwartungen gefangen sind. Das ist eine Erfahrung, die bereits schon die der Bibel einige Male berichtet wird.

Da waren z. B. die sogenannten „Emmausjünger“ von denen Lukas erzählt. Sie waren nach Ostern auf dem Weg nach Hause. Der Tod Ihres Freundes und Rabbi Jesus hatte all ihre Hoffnungen total zerstört. Den Frauen, die Ihnen von der Auferstehung berichteten, konnten sie nicht glauben und völlig verstört wollten sie nur noch weg von Jerusalem. Sie nahmen überhaupt nicht wahr, daß der Begleiter, der sich Ihnen zugesellt hatte, der Auferstandene Jesus selbst war. Erst als sie im Gasthaus beim Abendessen erkannten sie ihn an der Art, wie er das Brot brach. Sie waren so gefangen in ihren alten Hinsichten und Anschauungen, daß ihre Augen erst nach Stunden geöffnet wurden.

                                      Der  neue Blick

Ähnlich verhält es sich in der Erzählung aus der Apostelgeschichte, aus der unsere Rededensart stammt: „Wie Schuppen von den Augen“ Es ist die Fortsetzung der Bekehrungsgeschichte des Apostel Paulus: Apostelgeschichte 9, 10 - 19

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet  12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. 13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen. 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen.

17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, daß du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen  19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich.

Die Begegnung des Christenverfolgers Saulus mit dem lebendigen Jesus Christus, die zuvor erzählt wird, hatte ihm gerade nicht die Augen geöffnet. Seine Gefährten müssen den Erblindeten bei der Hand nehmen und in die Stadt führen. Alles ist plötzlich anders für Ihn: Was gilt nun noch? Er war doch so voller Eifer für die Wahrheit und Ehre Gottes. Nun blickte er überhaupt nicht mehr durch. Wie soll es weitergehen? Es folgen drei furchtbare Tage voller Verwirrung und Glaubenszweifel und voller Gebet.

Erst die Begegnung mit dem Christen Hananias, einem Führer der Gemeinde in Damaskus verändert seine Situation nachhaltig und bekehrt den Saulus. Gottes Geist selbst, veranlaßt den Gemeindeältesten all seine berechtigten Vorbehalte und Ängste zu beiseite zu schieben und dem erblindeten ehemaligen Christenverfolger freundlich wie einem Bruder zu begegnen. Diese liebevolle Annahme im Geiste Jesu ist es dann, die Saulus das Augenlicht wiedergibt und ihn Christ werden läßt. Seine Sichtweise und sein enger Glaube ändern sich durch das geschwisterliche Gespräch mit Hananias. Er erkennt, daß Gott nicht ein engherziger und strafender Paragrafen- und Gesetzes-Gott ist, sondern daß er der liebende Vater im Himmel ist, wie ihn sein Sohn Jesus uns gezeigt hat. Der ist der Heiland, die Verkörperung der Liebe Gottes.

Dies erfährt Saulus in der Begegnung mit Hananias. Was seine Ohren hören, das öffnet ihm die Augen. Es ist also gerade nicht das spektakuläre Ereignis, das es „wie Schuppen von den Augen fallen“ läßt, sondern das Glaubensgespräch mit einem anderen. Es gilt die Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ (wie es St. St. Exupery im seinem „kleinen Prinz formuliert hat) 

                              Mit dem Herzen sehen

Mit dem Herzen sehen, wie geht das? Nur so daß ich in meinem Leben und Sehen vom Glauben, von Gottes Geist der Liebe geleitet bin. Die anderen Menschen werde ich so als von Gott geliebte Geschöpfe erkennen. Z. B.: Bei Lukas erzählt Jesus im Gleichnis vom Barmherzigen Sameriter, von dem fremden Sameritaner, der allen Grund gehabt hätte, an dem niedergeschlagenen verhaßten Juden vorbeizugehen: „als er ihn sah, jammerte er ihn…“ (Lk 10, 33) Der eigentlich Fremde sieht das mißhandelte, hilflose Geschöpf Gottes, da kann er nicht vorübergehen. Die neue Sichtweise des Herzens und der Liebe Gottes will geübt sein. Sie stellt sich nicht so schnell ein: Ein Schnippp – und ich bin Christ, und alles ist anders. – So nicht.

Es braucht viele Gespräche mit anderen Christen, und viel Einübung in die neue Sicht- und Lebensweise. Da sind Gemeinden wichtig mit ihren Gruppen, Kreisen und Raum für Begegnungen, wo dies geschieht. Viel mehr noch, als es schon bei uns in St. Lukas der Fall ist. Wir dürfen nicht übersehen: Nach dem Bericht der Apostelgeschichte hat es bei Saulus zwölf lange Jahre gedauert von den Ereignissen in Damaskus bis zu seiner ersten Reise als der Apostel Paulus, wie wir ihn aus seinen Briefen kennen.

Ich wünsche es für uns, für unsere Gemeinde, das hier ein Ort ist, wo es Menschen wie Schuppen von den Augen fällt, daß sie frei werden von der Blindheit des Egoismus und der Vorurteile und sich gegenseitig Verurteilens. Wo ihnen die neue Sicht des Glaubens im Geiste Jesu geschenkt wird.


Amen.


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Predigt am 19. Februar 2006

von Pastor Friedhelm Nolte

"Mit seinen Pfunden wuchern"

 

Liebe Gemeinde!

                                      Die „wuchernden Pfunde“

Jetzt bei den Olympischen Winterspielen in Turin erleben wir im Fernsehen wieder die strahlenden Olympiakämpfer, die es auf das Siegertreppchen geschafft haben. Sie haben sich gegen die anderen durchgesetzt. Sie haben mit Ihren „Pfunden gewuchert“, so könnten wir auch sagen. Damit meinen wir, daß sie ihre Begabungen und Stärken konsequent einsetzt haben. Natürlich spielen wir mit den „Pfunden“ nicht auf ihre kräftigen, antrainierten Muskeln an, die üppig „gewuchert“ sind.

Nein, diese Redensart verstehen wir nur richtig auf dem biblischen Zusammenhang, aus dem sie kommt. Man muß wissen, daß zur Zeit Jesu in Israel ein „Pfund“, oder wie man auf hebräisch sagte, eine „Mine“ die größte damals gebräuchliche Münze war im Wert von etwa 150 €. Auch der Ausdruck „wuchern“ ist für viele heute mißverständlich: während dies Wort ursprünglich nur ein geschicktes Handeln beschreibt, denken wir bei einem „Wucherer“ an jemanden, der mit überzogenen Forderungen andere übervorteilt.

Mit diesen Vorinformationen gerüstet wollen wir den biblischen Text hören aus dem unsere Redewendung stammt: „Mit seinen Pfunden wuchern.“ Er steht im Lukasevangelium, Kapitel 19, 11 – 27:

Als die Jünger nun zuhörten, sagte Jesus ein weiteres Gleichnis und sprach: Ein Fürst zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. Der ließ zehn seiner Knechte rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wiederkomme!

Und es begab sich, als er wiederkam, nachdem er das Königtum erlangt hatte, da ließ er die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was ein jeder erhandelt hätte. Da trat der erste herzu und sprach: Herr, dein Pfund hat zehn Pfund eingebracht. Und er sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger Knecht; weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst du Macht haben über zehn Städte. Der zweite kam auch und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund erbracht. Zu dem sprach er auch: Und du sollst über fünf Städte sein.

Und der dritte kam und sprach: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, das ich in einem Tuch verwahrt habe; denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst, was du nicht angelegt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Er sprach zu ihm: Mit deinen eigenen Worten richte ich dich, du böser Knecht. Wußtest du, daß ich ein harter Mann bin, nehme, was ich nicht angelegt habe, und ernte, was ich nicht gesät habe: warum hast du dann mein Geld nicht zur Bank gebracht? Und wenn ich zurückgekommen wäre, hätte ich's mit Zinsen eingefordert. Und er sprach zu denen, die dabeistanden: Nehmt das Pfund von ihm und gebt's dem, der zehn Pfund hat. Ich sage euch aber: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.

                              Das den Jüngern anvertraute Pfund

Eine geläufige Auslegung dieses Gleichnisses ist, daß mit den „Pfunden“ die Gaben und „Talente“ gemeint sind, die jede und jeder Mensch von Gott mit seinem Leben erhalten hat. Wir alle sind mit je besonderen Fähigkeiten und Begabungen beschenkt. Der eine kann gut mit seinen Händen Werken und Basteln. Die Andere hat musikalische Fähigkeiten, kann singen, ein Instrument spielen. Es gilt nun, diese Talente zu nutzen, für andere einzusetzen und nicht verkümmern zu lassen.

Der Begriff Talente findet sich übrigens in der Version unseres Gleichnisses, wie sie im Matthäusevangelium erzählt wird. Das griechische Wort „Talent“ – zu deutsch „Zentner“ – ist die Maßeinheit für 50 „Minen“ oder „Pfunde“.

Bei Lukas ist mit diesem Gleichnis etwas anderes gemeint. Dies wird schon durch seine besondere Stellung im 19. Kapitel des Evangelium deutlich: es ist die letzte Erzählung Jesu an seine Jünger vor seinem Einzug nach Jerusalem; seinen letzten Tagen, mit den entscheidenden Ereignissen, den dramatischen Auseinandersetzungen mit den Hohenpriestern, dem Passahmahl, der Verhaftung, dem Prozeß, der Kreuzigung und schließlich der Auferstehung.

Mit diesem Gleichnis beschreibt Jesus den Auftrag, den er seinen Jüngern ans Herz legt, bevor sich sein Leidens- und Erlösungsweg  vollendet. Der Fürst, von dem er spricht, ist er selbst und das Königtum, das dieser erlangt, manifestiert sich später in seiner Auferstehung. Das  Pfund, das er seinen Knechten, den Jüngern, anvertraut, ist sein Vermächtnis: Das Evangelium von der Liebe Gottes, die uns Leben, Heil, Vergebung und Frieden bringt. Das hat er seine Jüngern gelehrt und es ihnen vorgelebt, das hat er ihnen und mit ihnen verkündigt. Das sollen sie weitergeben mit Wort und Tat, wenn er nicht mehr bei ihnen ist.

Mit diesem „Pfund“ sollen sie wuchern, damit Handel treiben.

Sie sollen diese frohe Botschaft, ihren Glauben an die Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist, und die Macht des Bösen und des Todes überwunden hat, nein, das sollen sie nicht für sich behalten, sie sollen es unter die Leute bringen. Sie sollen anderen erzählen von dem, was mit Jesus erlebt, gehört, gesehen haben. Auf seinen Beistand, seinen Geist, können sie dabei vertrauen. Wenn sie allerdings diese frohe Botschaft nur als eigenen Besitz verstehen, ihnen zur eigenen Erbauung gegeben, dann wird sie wertlos.

Wenn sie Jesus Christus bei seiner Wiederkehr sehen, werden sie ihm Rechenschaft ablegen: wie habt ihr mit dem gehandelt, was ich euch gegeben habe? Wie habt ihr mit dem „Pfund“, das ich euch anvertraut habe „gewuchert“? Dann wird er die, die vielen anderen das Evangelium weitergegeben haben, gelobt und belohnt. Wer die Gabe des Glaubens nur für sich behalte hat, es vor anderen versteckt, steht am Ende mit leeren Händen da.

So ist auch der harte Satz verständlich: Ich sage euch aber: Wer da (erwirtschaftet) hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht (erwirtschaftet) hat, wird auch das genommen werden, was er hat.“    

                         Was machen wir mit dem Pfund des Glaubens?

„Bringt euren Glauben, die frohe Botschaft der Liebe, und des Friedens unter die Leute!“ - Diese Aufforderung, die Jesus an seine Jünger richtet, ist auch für uns Christen heute nach wie vor aktuell. Es ist der Zeitlose Auftrag an die Kirche, an jede christliche Gemeinde,  an jeden Christen. Christus vertraut auch uns heute, die wir hier im Gemeindesaal von St. Lukas versammelt sind, sein „Pfund zum Wuchern“ an. Wo wir hier im Gottesdienst gemeinsam sein Wort hören, das uns tröstet, aufrichtet, ermahnt, Halt und Ziel für unser Leben gibt, sollen wir das nicht einfach nur zur eigenen Erbauung hören. Wir sind auch von gerufen, jeder nach seinen Möglichkeiten, an seinem Platz, das, was uns zum Leben gesagt ist, anderen weiter zu geben.

Wie können wir diesem Auftrag gerecht werden? Ich möchte diese Frage heute morgen nicht theoretisch abhandeln. Ich finde, ein anschauliches Gleichnis fordert ein konkretes Handeln heraus. Es ist gut,  wenn wir, wenn Sie diese Frage mit praktischen Erfahrungen beantworten.      
Darum möchte ich ihnen heute symbolische Pfunde an die Hand geben: 5€ mit denen sie wuchern können. Einige Kirchenvorsteher werden jetzt herumgehen und ihnen eine Karte überreichen, daran ist ein Fünf-€uro-Schein geklebt. Meine Bitte ist: „wuchern“ sie damit. Handeln sie damit.

Wie kann das geschehen? Es geht mir dabei nicht einfach um Geldvermehrung, daß Sie damit einfach eine Sammlung beginnen.

Vielleicht kaufen sie Zutaten und backen einen Kuchen, verkaufen diesen bei einem Familien- oder Nachbarschaftsfest und geben den Erlös für die Gemeinde. Oder nutzen das Geld, um damit Marmelade  zu kochen. Oder Sie kaufen einfach eine Spardose und stellen sie in Ihrer Wohnung an der Haustür auf.

Wichtiger als der Spendeneffekt, den diese Aktion bringen kann, ist mir, daß Sie über den Einsatz dieses Geldes mit anderen Menschen, ins Gespräch kommen: über Ihren Glauben, über Gott und die Gemeinde. Daß Sie so das Evangelium weitergeben, in der Familie, an Verwandte, Freunde, Nachbarn Arbeitskollegen, wie es sich eben ergibt.

Ich gebe Ihnen für Ihre Ideen und Aktionen ein Jahr Zeit. Sie können auch Ihr „Pfund“ und was Sie erwirtschaftet haben natürlich auch schon eher zurückbringen. Spätestens im nächsten Februar möchte ich Bilanz ziehen, nicht nur wirtschaftlich: Mehr noch interessieren mich Ihre Erfahrungen. Ich hoffe auf Ihre Berichte von dem, was Sie erlebt haben, beim „Wuchern mit Ihrem Pfund“, welche Begegnungen, welche Gespräche .

Also gilt von heute an auch bei uns in St. Lukas Jesu Aufforderung aus unserem Gleichnis: „wuchert mit den Pfunden, handelt damit, bis ich wiederkomme“!

Amen.





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Predigt am 9. 7. 06

von Pastor Friedhelm Nolte

„Einen Denkzettel verpassen“ 



 

 

                                      Der sprichwörtliche „Denkzettel“

Liebe Gemeinde! Ich verpasse Ihnen heute morgen einen Denkzettel!   Wenn Sie das hören, dann zucken Sie vielleicht zusammen. Ein Denkzettel verheißt Unangenehmes: Wenn ich mein Auto kurz im Halteverbot abgestellt habe,  verpaßt mir eine  Politesse ein „Knöllchen“. Oder jemand hat mir die Vorfahrt genommen: voller Rachegedanken sage ich mir: dem müßte man mal einen „Denkzettel“ verpassen.

Daneben gibt es noch die vielen ganz banalen Denkzettel gleich Notizzettel im Alltag: ich schreibe mir auf, was unbedingt nicht vergessen zu erledigen will: beim Einkauf, den wichtigen Anruf,  die Telefonnummer.

Das Wort „Denkzettel war im Mittelalter ein juristischer Ausdruck: Urkunde oder Vorladung vor Gericht. Daher hat dies Wort seit alters einen unangenehmen Unterton. Wir bezeichnen damit wir entweder eine Strafe, die eine Person zum Nachdenken bringen soll (einen Denkzettel verpassen) oder aber eine unangenehme Erfahrung, die jemandem als Lehre dient oder dienen sollte (einen Denkzettel bekommen).

                                      Der  biblische Denkzettel

Den Ausdruck Denkzettel wählte Luther bei der Übersetzung des griechischen Wortes „Phylakterion“ = hebräisch: „Terillin“ in der Übersetzung von Matthäus 23, 5: „Sie (die Pharisäer) machen ihre Denkzettel breit“.  Denn gesetzestreue Juden befestigen lederne Kapseln zum Gebet mit langen Riemen auf der Stirn und am linken Arm. In diesen sind mit Schriftworten beschriebene Pergamentstreifen verwahrt. Die Gebetsriemen aus dunklem Leder, werden beim Morgengebet an den Wochentagen getragen, jedoch nicht am Sabbat und an den Feiertagen.

Während der eine der zwei Riemen um den Kopf geschlungen wird, muß der andere um Ring- und Mittelfinger der linken Hand bis über den Ellbogen des linken Arms gewickelt werden. Zur Zeit Jesu trugen viele Fromme die Gebetsriemen den ganzen Tag.

In der Kapsel befinden sich vier 'Minischriftrollen', die verschiedene Thoraverse enthalten (2. Mose 13, 1-10; 13, 11-16; 5. Mose 6, 4-9 u. 11, 13-21) wie die vorhin gehörten.

Das Tragen auf der Stirn beziehungsweise am Arm gegenüber dem Herzen geht auf das Gebot aus unserem Bibelabschnitt 5. Mose 6, 8 zurück:

„Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Denkzettel zwischen deinen Augen sein...“

                              An Gott denken im Alltag

Der Denkzettel bzw. Gebetsriemen ist also für den frommen Juden ein sichtbares Zeichen, daß man Gedanken und Herz auf Gott richten möchte. Als Ausdruck gelebter Frömmigkeit ist er sicher eine gute Sache, allerdings läßt sich damit eine Nähe zu Gott nicht erzwingen.

Ein Denkzettel denkt eben selbst an nichts. Wenn ich notiert habe: Butter besorgen! dann erledigt das nicht der Notizzettel. Das muß ich schon selber tun. Ebenso: ein Gebetsriemen, oder auch eine Kerze, die mich an Gott erinnern soll, beten nicht für mich. Mein Denken an Gott, mein Beten zu ihm, kann ich nicht stellvertretend dadurch erledigen lassen.

Und dennoch: Ich meine, wir können vom Brauch der Juden, Gebetsriemen mit frommen Denkzetteln zu tragen doch etwas lernen: nämlich daß es wichtig ist nicht am Feiertag an Gott zu denken, sondern genauso auch im Alltag. Gottes Worte, seine Mahnungen, Tröstungen und Gebote sind nicht nur für fromme  Stunden im Gotteshaus, sondern sie wollen im Lebensalltag bedacht, umgesetzt und gelebt werden. „du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Es gilt dieses Gebot in meinem ganz normalen Umgang mit anderen umzusetzen.

Jesus regt sich zu Recht über die scheinbare Frömmigkeit einiger Zeitgenossen auf: (Matthäus 23, 3 - 7) Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen's zwar, tun's aber nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen. Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Denkzettel breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan bei Tisch und in den und haben's gern, daß sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden.

Ob wir Gott in unser Leben einbeziehen, ob uns sein Wort wichtig ist und wir Ernst damit machen, zeigt sich im Umgang mit anderen Menschen im Alltag.

Geht mir das Schicksal anderer nahe, oder sind sie mir gleichgültig?   Nehme ich die Not anderer wahr oder sehe ich weg, wenn jemand neben mir in Gefahr sind? Bin ich bereit, das Lebensrecht anderer genauso wichtig zu nehmen, wie meines? Eine Frage, die angesichts der Einsparungen in den Sozialkassen  und der Verteilkämpfe um die öffentlichen Mittel bedeutsam wird.

Gerade Jesus Christus hat uns ja gelehrt, daß es einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Liebe zu Gott und dem Nächsten gibt: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!“ Dabei dürfen wir nicht übersehen, daß der Nächste im Sinne Jesu nicht einfach der ist, den ich mag oder der mir verwandtschaftlich nahe steht, sondern der, der mir in meinem Alltag vor die Füße gelegt wird, wie es in dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählt wird.

                              Vom Denken zum  Danken

Die Denkzettel der frommen Juden sollen im Alltag daran erinnern, daß wir allein aus der Liebe und Gnade Gottes heraus leben. Ja, es ist gut, sich immer wieder daran zu erinnern: Daß ich hier und jetzt dasein darf, daß ich auf dieser schönen Erde, die Gott geschaffen hat, leben kann; daß er mir jeden Tag neu Zeit schenkt, die ich genießen kann, in der ich etwas schaffen kann, die mir Begegnungen mit Anderen ermöglicht; daß ich nicht an meinen Fehlern und Schwächen verzweifeln muß; daß mein Leben eine Perspektive hat über die Biologie hinaus; daß ich nicht gefangen bleibe in den Teufelskreisen von Haß, Gewalt und Tod  - das alles ist Gottes einzigartiges Geschenk des Lebens an mich, wie auch an jeden anderen Menschen.

Es ist gut dies immer wieder im Lebensalltag zu bedenken. Dieses Denken an Gott  führt mich zum Danken. Denken und Danken sind ja bekanntlich sprachlich eng verwandte Worte. Das Denken über den Ursprung und Sinn meines Lebens führt mich zum Dank an Gott, den Schöpfer und des Lebens. Und es bringt mich zu einer dankbaren Lebenshaltung in meinem Alltag.

Eine solchen „Denkzettel“ möchte ich ihnen heute morgen gern verpassen. Wenn Sie auch nicht äußerlich tragen sollen, so wünsche ich doch, daß sie ihn in Ihrem Herzen haben.

Amen.

 

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Predigt am 16. Juli 2006
von Pastor Friedhelm Nolte
"Auge um Auge, Zahn um Zahn"

Liebe Gemeinde!

    Ein uraltes Sprichwort zu biblischen Zeiten

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, eines der ältesten bekannten Sprichworte überhaupt, auch schon zu Zeiten der Bibel. Bereits Jesus zitiert es  aus dem 2. Buch Mose.

Auch wenn es uns archaisch, veraltet vorkommt, hat es auch heute seine Gültigkeit im Leben der Menschen:
Im Kindergarten, da streiten Kinder, es kommt zur Prügelei, die Streitenden verletzen sich gegenseitig.

In der Auseinandersetzung von Staaten erleben wir es ähnlich: Mit Erschrecken sehen wir gerade in diesen Tagen wieder auf die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen Arabischen Nachbarn. Terroranschläge, Bombenattentate, Entführungen, Bombardements, die Panzer rollen.

Gewalt wird immer mit noch mehr Gewalt beantwortet. Auge um Auge, Zahn um Zahn!  so sagen sie. Wie Du mir, so ich Dir! so sagen wir, wenn es uns betrifft. Und häufig wir schon den Kindern beigebracht: Du darfst dir nicht alles gefallen lassen, denn wo kommen wir dann sonst hin?

                                      Ein Sprichwort zur Begrenzung der Gewalt

Das archaische Sprichwort ist also nicht so primitiv, wie man denken könnte. Auch heute ist es immer noch höchst aktuell.

Wenn wir in den alttestamentlichen Zusammenhang sehen, dann merken wir vielleicht, welch kulturellen Fortschritt dieser Satz bedeutet: „2. Mose 21, 23 Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben,  Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß,  Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“ so sagt das Mosaische Gesetz.

Es geht also darum, Vergeltung, Rache und Strafe einzugrenzen. Unser Gebot will die Verhältnismäßigkeit der Abwehrmaßnahmen gegen Gewalt erreichen. Es soll nicht blindwütig in Zorn und Haß gehandelt werden. Die Vergeltung der Gewalt selbst wird zwar nicht in Frage gestellt, aber sie soll im vernünftigen Maß zum Schaden stehen.

Ein Handeln nach diesem Sprichwort setzt einen gewissen Abstand und auf jeden Fall Besonnenheit voraus: Denn ich muß erst in der Lage sein, objektiv zu erkennen: welchen Schaden habe ich erlitten, um dann genauso objektiv das Maß der Vergeltung zu bestimmen und entsprechend zu handeln. Vergeltung wird als Not-wendig gesehen im wahrsten Sinn des Wortes: eine entstandene Not, ein Unrecht soll gewendet werden, zerstörtes Recht, zerstörter Friede wieder hergestellt werden. Unrecht und Gewalt darf ich mir nicht gefallen lassen, denn wo kommen wir dann sonst hin?

                              Warum Jesus das Sprichwort kritisiert

Ja, wo kommen wir dann hin? Zu Recht kritisiert Jesus in der Bergpredigt das alte Sprichwort. Oft wird ja Jesus im Zusammenhang mit diesen Sätzen der Bergpredigt Naivität und Realitätsferne vorgeworfen. Z. B. hat von Altkanzler Helmut Schmidt den Satz gesagt: „Man kann mit der Bergpredigt nicht regieren.“

Nein im Gegenteil meine ich: Jesus hat sehr realistisch die Erfahrungen vor Augen, die Menschen mit dem Satz „Auge um  Auge, Zahn um Zahn“ machen. Dies primitive Stellen von Gewalt gegen Gewalt führt zu einer Spirale der Gewalt, in einen Teufelskreis des Hasses.

Das gilt im Großen wie im Kleinen: Bei dem tätlichen Streit zwischen Kindern geht schnell jedes Maß verloren. In der Wut werden dem Anderen Verletzungen zugefügt, die dem ursprünglichen Anlaß überhaupt nicht mehr angemessen sind. Die Gewalt eskaliert.

Der gegenwärtige Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern wurde ausgelöst durch die den Überfall und die Entführung erst eines, dann zweier weiterer Israelischer Soldaten. Es folgten Vergeltungsmaßnahmen mit Bombardierungen im Gazastreifen und Panzereinmärsche mit vielen Toten, darauf Raketenbeschuß in Nordisrael, dann die Bombenangriffe Angriffe auf den Libanon mit vielen Toten – heute nach allein 90 gemeldet – und unabsehbaren Zerstörungen.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ „Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen, wo kommen wir dann hin?“ Ja wo kommen wir dann hin? – in einen Teufelskreis des Hasses, der Gewalt, des Tötens, des Bösen.

Woran liegt das? Was ist die Ursache dafür, das aus einer scheinbar gerechtfertigten Abwehr des erlebten Bösen eine endlose Spirale der Gewalt wird? Warum funktioniert das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“  nicht?

Das liegt allein daran, daß es unmöglich ist Gewalt, Unrecht, Leid objektiv zu messen. Denn das Leid das ich selbst erfahre, wiegt immer schwerer als das Leid, das ich anderen zufüge. Ich spüre den Schlage, den ich ins Gesicht empfange viel stärker als den, den ich austeile.

Und wenn dann erst einmal die Fäuste gesprochen haben, wenn man sich gegenseitig verletzt hat, dann schaffen es Menschen meist eben nicht, erst einmal Abstand zu dem geschehen Verletzungen und Unrecht zu gewinnen.


                              Gewalt überwinden mit Liebe

Darum rät Jesus seine Jüngerinnen und Jünger: „ihr sollt dem Bösen keinen Widerstand leisten“  Wenn ich aus dem Teufelskreis der Gewalt und des Bösen heraus möchte, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als daß ich damit beginne, gegen Gewalt Sanftmut, Gegen Haß Vergebung und gegen Schläge Wehrlosigkeit zu setzen.

Jesus begründet das mit dem sehr allgemein und vielleicht zunächst ein wenig ungenau klingenden Satz: „Gott läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Er will uns damit sagen, daß unsere Sicht des „Bösen Anderen“ immer subjektiv ist. Sie ist aber nicht Gottes Sicht auf das Leben. Gott liebt jeden Menschen als sein einzigartiges Geschöpf. Gott liebt mich, aber genauso auch meinen Feind.

Und Gott weint über jedes Unrecht, über jede Gewalt, über jede Verletzung, über jedes Töten, das geschieht. Und als Christen muß uns klar sein, daß Christus für die Schuld und das Leid aller gestorben ist. Er hat mit Kreuz und Auferstehung die Macht des Bösen für alle gebrochen. Nicht nur für mich, auch für meinen Feind.

Es gilt zu entdecken, den anderen, der mir entgegensteht,  mit Gottes Augen der Liebe zu sehen. Ein Beispiel, wie im Kleinen der Kreislauf des Hasses überwunden werden kann, hat die große Kinderbuchautorin Astrid Lindgren in einer kurzen Geschichte gegeben:

                              Der Stein

 „Jenen, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter, als ihr kleiner Sohn etwas getan hatte, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdiente, die erste in seinem Leben.

Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb dann lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind mußte gedacht haben, "meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Ermahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selbst gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"

                                                        Astrid Lindgren 1976

Der überraschende Satz des Kleinen: „hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen."  bringt die Mutter dazu, das ganze mit den Augen ihres Sohnes zu sehen, und einen sich anbahnenden Teufelskreis zu verlassen. Sie sieht mit Liebe statt mit Strafe oder Wut auf das Geschehen.

                                      die überraschende Phantasie der Liebe

Jesus macht darum überraschende Vorschläge, um aus dem Kreislauf der Gewalt aus zubrechen: „wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“ Es braucht viel als Liebe, Geduld und vor allem Fantasie, um den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden, um Menschen die mir entgegenstehen, die oder die mir zuwider sind, an zu nehmen

Der letzte Woche verstorbene Humorist und Dichter Robert Gernhardt hat dazu ein Gedicht verfaßt. Er hat dabei Touristen im Blick, wie sie in eine historische Altstadt einfallen:         

                              Sonntag in Lübeck

Wie sie kauend

durch die Straßen schieben!

- Du mußt diese Menschen nicht lieben.

Wie sie gekleidet sind,

die Ungeschlachten!

- Du mußt diese Menschen nicht achten.

Wie erfreulich es wär,

wenn sie weniger wögen!

- Du mußt diese Menschen nicht mögen.

Wie sie durch ihre

Stumpfheit entsetzen!

- Du mußt diese Menschen nicht schätzen.

Wie schafft man es nur,

sie nicht zu hassen?

- Da mußt du dir etwas einfallen lassen.

Also nicht mehr: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Sondern der Blick des Lebens und der Liebe auf die Anderen, das Vertrauen auf Gott, den Schöpfer allen Lebens, daß mir hilft, daß ich Ideen habe, um aus dem Kreislauf der Gewalt und des Bösen auszubrechen.

Ich darf mir nicht alles gefallen lassen, denn wo kommen wir dann sonst hin? Ja, wo kämen wir dann hin, wenn wir uns von Gottes Geist der Liebe, der Versöhnung leiten ließen? Wo kämen wir hin, wenn der Lebensalltag von Christen im Großen wie im Kleinen vom Vertrauen auf Gottes Güte und nicht vom Mißtrauen gegenüber anderen und unserer Angst vor ihnen oder Haß bestimmt wäre?

Wo kämen wir dann hin? Vielleicht zu einer Welt, in der ein wenig Mehr Frieden zwischen den Menschen herrschen würde.

Amen.


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Predigt am 23.7.2006

von Pastor Friedhelm Nolte   

"Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf"


Liebe Gemeinde!

                                      Das Lob der Faulheit?

„Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“

Karin, 14 Jahre fand dies Bibelwort prima und probierte es gleich einmal aus.

Sie beklagte sich dann später bei mir über ihre Erfahrungen:

„Statt für die Englischarbeit zu üben, habe ich bis in die Puppen geschlafen, bin dann ins Schwimmbad gegangen, habe mich um nichts - wirklich gar nichts gesorgt - und was kam dabei heraus? Englisch fünf.

Ich gehöre also wohl nicht zu seinen Freunden.

Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf. Mir nicht.

Aber Bärbel, die habe ich noch nie eine einzige Vokabel lernen sehen - und immer stand sie in Englisch auf eins. Sie gehört also zu den Seinen. Sie kriegts im Schlaf.

Mir scheint, der Herr ist ungerecht!“

„Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“

Diese Erfahrung haben wir wohl alle schon hinter uns:

Es fällt uns nichts in den Schoß.

Erfolg in der Schule, im Beruf, im Leben, das will erarbeitet sein. Wenn es bei manchen auf den ersten Blick vielleicht so scheint, daß ihnen alles einfach in den Schoß fällt, dann kann man bei genauerem Hinsehen viel Mühe und Fleiß entdecken.

Zum Beispiel gibt es von dem Wunderkind und Musikgenie W. A. Mozart, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, den Ausspruch daß ein Genius zu 90 % aus Übung und Fleiß besteht. Er muß es ja bestens gewußt haben, kommt doch seine Musik scheinbar so leicht daher…

Nein, von nichts kommt nichts, an dieser Lebenserfahrung will weder der Psalm 127 rütteln, noch Jesus in den Versen der Bergpredigt, die vorhin gehört haben.

Es geht vielmehr darum, daß wir uns von den Sorgen und Mühen des Alltags nicht auffressen lassen.

                                   Sorge und Fürsorge

Die Arbeit, die Anstrengungen, sich Gedanken machen: wie wird es ausgehen? der Streß, alles auf die Reihe zu bekommen,  das alles ist eben noch lange keine Garantie, daß mir gelingt, was ich mir vornehme.

Zu dem, was ich tun kann, was machbar und berechenbar ist, muß immer noch etwas hinzu kommen.

Viele nennen es Glück, Christen sprechen besser vom Segen.

„Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“

Es geht der Bibel also nicht darum, sorglos und blauäugig durch das Leben zu gehen, sondern um die angemessene Balance zwischen eigener Anstrengung und Gottvertrauen.

Aus der verantwortungsvollen Fürsorge für das Leben und die Aufgaben, die mir gestellt sind, darf nicht ein freudloses Sorgen und Abrackern werden.

Andererseits hat uns Gott Fähigkeit, Talent und Verstand nicht gegeben, damit wir die Hände in den Schoß legen.

Außerdem: Wie oft habe ich es selbst erlebt, daß ich lange bis in die Nacht z. B. über einer Predigt gesessen habe, bis mir der Kopf rauchte und ich nur noch wirre Sätze zu Papier brachte.

Und dann habe ich meinen Computer abgestellt und die ganze Arbeit Gott anbefohlen und mich zur Nachtruhe begeben. Am nächsten Morgen hatte ich dann fast immer einen ganz neuen Blick auf die Mühe des Vortages und gute Gedanken für die Predigt kamen wie von allein.

                              Mit Gottes Segen leben

Ora et labora – Bete und Arbeite! sagten die alten Mönche.

Sie wußten genau darum, daß das eine nicht gegen das andere ausgespielt werden kann:

Das Arbeiten und die Mühe und die Fürsorge sind wichtig für das Gelingen, genauso aber auch, daß ich damit rechne, daß Gott mir Gelingen schenkt, eben das, was die Bibel Segen nennt.

Erst wenn Gott mein Bemühen segnet, sind meine Anstrengungen und Sorgen nicht vergeblich.

Wir alle leben, weil Gott uns Leben geschenkt hat und weil er das Leben mit seinem Segen erhält.

Das heißt aber nun nicht einfach: wenn ich eine positive Einstellung habe, wenn ich richtig bete, dann gilt:

„Alles wird gut“.

Gegen diesen Satz bin ich allergisch.

Denn auch schwere Erfahrungen gehören zu meinem Leben dazu: Scheitern, vergebliche Sorgen und Mühen, Krankheit Schmerzen, Unrecht, Gewalt, Schuld und Tod.

Es ist gefährlich dann von Gottes Strafe zu sprechen oder Gottesferne, wenn jemand solches erlebt.

Ich kann vielmehr auch in den dunklen und mir unverständlichen Ereignissen meines Lebens Gottes besondere Nähe erfahren und an ihnen wachsen.

Wenn ich durch ein solches „finsteres Tal wandere“, wie es im Psalm 23 heißt, wird mir häufig erst richtig bewußt, wie reich Gott mein Leben gesegnet hat, mit Zuwendung, mit Liebe, mit Menschen.   

Und ich verstehe Jesu Wort ganz neu:

„Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Gottlosen.

Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. “

                              Gottes Segen erbitten,

Es geht darum, daß wir die Augen offen haben für Gottes Segen in unserem Leben.

 „Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“

Der Segen Gottes ist also hier gemeint, keine Karriere, kein Geld, kein Ruhm.

Diesen Reichtum, wie ihn die Bibel meint, empfangen wir besser im Schlaf, wenn Ruhe ist, in uns und um uns herum. Vielleicht ist bei Gott ja auch alles umgekehrt.

Tagsüber, wenn wir geschäftig sind und viel um die Ohren haben, schläft er, denn wer hat schon Zeit, sich im Lärm der Welt mit ihm zu beschäftigen?

Und nachts, wenn wir schlafen, ist er wach, denn in der Stille ist das Wesentliche besser zu hören und zu sehen.

Es ist interessant, daß der Psalm 127 Kinder ausdrücklich als besonderen Segen Gottes benennt.

Ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung mit vier Kindern nur Bestätigen: um wieviel reicher an Erfahrungen, an Sinn, an Erlebnissen, an Liebe und auch an Verantwortung und Freude ist mein Leben durch sie!

Leider werden Kinder heute von vielen Menschen häufig eher als Last oder Kostenfaktor gesehen.

Vor allem von jungen Paaren, die an der Reihe wären,  Kinder in die Welt zu setzen.

Sie haben Angst vor Einschränkungen in ihrem Lebensstil, geringerem Einkommen, Gebundensein und Verantwortung.

Aber ich höre oft auch von jungen Leuten die Angst vor der Zukunft, wie wird es werden mit dem Beruf, mit der globalen Veränderung der Umwelt, dem Weltfrieden.

Wie kann man in diese Welt noch Kinder setzen?
Ich höre aus solchen Ängsten einen großen Mangel an Gottvertrauen.

Natürlich ist die Zukunft des Lebens in unserem Land, in dieser Welt unsicher und vieles scheint bedrohlich.

Aber gerade deshalb ist es wichtig, Gottes Zusage zu hören und ihr zu vertrauen, wie sie uns Jesus gesagt hat:

„Sorgt nicht um euer Leben!“

Denn Gott ist uns nahe mit seiner Liebe, mit seiner Fürsorge, mit seiner Vergebung, mit seinem Segen.

Gott will uns Leben in einer Fülle schenken, die viel mehr bedeutet, als wir in der Zeitspanne des biologischen Lebens zwischen Geburt und Tod überhaupt erfassen können.

Jesus spricht darum immer wieder vom Reich oder besser von der Herrschaft Gottes.

In allem, was uns das Leben an vielfältigen Erfahrungen bringt, dürfen wir dies unter das gute Wirken Gottes stellen.
Darum sagt Jesus auch: 

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“

Es ist wichtig, daß wir den Segen Gottes immer wieder neu erbitten.

In jedem Gottesdienst tun wir dies, aber warum nicht  auch persönlich selbst auch jeden Tag?

Ich denke, wir können so dieses Vertrauen in Gott und in unser Leben gewinnen, daß wir uns als „Freunde Gottes“ sehen, von denen es zu Recht heißt:
„Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“

Amen.

 

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Predigt am 30.7.2006
von Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
Philipper2, 1-4
"Die Haltung zählt"



Gott gebe uns erleuchtete Augen des Herzens, damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir von ihm berufen sind
Amen

Die Haltung zählt

1 Paulus beurteilt seine Gemeinde

Paulus ist mal wieder in Gefangenschaft. Ob in Rom, Ephesus oder Caesarea, darüber streiten sich die theologischen Geister, und das lassen wir sie auch man getrost tun. Für uns heute Morgen ist entschei-dend, dass ein Brief uns erhalten ist, im neuen Tes-tament gesammelt, der Brief an die Philipper.
Philippi ist eine Veteranenstadt, ganz gut situiert. Sonst hätte sich wohl die Purpurhändlerin Lydia dort nicht halten können. Die steht gemeinsam mit der von Paulus gegründeten ersten Gemeinde auf europäischen Boden, mit Paulus in herzlicher Verbindung. Und weil die Gemeinde in Philippi Paulus in seiner Gefangen-schaft unterstützt hat, hat er ihnen einen Dankes-brief gesandt.
Der Brief enthält natürlich, wie das so Paulus Art ist, auch eine Reihe von Ermahnungen und liebevolle Appelle. Lassen Sie uns also die vier für den heuti-gen Gottesdienst vorgeschlagenen Verse hören:

Philipper 2
1Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemein-schaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 2so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. 3Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, 4und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Das ist ja ein ganzer Katalog.
Einerseits Feststellungen über die Gemeinde in Phi-lippi

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemein-schaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,

und das ist ja sehr positiv, was wir da hören. Da ist Trost, Gemeinschaft, herzliche Liebe und Barmherzig-keit, alles was eine Gemeinde braucht, so denkt man.

2 Wie ist das bei uns

Als wir jetzt mit nahezu vierzig Jugendlichen in Nor-wegen zwei Wochen zusammengelebt haben, da haben wir das auch versucht, als Gemeinde zu leben,
wir haben einander gesagt, wenn etwas gut oder auch nicht so gut lief, einander getröstet, wenn jemand traurig war, sind miteinander ins Gespräch gekommen über Gott und besonders über Jesus, haben gemeinsam Gottesdienste gefeiert, haben versucht einander aus-zuhalten und auch ohne Vorurteile anzunehmen, Rollen sind neu überdacht worden, neue Wege gegangen, das ging
für zwei Wochen
gut

und hier in St. Lukas, im normalen Gemeindealltag, da fänd ich das schon toll, wenn das alles da wäre, was Paulus in Philippi voraussetzt, wenn das Miteinander ein wenig liebevoller wäre, wenn die Aufmerksamkeit für den anderen ein wenig mehr ausgeprägt wäre, wenn manches Mal einfach mehr Zeit für den anderen wäre das beziehe ich natürlich ebenso auf mich.

3 Paulus setzt Maßstäbe

und dennoch setzt Paulus noch eins drauf, es reicht ihm nicht, er wünscht sich mehr.
Und so bekommt sein Brief Appell-, ja Aufforderungs-charakter, Paulus setzt Maßstäbe

2so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. 3Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, 4und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. k

eines Sinns
gleiche Liebe
Eintracht
Einmütigkeit
und
Demut

Große Worte. Große Forderungen. Ist nicht Sünde auch Selbstüberhebung? Fordert, wünscht Paulus nicht zu viel von seiner Gemeinde? Von unserer Gemeinde? Kön-nen wir Menschen das alles leisten im Zusammenleben?

Ja, es wäre eine Überforderung, wenn gemeint wäre: Du, Mensch, Du einzelnes Gemeindemitglied, reiß dich mal zusammen, nimm Haltung an, sei gefälligst eines Sinnes mit deinem Bruder, deiner Schwester, auch wenn ihr anderer Meinung seid. Zeig herzliche Liebe, auch, wenn Du im Moment die andere, den anderen nicht so gut abkannst. Und vor allem: sei demütig, ordne dich unter, auch wenn du innerlich dagegen rebellierst.

4 Eine Frage der Haltung

Aber, so ist das nicht gemeint.
Gemeint ist eine Haltung eine Haltung in Freiheit. Eine Haltung, die sich auf den Glauben verlassen kann und auf die Unterstützung dessen, der ganz Mensch ge-worden ist. Der ganz genau unsere kleinen und großen Widerstände kennt, die uns in der Gemeinde voneinan-der trennen. Es geht um die andere Blickrichtung, die mich, die jede, und jeden einzelnen zu dieser Frei-heit führen kann, in die Gemeinschaft hinein. Es geht um den Blick weg von mir hin auf ihn, auf Jesus Christus, der den Maßstab setzt, der mein Leben aus-macht.

Es geht immer um die EINE Beziehung, die ich habe: zu mir, zum Nächsten (auch zum Feind, dem ich zum Nächs-ten werde) und zu Gott in Christus. Und in dem alten Wort „Demut“ ist so viel von dem enthalten, was diese Beziehung ausmacht.

Demut, ein Wort, das missbraucht ja vergewaltigt wur-de und wird, von der Macht und den Mächtigen, in Welt und auch in Kirche.
Das wie das Wort „Sünde“ so manchem zum Unwort wird, weil ein falscher Klang mitschwingt, wenn wir es hö-ren: ein Klang von Unterwürfigkeit, gedemütigt wer-den, auch Unredlichkeit.
Gemeint ist aber was anderes:
Auch hier geht es um eine Haltung, und zwar nicht die gebeugte des Duckmäusertums, sondern, um die Aufrech-te Haltung in Freiheit.

•    der Freiheit, mit der ich freiwillig annehme, wo ich im Augenblick hingestellt bin.
Denn ich weiß mich ja angenommen von Gott.

•    der Freiheit, mit der ich den Mut habe, anderen zu dienen, weil ich sehe, was gerade jetzt not-wendig getan werden muss.
Denn ich weiß mich ja anerkannt bei Gott.

•    der Freiheit, dem anderen, der anderen Raum zu geben, damit er handeln, damit sie sich entfalten kann.
Der Freiheit mit der ich auf meinen Status, die mir vermeintlich zustehende Rolle verzichte.
Denn ich weiß meine Stärke und meine Fähigkeiten bei Gott gut aufgehoben

•    der Freiheit, mit der ich eigene Barrieren fallen lasse, indem ich Unterstützung und Hilfe annehmen kann.
Denn ich kann ja meine Schwäche vor Gott einge-stehen.

Jörg Zink. hat diese Haltung in einem Brief  "An mei-ne Enkel" einmal so ausgedrückt:

 
"Scheut euch nicht, auch einmal den Kürzeren zu ziehen. Das ist der Weg zur Gerechtigkeit.
Lasst euch etwas entgehen. Das ist der Weg zur Rettung der Erde.
Verzichtet darauf, immer siegen zu wollen. Das ist der Weg zum Frieden.
Sorgt nicht immer in erster Linie für euch selbst. Das ist der Weg zum Glück.
Setzt euer Leben für etwas Lohnendes ein, das euch keinen Lohn ver-spricht. Das ist der Weg zur Erfüllung."



In allem ist Christus der Maßstab, so sagt es Paulus, wenn er in unserem Brief weiter schreibt:

5Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht


5 Der Blick auf die Welt

Aber ebenso, wie der Blick von mir weg mich befreit vom Kreisen um mich selbst, hin zum Miteinander in der Gemeinde,
so muss mein Blick als Christin, als Christ sich wei-ten über die Grenze der christlichen Gemeinde hinaus auf die Welt.

Und auch und gerade im Blick auf die Welt wird uns Christus zum Maßstab.
Weil Gott in diesem Christus sich gegeben hat nicht nur für mich Christin, für mich Christen, sondern zum Heil für die ganze Welt.

Denn Christus ist der Mensch schlechthin.

Und er setzt Maßstäbe die gültig sind nicht nur für den privaten Glauben sondern für die ganze Welt in seiner Rede
•    der Nächstenliebe
•    von der Feindesliebe
•    von der Demut.

Und wir können uns nicht rausreden mit unserem
Ja, aber…
Unserem Abwägen der Möglichkeiten
Unserem Hin- und Herneigen des Kopfes: es ist doch alles so kompliziert.

Und wir können uns auch nicht auf eine Seite schla-gen, bei diesem Krieg, bei diesen Kriegen, denn:

•    Wenn ich die Geschichte der arabischen Frau höre aus Bethlehem, die Mutter, die weint über ihre beiden Söhne – tödlich getroffen durch eine Rake-te der Hamas
•    wenn ich Hassan Ali zuhöre aus Sidon im Libanon. Krankenwagenfahrer, 38 Jahre alt, 3 Kinder, ge-troffen bei einem Einsatz von der Bombe aus Isra-el, beide Beine weg, ein Arm zerfetzt.

•    wenn ich Leila sehe abends beim Fernsehen, 8 Jah-re alt, geflohen mit sieben Geschwistern und der Mutter in eine Schule irgendwo im Libanon und die Mutter sagt: „es gibt keine Liebe mehr…“

•    und Philippa in Naharia im Norden Israels, sie hält aus wenn alle in die Bunker fliehen bei den dauernden Raketenangriffen der Hisbollah. Sie hält aus bei der alten Frau, die im Bett liegt und die sie pflegen muss. „Ich muss sie doch schützen“ sagt Philippa

•    und die Nachricht heute Morgen aus dem Dorf Kana im Libanon. 37 Kinder sollen gestorben sein –Kolateralschäden (!)- ein Bombe traf ein Wohn-haus.

dann hat jede, hat jeder von ihnen Recht,

ein Recht darauf, dass ich ihr Leiden höre,
ein Recht darauf, dass ich nicht wegsehe,
ein Recht darauf, dass ich nicht einseitig verurtei-le.
Das macht alles so kompliziert.

Ja, kompliziert ist was geschieht,

aber klar und einfach ist die Botschaft, das Wort was hineingesprochen ist in jede Zeit,

Das Wort, das Paulus vor über 2000 Jahren zu den Phi-lippern gesprochen hat, in Vollmacht dessen, dem er nachfolgte.

Das Wort, was galt als 6 millionenfach einzelnes jü-disches -Leben vernichtet wurde vor über 60 Jahren und wir Christen nicht das Wort gesprochen haben, was uns gesagt war.

Das Wort was uns heute trifft als Christinnen und Christen, als Mensch:

Das Wort das auch Israel gilt, mit dem ich als Chris-tin und insbesondere als Deutsche in besonderer Ver-bindung und liebender Verantwortung stehe:

Krieg darf um Gottes Willen nicht sein
Denn Gewalt gebiert Gewalt
Nächstenliebe, Feindesliebe ja,
In Demut handeln wäre hier:

Um die eigene Stärke zu wissen- und Israel ist stark und hat starke Freunde-
nicht der verständlichen Angst um die eigene Existenz nachzugeben,
nicht einen Stellvertreterkrieg zu führen im Libanon,
sich nicht weiter provozieren zu lassen

sondern einzuhalten, den ersten Schritt wieder und wieder zu tun
wie schon im Jahr 2000, als sich Israel zurückzog aus dem südlichen Libanon
oder vor einem Jahr, als sich Israel zurückzog aus dem Gazastreifen

auch gegen den Anschein, dass die Falschspieler immer gewinnen.
Stärke zu zeigen, indem Israel freiwillig verzichtet auf die Mittel des Krieges und der tödlichen Gewalt.

Das gilt erst Recht für Nord-Amerika, das sich mit Präsident Busch rühmt, für das Gute, das Christliche einzustehen. Wie viele Brandherde sind entstanden und entstehen immer wieder neu. Wie viel Recht ist gebro-chen worden bis zum heutigen Tag. Und wie wenig Frie-densarbeit leistet dieser amerikanische Präsident jetzt.

Auch hier gilt das Wort von
der Nächstenliebe
der Feindesliebe
und Demut

Ja, ich höre immer und immer wieder sagen: ihr seid doch blauäugig, wie soll das denn gehen, das sind doch nur fromme Appelle, von Gutmenschen, und, du bist ja nicht betroffen

aber

wenn ich glaube, dass in jedem Menschen der Christus verborgen ist
und ich weiß und erkennen muss, dass Gewalt Spiralen erzeugt, die nicht mit Gewalt zu stoppen sind,
dass die Unterdrückung immer nur solange funktio-niert, wie die Angst größer ist als der Wahn des Sie-ges.

Dann bleibt nur der andere, der einzige wahre Weg der Gewaltlosigkeit, des Verzichtes auf Muskelspiele, auch wenn der andere die Spielregeln immer wieder verletzt.

6 Christus ist der Maßstab

Den Teufelskreis durchbricht nur Christus. Und wenn ich ihm ernsthaft nachfolge, bleibt nur der eine Weg für mich als Christin:

immer und immer wieder einzutreten für diesen Weg der Gewaltlosigkeit und der Demut.

Denn dazu mahnt das alte Christuslied, das am Ende unseres Briefabschnittes aufgeschrieben steht:


 6Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Amen


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Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis von Pastor Bernd Vogel, Gimte (Niedersachsen)

– zugleich im Gedenken an die Reformation und an Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers, St. Lukas / Hamburg – Fuhlsbüttel, 5.11.2006


„Wer von uns wagt es denn eindeutig Antwort zu geben etwa über den Sinn des gegenwärtigen Schicksals Europas, wer wollte sagen, er habe den Weg, den einen und alleinigen gefunden? Wer wagt es, allgemeingültig zu entscheiden über die brennenden Probleme der Ethik, über das Recht des Krieges, der Wirtschaftskonkurrenz, über die neue Gesellschaftsordnung, über die Erziehung des jungen Geschlechts, über das Mysterium der Sexualität? Kein einzelner wird Antwort finden – ein gewaltiger allgemeiner menschlicher asiatisch – europäisch – amerikanischer Prozeß muß hier zur Beantwortung dieser Fragen führen – und doch wird jeder für sich und die anderen Antwort suchen. Nur, dass ich’s gleich heraussage: ..
.. wir hoffen Antwort zu bekommen, wenn wir uns der scheinbar so überholten Sache des Christentums einmal ernsthaft annehmen; wenn wir ernsthafte Fragen an sie stellen, die aus der Not herausgeboren wurden. ..
Nicht, dass wir nun glaubten, den Weg, den einen weisen zu können – das kann eben nur Gott selbst, – aber doch, dass es uns vielleicht gelingt die Richtung zu weisen, in der der Marsch gehen muß, den Weg muß sich schon jeder selbst schlagen und bahnen, in eigener Mühe und Arbeit. Unser Dienst soll nur der sein, hier und da einen Wegweiser aufzurichten, der wenigstens in die ersehnte Richtung weist. In diesem Sinn wollen wir an die Arbeit gehen ..“

Seine Gemeinde in Barcelona 1928 / 1929 können wir uns vorstellen ungefähr vergleichbar mit einer zeitgleichen vornehmen Gemeinde in Hamburg, in der Kaufleute und Diplomaten im Kirchenvorstand sitzen und gebildete Menschen gerne zum Diskutieren zusammen kommen.
Der 22 Jahre junge Vikar kommt gut an. Er lädt zu einer Vortragsreihe ein. Ein Zuhörer spricht von einem „gediegenen, fesselnden Vortrag .. getragen von der Wärme eines überzeugten Selbst“ (DBW  10, S. 323, Anm. 1).
Das erste Vortragsthema lautet „Die Tragödie des Prophetentums und ihr bleibender Sinn.“ In ihm möchte der junge Mann das Leben und Wirken der biblischen Propheten als Spiegel der aktuellen Weltgeschichte darstellen und seine Zuhörer auffordern, die Zeichen der Zeit zu deuten auf den Gott hin, den die Propheten unter Schmerzen bezeugt haben. „Aber mit Gott gehen heißt einen harten Weg gehen, einen Weg, auf dem das Herzblut der Besten fließt und geflossen ist, das hat uns das Bild der Propheten genügend gelehrt. Brauchen wir weiter Anwendung auf unsere Zeit? Wer Ohren hat zu hören, der hat gehört, dem wird immer wieder beim Anblick unserer Zeiten vor die Augen treten die versunkene Welt der Propheten Israels.“ (DBW 10, S.285 und 302).

Zumindest das Herz – Blut will Dietrich Bonhoeffer fließen sehen. Sich anrühren, sich anmachen, sich packen lassen von dem lebendigen Gott ..

.. und die Bibel als Buch des Lebens, nicht als frommes Sprüche – Buch, nicht als unfehlbare Anleitung zu einem Leben unter der Knute eines in Gesetze und Gesetzeseinhaltung vernarrten Gottes, sondern eben als unübertreffliches Stück Weltliteratur, an dem hoch Gebildete und Konfirmanden aus den sozialen Brennpunkten, gut Situierte und Mitglieder des „Prekariats“ (wie Arme jetzt heißen sollen)  je auf unterschiedliche Art an die Fragen und Antworten ihres Lebens kommen können.  

Sich packen lassen vom lebendigen Gott und die Bibel als Buch des Lebens .. das hat viel zu tun mit Martin Luther, dessen Neubeginnen im Glauben wir am 31. Oktober und heute in diesem Gottesdienst auch gedenken.

Doch ist Dietrich Bonhoeffer vielleicht für viele von uns näher, sprechender als Luther. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Luthers Lebensfrage war nicht die von Dietrich Bonhoeffer. Er hätte eher gefragt: „Wie und wo geschieht es, dass Gottes Herrschaft, dass Gottes Reich unter uns Wirklichkeit ist?“ „Wo ist etwas von Gott sichtbar in dieser Welt?“ Diese Lebensfrage ist weniger gerichtet auf das Jenseits, mehr auf das Hier und Heute. Sie geht nicht aus von dem Bild eines eigentlich dunklen Gottes, den irgendjemand gnädig stimmen müsste, sondern von der in Jesus Christus Wirklichkeit gewordenen Gnade. Bonhoeffers Frage „Wie und wo wird etwas von Gott sichtbar in der Welt?“ konzentriert sich weniger auf den einzelnen Menschen, sondern hat von Anfang an den Mitmenschen im Blick. Das waren bei ihm biografisch zunächst seine große, interessante Familie, seine Freunde, von Anfang an aber auch die benachteiligten Mitbürger, später die verfolgten Juden. Seine Frage klingt auch weniger juristisch als die Luthers: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ In ihr schwingt mehr mit von unserer ‚modernen’ Frage nach dem Sinn unseres Lebens vor dem Tod. Was macht mein Leben sinnvoll? Das war eigentlich Bonhoeffers Frage. Und die Antwort in Kürze: Jesus macht mich sinnvoll. In ihm habe ich mein Leben. In ihm wird auch mein Ende ein neuer Anfang sein. „Dies ist das Ende, für mich der Anfang ..“. Und eben auch: „Unser Sieg“ ist „gewiss“, die „universale christliche Bruderschaft“ wird sich „erheben“ über allen „nationalistischen Hass“ .. In diesem Sinne sollen seine letzten Worte gelautet haben.

Diese globale Perspektive, diese Verbindung, die er sah zwischen Gott und den „Tatsachen“ des Lebens im Kleinen und Großen – das war seine Sache. Und ist er uns darin nicht fast unheimlich nahe?  Wir erinnern uns: Schon der 22-Jährige hatte 1928 den Blick für einen „asiatisch – europäisch – amerikanischen Prozess“, für einen globalen Dialog der Kulturen über die Zukunft der Weltpolitik. Wir müssen heute nur „Afrika“ und „Australien“ ergänzen und sehen ein positives Gegenbild zum „Kampf der Zivilisationen“ bzw. „Kampf der Kulturen“ ..

Gott „sichtbar“ in der Welt, nicht nur in der Kirche. Bonhoeffer hat „Jesus Christus“ und die „Kirche – „Christus als Gemeinde“ und „Kirche für andere“ - zum Thema gemacht nicht für sogenannte fromme Leute, nicht für Menschen, die sich aus dem Grau und dem Schlamassel des Alltags zurückziehen wollen.

Jesus Christus war ihm Herr der Welt, Grund der Versöhnung der Welt, Grund genug, zum Widerstand aufzurufen gegen den ungerechten Krieg, zeitweise gegen Krieg überhaupt. Jesus Christus, der letztlich allein durchtragende, bleibende Sinn des menschlichen Lebens inmitten der Bezüge, in denen der Mensch lebt.

Man musste bei Bonhoeffer nicht „Christus“ sagen, damit Christus auch benannt und somit dabei sei. Trotz der Kirchenkampf – Zeit, in der das Bekenntnis „Jesus ist der Herr“ natürlich lebenswichtig war für die verfolgten jungen Pastoren, war „Christus“ ihm immer schon „drin“, auch dort, wo man das Wort „Christus“ nicht sagen konnte oder brauchte oder musste. „In den Armen einer Frau“ wollte er nicht vom „Himmelreich“ reden. Sein Christus hatte solch ängstliche Geschmacksverirrung nicht nötig. Auch Kokorin, dem russischen atheistisch erzogenen Mitgefangenen, einem Gefährten seiner letzten Lebenstage, wollte er nicht den Christus zum Seelenheil predigen. Sondern: Er lernte bei Kokorin Russisch und brachte dem – auf dessen Wunsch – die Grundlagen der Bibel bei. Und wusste: Christus ist „Herr auch der Religionslosen“. Christus ist dabei. Auch unerkannt. Auch verschmäht. Auch geschlagen und millionenfach ermordet in den Schlachten, in den Bombennächten, in den Vernichtungslagern. „Nur der leidende Gott kann helfen“. Christus, der in den Tod mit hineingeht. In seiner Auferstehung liegt die Hoffnung für die Welt. Dieses Geschehen von Menschlichkeit, Leiden, Sterben und Auferstehen ist das „messianische Ereignis“. An ihm haben wir alle Anteil, so oder anders.

Was sind dagegen theologische Spitzfindigkeiten und Streitereien, ob und wie Jesus „ganzer Mensch und ganzer Gott zugleich“ sein? Gott suchte und fand er „in den Tatsachen“ des Lebens, des eigenen und des fremden. Und Jesus war ihm je länger je deutlicher Mensch im Vollsinn des Wortes, im Unterschied etwa zu Johannes dem Täufer. Den hielt Bonhoeffer eher für ein Beispiel eines „religiösen Menschen“, der die eine Wirklichkeit aufteilt in „fromm“ und „unfromm“, „kirchlich“ und „unkirchlich“, „gerettet“ und „verdammt“, „gut“ und „böse“. Von Anfang an – (die Barcelona – Vorträge schon machen das ganz klar) – misstraut Bonhoeffer solchen allzu festen Definitionen und Einteilungen der Wirklichkeit. Sie schienen ihm weder der Weltwirklichkeit, noch der lebendigen Wirklichkeit Gottes zu entsprechen. Jesus also ein Mensch wie du und ich, mit Gefühlen dieser und jener Art, mit Sehnsucht und Trauer und Ärger, Irrtum und Wahrheit, Gutem und Bösen ..?! . Ja! – und darin gerade der besondere, der eine besondere Gott – Mensch, weil sich Gott zu ihm bekennt in der Auferstehung von den Toten. Die Auferstehung ist ihm das Geschehen, das aus dem Kreuz ein Siegeszeichen macht und aus Leid, Schuld und Tod Trost, Vergebung und ewiges Leben schafft.
So hält Bonhoeffer in seinem Verständnis von Jesus Christus zusammen in gleicher Wichtigkeit, was christlich zusammen gehört: „Jesus“, der Mensch schlechthin – und damit unsere Menschlichkeit. „Jesus“ am Kreuz – das messianische Leiden für uns und für die anderen: Jesus „Christus“. „Jesus Christus“ – der Auferstandene – Neubeginn auch am Ende von Leid, Schuld und Tod.

Und die Kirche? Die Kirche war ihm die Gruppe der Menschen, denen Christus ins Herz gefahren war, deren Herzblut nun auch immer für ihn und in ihm floss. Kein Lebensakt, der nicht auch mit Christus etwas zu tun hatte. Aber bitte ohne Frömmelei und mit Takt!

Die Predigt der Kirche, die Theologie soll diesem Gott in Jesus Christus, diesem Gott, dessen Spuren in der Bibel wie in der Geschichte zu lesen sind, seiner Erkenntnis bei uns dienen. Das kann nicht anders gelingen, als dass „wir es wieder wagen, Anfechtbares zu sagen“; denn der lebendige Gott kann nicht zweifelsfrei erkannt, gar dingfest gemacht werden durch unfehlbare Definitionen. Christen haben sich mit einander darüber zu verständigen, was und wie sie „wirklich“ „glauben“. Christen sollen und dürfen vor allem Gemeinschaft der Glaubenden, der Suchenden, der Fragenden, ja: auch der Erlösten sein. Aber gerade darum gibt es keine theologischen Formeln, die jeder nur hören und schlucken müsste – und die Einheit der Kirche wäre hergestellt. Was es unter uns gibt, ist statt dessen die Gemeinschaft derer, die hören wollen. Auf Gottes lebendiges Wort. Auf das Wort im eigenen Herzen. Auf das Wort des Anderen. Und dann sich austauschen darüber. Das, was Sie in Ihren Gesprächskreisen anhand von Bonhoeffer mit einander praktiziert haben. In der Hoffnung und Erwartung des lebendigen Geistes Gottes. Auf dass Neues, Unerwartetes unter Ihnen geschehen kann. Und ist es geschehen? Ich hörte davon. Dann können sie dankbar sein und weiter gehen zu anderen.

Hören wir den vorgeschlagenen Predigttext für den Gedenktag der Reformation aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Galatien, 5. Kapitel:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.
Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.
Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.
Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss.
Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

„Grundfragen einer christlichen Ethik“ heißt ein weiterer Vortrag, den der junge Bonhoeffer 1929 in Barcelona hielt. Die Forscher finden darin einiges Gefährliches, Nicht zu Ende Gedachtes, Missverständliches, später Überholtes .. sei es so; aber in den überschwänglichen Worten des mitgerissenen jungen Mannes findet sich auch eine wichtige Spur, was und wie die Kirche heute predigen und ausstrahlen könnte, ja soll. Es steht dort im Zusammenhang mit einem Zitat dieses Bibelwortes aus dem Galaterbrief:

„Das christlich ethische Handeln ist ein Handeln aus Freiheit, aus der Freiheit eines Menschen, der nichts an sich selbst und alles an seinem Gott hat, der immer neu sein Handeln durch die Ewigkeit bestätigen und bekräftigen lässt .. Christus ist der Bringer der Freiheit, frei von der Welt, frei für die Ewigkeit zu werden. Es gibt für den Christen kein Gesetz mehr, als das Gesetz der Freiheit, wie es einmal paradox im Neuen Testament heißt, kein allgemein gültiges Gesetz, das ihm vom andern, oder das ihm auch von sich selbst aufgelegt werden könnte. Wer die Freiheit aufgibt, gibt sein Christsein auf. Der Christ steht frei ohne irgendwelche Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die ganze Verantwortung dafür, wie er mit dem Geschenk der Freiheit umgeht. Durch diese Freiheit aber wird der Christ im ethischen Handeln schöpferisch. Das Handeln nach Prinzipien ist unproduktiv, das Gesetz abbildend, kopistisch. Das Handeln aus der Freiheit ist schöpferisch. Der Christ greift gleichsam aus der Ewigkeit heraus die Gestalten seines ethischen Schaffens, setzt sie souverän in die Welt, als eine Tat, seine Schöpfung aus der Freiheit eines Kindes Gottes .. Der Christ schafft neue Tafeln, neue Dekaloge (Luther! B.V.), wie es Nietzsche vom Übermenschen sagte .. Die hergebrachte Moral – auch wenn sie für christlich ausgegeben wird –, die öffentliche Meinung – sie können für den Christen nicht zum Maßstab seines Handelns werden. Er handelt, wie es ihm der Wille Gottes zu sagen scheint ohne Seitenblick auf den andern, auf das, was üblicherweise Moral heißt, und ob er gut oder schlecht gehandelt hat, das kann niemand anders wissen als er selbst und Gott“ (DBW 10, S.330f.).

Später hat Bonhoeffer um die Frage gerungen, wie Gott seiner Kirche und also nicht einem einzelnen Menschen allein sein „konkretes Gebot“ hörbar machen könnte. Später wollte Bonhoeffer nicht einmal mehr so genau wissen, ob er selbst eine konkrete Tat rechtfertigen könnte. Er war da eher sehr misstrauisch gegen sich selbst, sondern hat das Urteil darüber klarer als in jungen Jahren allein Gott überlassen. Besonders das Urteil über die moralisch anrüchige Tat des aktiven Widerstandes warf er Gott in die Arme. So wie sich selbst dann ganz.

Und doch: Diese Freiheit, diese Freude an der christlichen Freiheit brauchen wir wieder. In Hamburg und in Hann. Münden. In der Großstadt und auf dem flachen Land. In gebildeten Kreisen und in der Begegnung mit Menschen der neuen Armut im finanziellen, sozialen und geistigen Sinn. Schöpferische Freiheit wäre nötig, um herauszufinden: Was kann denn ich tun in meinem Glauben, der in der Liebe tätig ist? Wer braucht mich denn? Und wen brauche ich? Und warum dies nicht zugeben? Und warum jenes nicht anbieten? Fragen kostet nichts. Erstaunen vielleicht. Missverständnisse sind auch möglich. Warum Angst davor haben? Helfen Klärungen von Missverstehen nicht weiter auf dem Weg? Ist Gottes Geist nicht gerade darin wirksam ein Geist der Versöhnung und der Wahrheit zugleich?

Welche „Joche der Knechtschaft“ hindern uns denn, unsere Freiheit in Christus in Anspruch zu nehmen, zu „aktivieren“? Was „beschneidet“ uns denn und bildet eine ‚Schere im Kopf’ oder im Herzen, so dass wir Christus und seine Freiheit für uns kaum noch wahrnehmen, sondern Moral, Anstrengung und Überforderung?

Bonhoeffer konnte wohl viel fordern von sich selbst und von anderen. Manche seiner Texte spiegeln das deutlich. Da spricht auch einer, der ein Held im Herzen ist, ein starker, aber auch ein etwas eitler Mann. Er selbst hat das glasklar und ehrlich gesehen. Manche Leser von Bonhoeffer – Texten haben’s darum schwer mit ihm, zumal, wenn sie selber im „Joch der Knechtschaft“ hängen. Doch derselbe Mensch hat auch dazu gelernt und immer viel Freude gehabt am Essen und Trinken, an Sport und Spiel und Musik, an Gemeinschaft und am Ende auch an der Liebe. – Verbindet man „Kirche“ mit „Freude“? Warum denn nicht? Und woran freuen wir uns denn?

Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Sind wir beschnittene Kirche? Wer beschneidet uns? Wir selbst? Die allgemeine Meinung kann uns kein Maßstab sein, das Gekrittel der Leute, die Vorurteile der Besserwisser. Auch das weniger werdende Geld darf uns nicht beschneiden. So schlimm das ist, wenn Arbeitsplätze fortfallen und Kirchen nicht gehalten werden können. Bindet uns die Angst vor dem Untergang? Ist die Anerkennung seitens der Gesellschaft unser Götze?

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! – Lasst euch „konfirmieren“, fest machen in der Freiheit, die Gott schenkt. Beten und Gottesdienst als Feier der Liebe Gottes. Als Ladestationen für Freiheit. Gemeinschaft der Christen auch im Alltag der Welt. Vielleicht Im Engagement „für andere“. Ein Projekt nur. Und andere machen anderes. Die Botschaft von der Freiheit und vom Glauben, in der Liebe tätig, ist hoch aktuell. Im globalen Maßstab wie zuhause im Alltag und im Kämmerlein der eigenen Seele.

Wir setzen darauf. Wir sind so frei.
Amen.

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