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Predigten Winterkirche 2006
Predigten
2006
Predigt am 5.11.2006
von Pastor Bernd Vogel, Gimte (Niedersachsen)
am 21. Sonntag nach
Trinitatis
– zugleich im Gedenken an die Reformation
und
an Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers,
Predigt am 30.7.2006
von
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
Philipper2, 1-4
"Die
Haltung zählt"
Sommerkirche über
Redensarten in
der Bibel
Predigt am 9. 7. 06
von Pastor Friedhelm Nolte
„Einen Denkzettel verpassen“
Predigt
am 23.7.2006
von
Pastor Friedhelm Nolte
"den Seinen
gibt's der Herr im Schlaf"
Winterkirche
über Redensarten in
der Bibel
Predigt
am 15. Januar
2006
von Pastor
Friedhelm Nolte
"Ein Buch mit
sieben Siegeln"
Predigt
am 29. Januar 2006
von Petra Roedenbeck-Wachsmann
"Jemanden
unter seine Fittiche nehmen"
Predigt
am 5. Februar 2006
von Pastor
em. Dr. Albert Schäfer
„Der Stein
des Anstoßes“
Predigt am
12.Februar 2006
von Pastor
Friedhelm Nolte
„Wie Schuppen von
den Augen“
Predigt am 19. Februar 2006
von Pastor Friedhelm Nolte
"Mit seinen Pfunden wuchern"
Predigt am 15. Januar 2006
von
Pastor Friedhelm Nolte
"Ein Buch mit sieben Siegeln"
Verschlossen-
unverständlich-geheim
Liebe Gemeinde!
„Das ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln“ - So sagen
wir, wenn sich
uns der Sinn einer Sache nicht erschließt. Es kann dabei sich um
ein Buch
handeln, das kompliziert geschrieben ist, mit vielen speziellen
Fremdwörtern,
die ich im Lexikon nachschlagen muß. Es kann auch ein
Gegenstand sein z.
B. ein neues Handy. Wer sich schon einmal mit einer
unverständlichen
Gebrauchanweisung für ein Gerät
herumgeschlagen hat, kennt das: Ich nehme Informationen wahr, aber
verstehe
nicht, was sie bedeuten und der Sinn bleibt mir verschlossen. Eben ein
„Buch
mit sieben Siegeln“ Dieser Begriff stammt aus Bibel. Genau gesagt
finden wir ihn in
der Offenbarung des Johannes Kapitel 5, Vers 1 – 5:
1 Und ich
sah in der
rechten Hand dessen, der auf dem
Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen,
versiegelt mit sieben
Siegeln. 2 Und ich sah einen
starken Engel, der rief mit großer
Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu
brechen? 3 Und
niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das
Buch
auftun und hineinsehen. 4
Und ich weinte sehr,
weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch
aufzutun und hineinzusehen. 5
Und einer von den
Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat
überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids,
aufzutun das Buch und
seine sieben Siegel.
Das Buch mit 7 Siegeln in
der Offenbarung
Der Seher Johannes lebt
in der Verbannung auf der
Insel Patmos in Südwesten der heutigen Türkei zur Zeit der
ersten großen
Christenverfolgungen des Römischen Reiches. Als Bischof, getrennt
von seinen
Gemeinden und in Sorge um diese, findet er
Trost und Hoffnung in einer göttlichen Vision über das
Schicksal der christlichen Gemeinden. Die Geschichte der Menschheit
und der
Gemeinden, das Leben aller Menschen, dabei insbesondere der Christen
ist
aufgehoben bei Gott. Er wird alles, was Menschen jetzt nicht verstehen,
zum
Ziel bringen.
Johannes sieht im offenen
Himmel den Gottes Thron. Ein Buch ist in
seiner Hand. Was
steht in ihm? Die Offenbarung lüftet das Geheimnis: Es sind die
Namen derer,
die mit Christus in die ewige Herrlichkeit eingehen. Im Moment erlebt
der
Seher eine große Trauer
um die Ungewißheit: wessen
Namen stehen darin?
Noch
ist das Buch verschlossen und es ist die bange Frage: gehöre ich
zu den
Erlösten, denen Gott seine Herrlichkeit versprochen hat? Es gilt
in dieser Zeit
der Bedrängnis und Ungewißheit, dem Erlöser zu
vertrauen und an ihm
festzuhalten.
Die sieben Siegel werden
bei Johannes beschrieben
als die entscheidenden letzten Ereignisse der Weltgeschichte, die
geschehen,
bis am Ende offenbar wird, wessen Namen im Buch des Lebens stehen.
Bibel – ein Buch mit 7
Siegeln
Ausgehend von dieser
Bibelstelle ist die Offenbarung
und die Bibel selbst für viele zu einem Buch mit 7 Siegeln
geworden. Das Buch,
in dem Gott den Menschen die Zukunft offenbart, gleich vielen Lesern
eher einer
Geheimschrift. Dabei bedeutet das griechische Wort „Apokalypse“ im
Deutschen "Enthüllung"
und gerade nicht "Verhüllung". Aber etliche Leser heute haben
Schwierigkeiten zu verstehen, was in
der Bibel
und insbesondere im letzten Buch steht.
So ist es
verständlich, daß viele eine Bibel
besitzen, aber es liest sie kaum jemand. Viele
schätzen sie als
„Heilige Schrift“ aber
sie kennen sie nicht. Vielleicht haben auch Sie diese Erfahrung
gemacht: wenn
ich versuche, die Bibel von vorn zu lesen, wie ein anders Buch, dann scheitere ich nach cirka 80 Seiten, so etwa im
2.
Buch Mose, wo die ganzen komplizierten und schwerverständlichen
Gebote und
Vorschriften für das Volk Israel beschrieben sind.
7 Siegel als Bild für
Schwierigkeiten mit der Bibel
Das hängt mit den
Schwierigkeiten
zusammen, die sich in der Tat beim Verstehen der Heiligen
Schrift ergeben. Ich möchte entsprechend den „7 Siegeln“
in unserem Offenbarungstext 7 Schwierigkeiten
benennen, die
sich im Umgang mit der heiligen Schrift für uns heute ergeben:
1. Siegel: die Sprache der
Bibel
Bekanntlich ist die
Bibel nicht
in der deutschen Sprache geschrieben. Ursprünglich ist das Alte
Testament in Hebräisch
und das Neue Testament in Griechisch verfaßt worden. Für uns
muß es in
unsere Sprache übersetzt werden.
Das rückt den Text und sei
Verstehen in Ferne. Die Worte einer Sprache lassen siche ja
nicht automatisch wie Ziffern beim Rechnen in eine andere Sprache
übertragen. Jeder,
der eine Fremdsprache gelernt hat, kennt dies Problem. Martin Luther
hat seinerzeit eine
geniale
Übersetzung ins Deutsche geschaffen. Aber Sprache ist lebendig.
Auch unsere
Sprache hat sich seit damals entwickelt. Viele Worte werden anders
heute verstanden,
haben ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändert:
Zum Beispiel der
Begriff „Testament“
Ursprünglich war damit jeder bezeugte und schriftlich
niedergelegte
Vertrag gemeint, wir verstehen darunter
heute nur den bezeugten letzter Willen eines Menschen
2. Siegel: das
Alter der Texte
Die biblischen Texte
sind 2000 Jahre
alt und älter: Das bedeutet, sie sind in einer Zeit geschrieben
als die
Lebensumstände ganz anders waren. Die Menschen hatten eine andere
Kultur, eine
andere Technik, eine andere Sozialordnung, ein anderes Weltbild. Wenn
wir den Sinn biblischer
Texte
verstehen wollen, so gilt es, den „garstigen Graben der Geschichte“ zu
überwinden, wie
ein Theologe es formuliert hat. Ich muß mir klarmachen: was setzt
ein Text voraus an
selbstverständlichen Vorstellungen
des Lebens, die bei uns heute ganz anders sind.
Wenn Jesus zum Beispiel
in
einem Gleichnis von einem Bauern spricht, der auf seinem Acker Getreide
sät,
dann dürfen wir nicht an unsere Landwirte denken, wie sie heute
das Feld
bestellen.
3. Siegel: Die biblischen
Bilder
Die Sprache der Bibel
ist
durchweg bildlich. Das heißt, wo wir heute abstrakt oder
theoretisch reden,
da spricht
die Bibel konkret. Sie greift Erfahrungen auf, die damals
eingängig und
verständlich waren. So heißt es in den biblischen Schriften
„Auferstehung der Toten“, während wir
vom „Leben nach dem Tod“
sprechen. Wenn der Psalm 23 zum Beispiel Gott als Hirten beschreibt,
ein Bild für
Geborgenheit, dann ahnen die Älteren unter uns vielleicht, was
damit gemeint
ist. Die Menschen der jüngeren Generation, hören diesen
Vergleich ganz
anders und möchten vielleicht
kein dummes, willenloses Schaf sein.
4. Siegel: Die Widersprüche in der Bibel
Jeder Text der Bibel ist
in einer
bestimmten Zeit aus einem besonderen Anlaß in einer konkreten
Situation entstanden.
Was nun zu einem bestimmten Menschen aus einem bestimmten Anlaß
gesagt wurde
und hierfür bedeutsam ist, muß nicht für alle anderen
Situationen genauso gelten. Daraus ergeben
sich viele scheinbare
Wiederspüche:
Jesus sagt z. B. in
Markus 2, Vers 27: „Der Sabbat
ist um des
Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Dagegen lesen wir bei
Matthäus 5
Vers 18: „Denn wahrlich, ich sage euch:
Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste
Buchstabe noch
ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ Das eine
Wort sagt Jesus
zu denen, die die Gebote und Gesetze Gottes über Liebe und
Menschlichkeit
stellen. Das andere gilt denen, die meinen, in der Freiheit des
Glaubens sind
Gottes Gebote überholt.
Die weitern drei
Schwierigkeiten
sind inhaltlicher Natur:
5. Siegel: Die
Autorität Gottes
Die Heilige Schrift und
unser
Glaube geht davon aus, daß Gott unserem Leben vorausgeht, ja der
Schöpfer allen
Lebens ist; daß wir in ihm dem Sinn unseres Lebens finden und
seine Erfüllung. Viele
Menschen streben aber für sich eine völlige
Unabhängigkeit an. Sie verwechseln
die unbedingte Autorität Gottes mit autoritärem Verhalten,
wie es bei Menschen
vorkommt. Gott aber ist nicht rachsüchtig, rechthaberisch oder
eifersüchtig und
auf den Erhalt seiner Macht versessen.
Wir können Gott
zwar nur mit
menschlichen Begriffen beschreiben. Unsere Sprache ist ja menschlich,
sonst
wäre sie uns unverständlich. Aber wir müssen uns
klarmachen, daß unsere
menschlichen Worte und Begriffe Gott nur teilweise beschreiben
können.
6. Siegel: Das
Menschenbild,
die Rede von Sünde
Wie mit der Vorstellung
von Gott,
haben viele Zeitgenossen auch mit dem biblischen Menschenbild
Schwierigkeiten. Die
Bibel beschreibt den Menschen als Teil der Schöpfung. Er
gehört gleichsam zu
den Tieren höherer Ordnung, die Gott am 6. Schöpfungstag
geschaffen hat. Und
doch ist er auch zugleich mehr; denn er ist „nach dem Bild Gottes“
geschaffen,
wie es im ersten Kapitel der Bibel gesagt wird.
Der Mensch ist ein mit Gottes Geist begabtes Wesen, wird dann
in der darauf folgenden Paradiesgeschichte berichtet. Wir haben die
Freiheit,
nach Gottes Plan und Willen zu leben oder nicht. Wir können uns
entscheiden für
Gott oder gegen ihn. Wir haben ein Gewissen, machen in unserem Leben
die
Erfahrung von Schuld gegeneinander und gegen Gott. Wir können
in der Nähe
zu Gott leben
und ebenso
in Gottesferne. Die Bibel nennt das Sünde. Auch
wenn sich
die Lebensumstände sehr verändert haben, das Menschbild ist
im wesentlichen
gleich geblieben. Die Erfahrung der Bibel ist genau die, die wir auch
heute
machen: Diese Welt ist nicht einfach nur gut, wie wir sie erleben. Sie
ist aber
auch nicht grundsätzlich schlecht.
7. Siegel: Die
Erlösung durch Kreuz und Auferstehung
Wir Christen glauben,
daß unser
Leben, diese Welt, der Erlösung bedarf. Diese ist geschehen durch
Gottes Sohn Jesus
Christus. Durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine
Auferstehung. So
sehen wir Christen das Leben, die Welt realistisch und zugleich mit
Hoffnung. Wir
verdrängen nicht, was böse ist, was es an Gewalt gibt, an Leid
und Unrecht. Aber
wir leben in der Hoffnung, daß dies alles bereits durch Christus
überwunden ist.
Am Ende unseres
Lebens steht
Gottes Verheißung und seine Herrlichkeit.
Der Schlüssel die
Siegel
aufzubrechen
Dies sind die
Schwierigkeiten, die 7 Siegel, die sich im
Umgang mit Gottes Wort ergeben. Wie können sie
überwunden werden?
Ich denke,
wo uns die
Schwierigkeiten bewußt
geworden sind, haben wir sie schon ein Stück weit überwunden.
Allerdings läßt
sich das nicht mit Strategien erzwingen. Denn Gott selbst schenkt den
Glauben,
der das Verständnis für die Bibel bringt. Häufig steht
am Anfang die Neugier, Antworten auf die
Fragen des
Lebens
in der heiligen Schrift zu suchen und finden. Dann kann das Wunder
geschehen,
daß ich entdecke, daß ich meine Fragen in der Bibel
wiederfinde, daß ich dort
unerwartete Antworten bekomme. Es sind menschliche Antworten, die von
Gottes
Geist
durchdrungen sind. dann gilt es, sich auf den Weg zu machen, Fragen zu
stellen
an die Texte der Bibel, sich kindig zu machen und Bücher,
Kommentare
zu lesen. Vor
allem ist wichtig, auch das Gespräch mit anderen zu suchen,
vielleicht in einem
Gesprächskreis unserer Gemeinde.
Es gilt, auf die
Worte der Bibel mit Herz und
Verstand zu zugehen. Dann ist sie kein Buch mit 7 Siegeln. Dann wird
sie zum Wort
des Lebens in seiner Vielseitigkeit und Verschiedenheit.
Amen
zurück
Predigt
am 29. Januar 2006
von Petra Roedenbeck-Wachsmann
Jemanden
unter seine Fittiche nehmen
1.vom
Fallenlassen und Schützen
Ich weiß
nicht, ob Sie die Sendung kennen. Läuft in pro7: Germanies next
topmodel. Heidi Klum, eines der Topmodels der Welt, derzeit in der
Douglaswerbung zu sehen, ist sozusagen die Chefjurorin in diesem Spiel,
wo es um Vermarktung angeblicher Schönheiten geht:
vor einer Menge
von Bergarbeitern z.B. schickten sie die noch kaum erwachsenen jungen
Mädchen nur leicht bekleidet über den Laufsteg.
„Wir werfen die
Mädchen ins kalte Wasser, damit wir sehen können, wer am
schnellsten schwimmen kann“. So einer der Jurimitglieder. Und was ist
mit denen, die ertrinken?
„Ich habe Angst
rauszufliegen“ sagt ein knapp 18jähriges blondes, superdünnes
Mädchen, die dem Stress nicht gewachsen ist und kämpft mit
den Tränen ….
Ums
Fliegenlernen geht es auch, bei unserem geflügelten Wort heute
Morgen.
Aber wenn ich
sag: ich nehme jemanden, ich nehme dich unter meine Fittiche, dann ist
das eine ganz andere Haltung, die dahinter steht:
Jemanden unter
seine Fittiche nehmen meint:
da ist ein oft
junger oder unerfahrener Mensch, der braucht Schutz aber auch
Förderung. Ich will ihn so lange fördern und schützen,
bis er selbst zurecht kommt. Sie oder er sieht sich einer neuen
Situation, einer neuen Umgebung ausgesetzt, beginnt etwas Neues und ich
kümmere mich darum, dass er die richtigen Schritte lernt, in einem
Schutzraum lernt, um eines Tages selbst fliegen zu können.
Beim Sport ist
es vielleicht ein älterer Spieler, der jemanden unter die Fittiche
nimmt, in der Schule ein guter Tutor oder auch die Klassenlehrerin, im
Beruf jemand, der mir die erste Kontakte vermittelt.
Unter die
Fittiche nehmen, das heisst Beziehung aufnehmen, jemanden fördern,
ohne ihn oder sie zu erdrücken, solange, wie sie es nötig
hat, bis er selbst fliegen kann.
Hier in St.
Lukas ist das wichtig, wenn jemand neu ist. Beim Basar ist das gut,
wenn jemand kommt, um zu helfen, dann nehme ich ihn mit an "meinen"
Stand (Konfirmanden) und helfe ihm beim Eingewöhnen, oder auch,
wenn ich jemanden ermutige zum Gottesdienst zu kommen und dann selbst
auch da bin, oder sie zu einem Abend, zum Chor oder in den Bibelkreis
einlade und dann selbst mitgehe, damit er nicht fremd bleibt,
freundlich, einladend mit Fittchen eben, die schützen und leiten.
Übrigens:
jemanden am Schlawittchen nehmen, das kommt auch von den Fittchen:
Fittich, Federkleid, ihn noch gerade erwischen und das ist dann nicht
freundlich gemeint.
2. Fittich ein
poem
Aber, wieder
zurück zum Fittich. Irgendwie klingt das Wort alt, wie aus der
Poesie, aus einem Gedicht. Fittich klingt wie Federkleid, Fittiche wie
Schwingen, ich sehe große Flügel vor mir, weit gespannt,
bergend, schützend auch machtvoll.
In der Bibel
kommen Fittiche ausschließlich im AT vor und fast nur in den
Psalmen. Und im sog. Lied des Mose, kurz bevor Israel über den
Jordan geht (auch eine Redensart). Psalmen und Lieder, das ist
Dichtkunst, oder Gebetspoesie.
Fittiche kommen
in 2facherBedeutung vor im AT und insgesamt nur 4x:
5. Mose 32,11:
das Lied des Mose
Wie ein Adler
ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt,
so breitete er
(Gott) seine Fittiche aus, und nahm ihn, und trug ihn auf seinen
Flügeln (Jakob=Israel)
Psalm 18,11:
Und er fuhr auf
dem Cherub und flog daher
Er schwebte auf
den Fittichen des Windes (Gott)
(Chrubine waren
aus Gold auf dem Deckel der Bundeslade gestaltet, gegenüber an
beiden Enden des Deckels hockend und die Flügel/Fittiche über
die Köpfe hinweg ( so etwa) berührten sich mit den
Federspitzen).
Ps 61,5
Lass mich wohnen
in deinem Zelte ewiglich
und Zuflucht
haben unter deinen Fittichen (s.Redensart)
(das Zelt Gottes
ist hier der Tempel, in dem die Bundeslade aufgehoben war, mit den
Cherubinen und den Fittichen)
Ps 91,4
Er wird dich mit
seinen Fittichen decken und Zuflucht wirst du haben unter seinen
Flügeln
Unter den
Schatten deiner Flügel (Psalm 36,8)
Breite deine
Güte über die, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit
über die Frommen (Ps36,11)
Beschirme mich
unter dem Schatten deiner Flügel (Ps 17,8)
Unter dem
Schatten deiner (Gott) Flügel habe ich Zuflucht, bis dass das
Unglück vorübergehe (Ps57,2)
Erhebe dich Gott
über den Himmel und deine Ehre über die Welt (Ps 57 6/12)
Bei diesen
Psalmworten und dem Liedwort geht es einerseits um Schutz und
Abschirmung durch das Flügelkleid. Der Beter sucht diesen Schutz
bei Gott oder er wird ihm zugesagt. Da geht es auch um Zuflucht,
Geborgenheit vielleicht, aber immer auch um Schutz vor Feinden.
Andererseits
singen die Psalmverse auch vom Getragenwerden auf den Fittichen und
dieses Bild nimmt das Lied Lobe den Herrn auf: der dich auf Adelers
Fittichen sicher geführet.
3. der Adler und
sein Junges
Welche
Erfahrungen, ja Bilder stehen dahinter?
Es ist
tatsächlich das Bild des Adlers. Am Sinai, so sagt man haben die
Menschen die Adler beobachtet.
Adler sind
Einzelgänger, große majestätische Vögel. Der Adler
am Sinai baut seinen Horst (also sein Nest) auf Felsenklippen, nahe am
Abgrund. Maximal zwei Eier werden ausgebrütet, aber nur ein Junges
wird großgezogen. Der Adler schützt das Junge im Horst, er
deckt es mit seinen Fittichen und schirmt es ad vor Kälte, vor
Feinden bis es flügge wird..
Wie lernen Adler
fliegen nun fliegen?
Adlerhorst/felsenklippen/tiefer
Abgrund/flügge/Adler packt Küken lässt es über dem
Abgrund fallen, das Junge versucht zu fliegen, stürzt und
stürzt, immer schneller, dem Abgrund entgegen, aber der alte
Adler, der ruhig und beobachtend seine Kreise zieht, schießt
plötzlich steil nach unten fängt das Junge mit den Schwingen
auf bevor es im Abgrund zu zerschellen droht und trägt es wieder
nach oben, das Spiel beginnt von neuem.
4. Was für
ein Bild hab ich von Gott?
Mit diesen
Bildern vom Adler, von seiner Majestät, seiner Kraft, seinem
Überblick, seinem schützenden und tragenden Federkleid machen
sich Menschen im AT ein Bild von Gott. Er ist der Gott der Stärke,
der über allem schwebt. Der Gott, der Schutz gibt, gegen Feinde,
und Zuflucht gewährt vor der unwirtlichen Welt. Ein Gott, der auch
streckenweise allein lässt aber im entscheidenden Moment
eingreift, sein einziges Volk auffängt und vor dem Verderben
schützt, aber auch den einzelnen Beter des Psalms.
Ich war gestern
auf einer Fortbildung für Pädikantinnen.
Frage : was ist
das entscheidende am christlichen Glauben für Sie ?
überwiegende
Antworten:
ich fühl
mich getragen durch den Glauben, Gott ist meine Zuflucht, Gott gibt mir
Sicherheit, Gott gibt mir Geborgenheit, der Glaube ist mir Schutz und
Halt………ganz ähnlich, wie die Psalmbeter des AT
Ist das auch
mein Bild von Gott? Sehe ich Gott so? Als eine Schutzmacht, als
Stärke, als Kraft?
Ist es die Seite
Gottes, die mir die Wichtigste ist in meinem Glauben? Ist mein Bild von
Gott, das des Adlers mit breiten Schwingen, der einerseits birgt und
Fluchtpunkt ist, andererseits eingreift, direkt, und mich vor
Abstürzen bewahrt?
Vielleicht, aber
es ist allenfalls ein Teil meines Glaubens…
Denn, was ist,
wenn diese „Schutzmacht“ zu schweigen scheint. Wenn sie nicht
hinabstößt, wie ein Adler und eingreift, wenn Menschen in
Not sind? Wenn unverständlich bleibt, warum Gott gerade dieses
Leid zulässt, was einen Freund, mein Kind vielleicht, mich trifft?
Oder wenn wir
auf die Stolpersteine sehen in Fuhlsbüttel z.B. Sie zeugen von
diesem nicht zu verstehenden Leid der Juden im Deutschland des
sog.Dritten Reiches. (Frau Löhr)
5. Jesus, das
andere Gesicht Gottes, der Vater wird Sohn, lässt sein Junges
fallen zum Heil der Welt ein anderer Vogel wird zum Symbol für
Christus, der Pelikan
Und was ist dann
mit Jesus?
Die Attribute
Schutz, Geborgenheit, Zuflucht, Stärke, Sicherheit, das sind
Attribute auch anderer Religionen? Moslems und die unserer
Väterreligion, Juden würden wohl genau so antworten, wenn es
um Gott geht.
.
Die Fittiche des
AT sind Symbole eben für diese Seite Gottes, die des Vaters, des
Allmächtigen, dessen, der über allem schwebt aber ist der
Adler ein Symbol für Jesus?
Jesus ist das
andere Gesicht Gottes.
Es ist das
Gesicht des Adlers, der mit dem einzigen Jungen den er hat sich selbst
fallen lässt, dies eine Mal nicht auffängt mit seinen
Fittichen. Das Gesicht des Gottes der Verwundbar wird mit den
Verwundeten, schwach wird mit den Schwachen, stirbt, mit den
Sterbenden. Und erst dann, nachdem er ganz bei den Menschen war, die
Schwingen erhebt, die Fittiche wieder ausbreitet und überwindet,
am Ostermorgen. Jesus ist das Gesicht des Gottes, der bei mir bleibt in
dunklen Zeiten, meine Angst meine Schwäche teilt, ein Gott, der
Leid nicht verhindert aber dabei bleibt, selbst verwundbar ist und mit
mir hindurchgeht bis ans Licht.
Für Jesus
haben Menschen einen anderen Vogel als Symbol gefunden: Christliche
Ikonenmaler haben den Pelikan auf Christus bezogen, da man meinte, er
nähre seine Jungen mit seinem Herzblut.
Amen
zurück
Predigt am 5.
Februar 2006
von Pastor
em. Dr. Albert Schäfer
„Der Stein
des Anstoßes“
Matthäus
4, 5-6 (und Psalm 91, 11-12)
Da
führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte
ihn auf die
Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich
hinab;
denn es steht geschrieben (Ps 91): „Er wird seinen Engeln deinetwegen
Befehl
geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen
Fuß nicht an
einen Stein stößt.“
Liebe
Gemeinde.
Überall
Steine um uns herum auf den Wegen, den Lebenswegen. Steine des
Anstoßes, wie
wir sagen in dieser auf die Bibel zurückgehenden Redensart. Wir
wollen weit
voraus oder um uns herum schauen, wollen den Himmel sehen oder die
Menschen,
die uns begegnen. Und dann liegt ein Stein auf dem Weg, ragt nur ein
wenig
heraus, eine verkantete Gehwegplatte vielleicht nur. Da stolpert man,
weil man
eben nicht gesenkten Hauptes vor die Füße geschaut hat,
nicht aufgepasst auf
das naheliegende Hindernis. Straucheln, stürzen oder sich grade
noch abfangen,
Schmerz und ein heißer Schreck, der durch die Glieder fährt.
Wer wollte nicht
sich davor bewahrt hoffen?
Der Teufel, der aus triftigem Grund
bibelfeste Teufel in dieser Versuchungsgeschichte Jesu weiß um
diese
menschliche Hoffnung. Er zitiert den Psalmgebetsvers leicht
gekürzt; denn dort
heißt es: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich
behüten auf allen
deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen
Fuß nicht an
einen Stein stoßest.“ Da docken wir unsere Hoffnung an. Manches
Mal habe ich
diesen Vers genannt bekommen als Elternwunsch für einen
Taufspruch: ein
geradezu melodisches Wort für ein unbeschädigtes Leben. Denn
überall liegen
Steine des Anstoßes herum.
Wenige hundert Meter von hier ein
Gedenkstein für die Gefallenen der beiden Weltkriege.
Anstößig erscheint
manchen die Inschrift „Unseren Helden“. Klingt da nicht
verherrlichender Ruhm
an statt Klage über die Tragik dieser Menschen, die doch eher
Opfer waren oder
sogar Täter oder beides unheilvoll untrennbar zugleich? Der Film
„Merry
Christmas“ hat vor Augen geführt, wie absurd dieser „heldenhafte“
Kampf war.
Anstößig, dass einige offenbar jüngere Zuschauer bei
manchen absurd-tragischen
Szenen lachen konnten. Und der anstößige Stein in
Hummelsbüttel – ich bin nicht
für Entfernung historischer Denkmäler. Aber für die
Suche nach Lösungen, die
dem Betrachter erklären, aus welchem Geist dies Wort kommt und
weshalb es heute
anstößig sein muss.
Und Menschen können zum Stein des
Anstoßes werden. Sterbehilfe oder Jugendstrafrecht: da nehmen wir
Anstoß daran,
wenn wir leichtfertigen Populismus zu erkennen glauben; oder wir
begrüßen die
Provokation, die Herausrufung einer notwendigen Diskussion über
gesellschaftliche Werte: Hilfe beim Sterben oder zum
Sterben;
Strafe als Sanktion für Geschehenes oder Resozialisierungsabsicht
für künftige
sozialverträgliche Gemeinschaft. Stein des Anstoßes und
Provokation
gleichzeitig.
Ach, es
gibt so viele Steine und sie haben so vielfältige Formen und
Strukturen.
Granit-hart oder Sandstein-weich; Basalt-schwarz oder
Marmor-weiß. Der
weltweite Konflikt um Mohammed-Karikaturen. Können wir
akzeptieren,
nachvollziehen, dass da etwas als anstößig empfunden wird,
was wir – aufgeklärt
und tolerant – als satirischen Ausdruck von Meinungsfreiheit verbuchen?
Werden
uns da nicht eher die Hass-Sprechchöre der protestierenden Massen
anstößig? Wie
oft sind nicht Gott und Jesus und Kirche bei uns lächerlich
gemacht oder
verunglimpft worden und – wir haben das mit heimlichem Groll oder
gelangweilt
hingenommen!? Wir verbrennen weder Fahnen noch SPIEGEL-Magazinhefte,
wenn diese
mit konsequenter Regelmäßigkeit zu den hohen kirchlichen
Festen der Kirche und
dem Glauben mit Titelstorys am Zeuge flicken. Können also
erhobenen Hauptes die
Pressefreiheit beschwören lassen und die Aufklärung und die
Demokratie. Dabei
gibt es in dieser Demokratie ein Gesetz gegen die Verunglimpfung
religiöser
Symbole – wenn’s unsere eigenen sind. Und es gibt die Grenze einer
freien
Meinungsäußerung, weil aus gutem – eigentlich: aus schlimmem
– Grund z.B.
nazistische Symbole verboten werden müssen. Und schon liegt ein
neuer Stein auf
dem Weg. Um der Meinungsbildung willen druckt eine Zeitung nach der
anderen die
anstößigen Karikaturen ab. Stein um Stein – seht ihr bei
uns die Steine
des Anstoßes, so sehen wir sie bei euch.
Liebe
Gemeinde. Sind wir schon so weit, dass wir seufzend bitten: Sende
deinen Engel
herab, dass er mich über diese Steinwüste hinwegtrage!?
Aber ein Beispiel fehlt noch: die Stolpersteine.
Eingelassen in die Gehwege vielerorts und auch in unserer
Nachbarschaft. Über
die stolpern wir gerade nicht, wenn wir erhobenen Hauptes
unsere Straße
gehen. Sie sind so eingelassen, dass sie mit Füßen getreten
werden, weil sie
von Meschen künden, deren Leben von Gestapo-Stiefeln mit
Füßen getreten ward
bis in den Tod. Aber wer ein Auge dafür hat, wem beim Blick vor
die Füße ein
Glänzen im grauen Asphalt die Seele stocken lässt, dem ist
dieser Stein ein
Anstoß zum Nachdenken, zum Andenken gegen die Vergessenheit
geworden. Und
darüber soll uns niemand – und erst recht kein Engel –
hinwegtragen.
Nun ist heute nicht eigentlich über
die Versuchungsgeschichte Jesu zu predigen. Sonst wäre die Frage
wichtig: wer
ist denn der Teufel? Jetzt nur so viel: es ist die innere Stimme in
Jesus, im
Menschen Jesus, im Gottessohn, der so sehr Mensch geworden ist, dass er
die
innere Stimme des Menschen vernimmt, mit der dieser Gott herausfordern
mag:
„Ich mache mir nicht viel Gedanken über die Risiken meines Lebens
und Handelns.
Glaube ich an Gott, dann wird er wohl seinen Engeln befehlen usw. ...
Stoße ich
mich aber an den Steinen, dann ist der Engel schuld oder es gibt Gott
nicht.“
Wieviel Glaube zerbricht an Schicksalsschlägen! Weil wir von Gott
Bewahrung
erhofften und dafür seine eigenen Psalmgebete zu lernen hatten.
Warum hat Gott
nicht verhindert, dass der betrunkene Mopedfahrer an einem
Laternenpfahl zu
Tode kam?! Wieviele Risiken sind Menschen bereit einzugehen und nennen
das dann
Vertrauen: religiös Vertrauen auf den Schutzengel oder
säkular Vertrauen auf
die Technik, also auf andere als mich, der ich riskiere. Ich weiß
nicht, liebe
Mitchristen, wem es auch so geht: ich kriege bei diesem teuflischen
Ansinnen
auf der Zinne des Tempels die Assoziation mit Bungee-Jumpern nicht aus
dem
Kopf, als Ausdruck einer Lebenseinstellung, die den letzten Kick
braucht, die
mutwillig herbeigeführte und dann überwundene Gefahr.
Aber – besser gesagt: und
Jesus verweigert sich. Er, von dem die Evangelien deutlich machen, dass
er sich
der Konfliktträchtigkeit seiner Mission bewusst ist, er verweigert
sich dem
Ansinnen, Gott auf die Probe zu stellen. Er weiß: da liegen
Steine auf dem Weg,
an denen ich meine Füße verletzte. Aber sie liegen da, wo
ich um der
Glaubwürdigkeit willen nicht anders kann. Ich werde und muss
vom Sinn
des Sabbatgebotes predigen. Ich werde und muss die Feindesliebe
verkündigen. Ich werde und muss mich denen zuwenden, die
von der
Gesellschaft und der Glaubensgemeinschaft abgeschrieben und
verstoßen sind. Ich
werde und muss selber zum Stein des Anstoßes werden. Aber
hier – in der
luftigen Höhe der Tempelzinne, da gibt es kein Muss, da wäre
es nur
gotteslästerliche Herausforderung: Seht her, mein Gottvertrauen!
Und dann
würden alle die an ihrem Gottvertrauen verzweifeln, denen
die Bewahrung
in ihrem Lebensschicksal versagt bleibt. Jesus muss – im Bild
gesprochen
– sich die Füße stoßen, damit wir auf unseren
steinigen Wegen ihn an unserer
Seite wissen.
Sollen
wir dann aus unseren Bibeln den 91. Psalm heraustrennen, weil er mit
seiner
Bitte nicht „funktioniert“? Nein – ist er doch Ausdruck einer
lebensbejahenden
Hoffnung, die die Leichtfertigkeit vermeidet und die es Gott
überlässt, auf
welche Weise er mich getragen sein lassen will.
Gestern haben wir des 100. Geburtstages
von Dietrich Bonhoeffer gedacht. Der war in der Nachfolge Jesu Christi
ganz und
gar Mensch. Er hat frühzeitig und als einer der wenigen
Anstoß genommen an dem
Weg seines Volkes und seiner Kirche ins Dritte Reich hinein. Er wurde
zum Stein
des Anstoßes, nicht nur für die nationalsozialistischen und
deutschchristlichen
Gegner, sondern auch für manche zeitkritischen
Glaubensgeschwister. Man hat
seinen Weg in den politischen Widerstand nicht verstanden, nicht
mitgetragen;
man hat ihn nicht in die Fürbittliste für Verfolgte und
Inhaftierte
aufgenommen. Aber Dietrich Bonhoeffer hat diesen schicksalhaften Weg
nicht
gewählt wie eine Herausforderung an die Bewahrungszusage Gottes.
Man kann sich
nicht selbst zum Märtyrer machen! „Gott, wenn du schon mich nicht
bewahrst in
den Steinwüsten dieser Welt, dann lass deine Engel mich ins
Paradies tragen...“
Nein, das wäre genauso ein Nachgeben der teuflischen
Versucherstimme, die Gott
sein Handeln aufzwingt.
Man kann sich nicht selbst zum
Märtyrer
machen. Sondern Märtyrer wird der, der entgegen aller
Lebenslust und gegen
alles Harmoniebedürfnis und gegen alle Angst an einer
Stelle
seines Lebens weiß: ich kann nicht anders als aus dem Hören
auf Gottes Wort und
Auftrag hier die Stimme zu erheben für Schwache und Verfolgte,
hier mitzumachen
beim Kampf für Gerechtigkeit und Frieden, hier gegen den Strom zu
schwimmen;
ich kann nicht anders als dem Rad in die Speichen zu fallen – so eines
seiner
ganz frühen Worte gegen die Nazi-Tyrannen am Steuer des deutschen
Volkes. „Hier
stehe ich, ich kann nicht anders,“ so hören wir es mit Martin
Luthers Worten.
Und wenn es mich Gefahr für Leib und Leben kostet!
So ist es dann geschehen. Er wurde
von seinen Feinden zum Märtyrer gemacht. Aber er wusste um den
Christus an
seiner Seite, weil auch der den Feinden zum Opfer fiel am Kreuz auf
Golgatha.
Christus selbst ist der Stein des
Anstoßes. Ein Ärgernis für die, denen die Nähe
Gottes in seiner Mission zum
Ärgernis wurde. Ein Ärgernis und Zweifelsgrund, warum Gott
das zugelassen haben
will. Paulus im Römerbrief fügt zwei Profetenworte von Jesaja
zusammen: „Siehe,
ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des
Ärgernisses; und
wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.
Da kommt zusammen, was zusammen
gehört: die Bitte um Bewahrung durch die Engel Gottes; und das
Vertrauen auf
die Nähe Jesu Christi auch da, wo uns die Steine auf dem Lebensweg
nicht
erspart bleiben.
So sollen wir im verantwortlichen
Gespräch mit Gott nach Antworten suchen auf die bedrängenden
Fragen, die uns
wie Steine in den Weg geworfen sind. Zum Sinn von Strafe; zur
Unantastbarkeit
des Lebens auch im Sterben; zum Respekt auch vor fremden Religionen;
zum Umgang
mit der Erinnerung an das Leid von Krieg und Verfolgung. Das Vertrauen
auf die
Nähe Jesu Christi auch da, wo uns Steine auf dem Lebensweg nicht
erspart
bleiben.
Denn Gott hat für uns noch eine
Zukunft – eine Zukunft am Kreuz auf Golgatha, eine Zukunft am Galgen
von
Flossenbürg, eine Zukunft für uns.
Amen.
zurück
Predigt am 12.2.06
von Pastor Friedhelm Nolte
„Wie
Schuppen von den Augen“
Liebe Gemeinde!
Die „gehaltenen Augen“
Wir leben in einer Zeit, in der die
Bedeutung des Sehens überbewertet wird. Keine Zeitung kommt mehr
ohne Bilder aus, um den Lesern die Nachrichten zu verkaufen.
Bunte Bilder müssen es sein, besser
noch bewegte Bilder. Was im
Fernsehen zu sehen war, muß sich so abgespielt haben –
schließlich haben wir es ja mit unseren eigenen Augen gesehen.
Dabei läßt sich kein
Sinnesorgan so leicht täuschen, wie unsere Augen: Das Bild, das
wir da auf dem Bildschirm zu sehen meinen, ist in Wirklichkeit ja nur
ein Lichtpunkt, der mit ungeheurer Geschwindigkeit
über die Mattscheibe flitzt. Unsere Augen vermitteln uns ein Bild von
dieser Welt, in der wir leben, von der Natur, den Bauwerken um uns
herum und von den Menschen, die uns begegnen. Oft aber trügt der Schein unserer
Erfahrungen und Bilder, die wir sehen und in uns tragen.
Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie
kommen in dieser Jahreszeit am Sonnabend spät mit dem Auto von
außerhalb und sind auf dem Weg nach Hause. Da, auf der Glashütter Landstraße merken Sie:
es stimmt etwas mit einem Rad nicht. Sie halten an und sehen im Regen
die Bescherung: Ein Reifen ist platt. Kofferraum auf – So ein
Ärger, der kräftige Kreuzschraubenschlüssel liegt
zuhause in der Garage. Mit dem Bordwerkzeug ist nichts zu machen. Sie
stellen sich an den Straßenrand und versuchen jemanden
anzuhalten, damit der ihnen vielleicht weiterhelfen kann. Sie erkennen
zufällig das Auto eines guten Bekannten, den Sie bislang für
einen Freund hielten. Doch was macht der? Er tut so, als bemerke er Sie
nicht und rauscht vorüber. Erst nach zehn endlos langen Minuten
hält jemand an. Einer, von dem Sie das nie gedacht hätten.
Vom Typ „Rocker“: Ganz in Leder, Vollbart, Tätowierung, jedes
Vorurteil wird von seinem Äußeren bedient. Und gerade der
ist total nett und hilfsbereit und hilft ihnen bei der Panne und
läßt sich für Sie naßregnen.
So kann unser Bild, das wir uns von einem
Menschen machen, schiefliegen. Durch das, was wir sehen, sind wir in
alten Hinsichten gefangen. Die
Erfahrungen, die wir mit anderen gemacht haben, prägen unser
inneres Bild von den Menschen, lassen uns nicht mehr vorurteilsfrei auf
sie sehen. So kommt es leicht dazu, daß wir
gar nicht mehr richtig hinsehen können, sondern in unseren eigenen
Gedanken, und Erwartungen gefangen sind. Das ist eine Erfahrung, die bereits schon
die der Bibel einige Male berichtet wird.
Da waren z. B. die sogenannten „Emmausjünger“ von denen Lukas erzählt. Sie
waren nach Ostern auf dem Weg nach Hause. Der Tod Ihres Freundes und
Rabbi Jesus hatte all ihre Hoffnungen total zerstört. Den Frauen,
die Ihnen von der Auferstehung berichteten, konnten sie nicht glauben
und völlig verstört wollten sie nur noch weg von Jerusalem.
Sie nahmen überhaupt nicht wahr, daß der Begleiter, der sich
Ihnen zugesellt hatte, der Auferstandene Jesus selbst war. Erst als sie
im Gasthaus beim Abendessen erkannten sie ihn an der Art, wie er das
Brot brach. Sie waren so
gefangen in ihren alten Hinsichten und Anschauungen, daß ihre
Augen erst nach Stunden geöffnet wurden.
Der neue Blick
Ähnlich verhält es sich in der
Erzählung aus der Apostelgeschichte, aus der unsere Rededensart
stammt: „Wie Schuppen von den Augen“ Es ist die Fortsetzung der
Bekehrungsgeschichte des Apostel Paulus: Apostelgeschichte
9, 10 - 19
10 Es war
aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der
Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr
sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade
heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen
Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in
einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm
hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. 13 Hananias
aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen
Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier
hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die
deinen Namen anrufen. 15 Doch der
Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes
Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor
Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will
ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen.
17 Und
Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn
und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der
dir auf dem Wege hierher erschienen ist, daß du wieder sehend und
mit dem heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und
sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde
wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen 19 und nahm
Speise zu sich und stärkte sich.
Die Begegnung des Christenverfolgers
Saulus mit dem lebendigen Jesus Christus, die zuvor erzählt wird,
hatte ihm gerade nicht die Augen geöffnet. Seine Gefährten
müssen den Erblindeten bei der Hand nehmen und in die Stadt
führen. Alles ist
plötzlich anders für Ihn: Was gilt nun noch? Er war doch so
voller Eifer für die Wahrheit und Ehre Gottes. Nun
blickte er überhaupt nicht mehr durch. Wie soll es weitergehen? Es folgen drei
furchtbare Tage voller Verwirrung und Glaubenszweifel und voller Gebet.
Erst die Begegnung mit dem Christen
Hananias, einem Führer der Gemeinde in Damaskus verändert
seine Situation nachhaltig und bekehrt den Saulus. Gottes Geist selbst, veranlaßt den
Gemeindeältesten all seine berechtigten Vorbehalte und Ängste
zu beiseite zu schieben und dem erblindeten ehemaligen
Christenverfolger freundlich wie einem Bruder zu begegnen. Diese
liebevolle Annahme im Geiste Jesu ist es dann, die Saulus das
Augenlicht wiedergibt und ihn Christ werden läßt. Seine Sichtweise und sein enger Glaube
ändern sich durch das geschwisterliche Gespräch mit Hananias.
Er erkennt, daß Gott
nicht ein engherziger und strafender Paragrafen- und Gesetzes-Gott ist,
sondern daß er der liebende Vater im Himmel ist, wie ihn sein
Sohn Jesus uns gezeigt hat. Der ist der Heiland, die Verkörperung
der Liebe Gottes.
Dies erfährt Saulus in der Begegnung
mit Hananias. Was seine Ohren hören, das öffnet ihm die
Augen. Es ist also gerade
nicht das spektakuläre Ereignis, das es „wie Schuppen von den
Augen fallen“ läßt, sondern das Glaubensgespräch mit
einem anderen. Es gilt die
Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ (wie es St. St. Exupery
im seinem „kleinen Prinz formuliert hat)
Mit dem Herzen sehen
Mit dem Herzen sehen, wie geht das? Nur so daß ich in meinem Leben und
Sehen vom Glauben, von Gottes Geist der Liebe geleitet bin. Die anderen Menschen werde ich so als von
Gott geliebte Geschöpfe erkennen. Z. B.: Bei Lukas erzählt Jesus im Gleichnis
vom Barmherzigen Sameriter, von dem fremden
Sameritaner, der allen Grund gehabt hätte, an dem
niedergeschlagenen verhaßten Juden vorbeizugehen: „als
er ihn sah, jammerte er ihn…“ (Lk 10, 33) Der eigentlich Fremde sieht das
mißhandelte, hilflose Geschöpf Gottes, da kann er nicht
vorübergehen. Die neue
Sichtweise des Herzens und der Liebe Gottes will geübt sein. Sie
stellt sich nicht so schnell ein: Ein Schnippp – und ich bin Christ,
und alles ist anders. – So
nicht.
Es braucht viele Gespräche mit
anderen Christen, und viel Einübung in die neue Sicht- und
Lebensweise. Da sind
Gemeinden wichtig mit ihren Gruppen, Kreisen und Raum für
Begegnungen, wo dies geschieht. Viel mehr noch, als es schon bei uns in
St. Lukas der Fall ist. Wir
dürfen nicht übersehen: Nach dem Bericht der
Apostelgeschichte hat es bei Saulus zwölf lange Jahre gedauert von
den Ereignissen in Damaskus bis zu seiner ersten Reise als der Apostel
Paulus, wie wir ihn aus seinen Briefen kennen.
Ich wünsche es für uns,
für unsere Gemeinde, das hier ein Ort ist, wo es Menschen wie
Schuppen von den Augen fällt, daß sie frei werden von der
Blindheit des Egoismus und der Vorurteile und sich gegenseitig
Verurteilens. Wo ihnen
die neue Sicht des Glaubens im Geiste Jesu geschenkt wird.
Amen.
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Predigt
am 19. Februar 2006
von Pastor Friedhelm
Nolte
"Mit seinen Pfunden
wuchern"
Liebe Gemeinde!
Die „wuchernden Pfunde“
Jetzt bei den
Olympischen Winterspielen in Turin erleben wir im Fernsehen wieder die
strahlenden Olympiakämpfer, die es auf das Siegertreppchen
geschafft haben. Sie haben sich gegen die anderen durchgesetzt. Sie
haben mit Ihren „Pfunden gewuchert“, so könnten wir auch sagen.
Damit meinen wir, daß sie ihre Begabungen und Stärken
konsequent einsetzt haben. Natürlich spielen wir mit den „Pfunden“
nicht auf ihre kräftigen, antrainierten Muskeln an, die üppig
„gewuchert“ sind.
Nein, diese Redensart
verstehen wir nur richtig auf dem biblischen Zusammenhang, aus dem sie
kommt. Man muß wissen, daß zur Zeit Jesu in Israel ein
„Pfund“, oder wie man auf hebräisch sagte, eine „Mine“ die
größte damals gebräuchliche Münze war im Wert von
etwa 150 €. Auch der Ausdruck „wuchern“ ist für viele heute
mißverständlich: während dies Wort ursprünglich
nur ein geschicktes Handeln beschreibt, denken wir bei einem „Wucherer“
an jemanden, der mit überzogenen Forderungen andere
übervorteilt.
Mit diesen
Vorinformationen gerüstet wollen wir den biblischen Text
hören aus dem unsere Redewendung stammt: „Mit seinen Pfunden
wuchern.“ Er steht im Lukasevangelium, Kapitel 19, 11 – 27:
Als die Jünger nun zuhörten, sagte Jesus ein
weiteres Gleichnis und sprach: Ein Fürst zog in ein fernes Land,
um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. Der
ließ zehn seiner Knechte rufen und gab ihnen zehn Pfund und
sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wiederkomme!
Und es begab sich, als er wiederkam, nachdem er das
Königtum erlangt hatte, da ließ er die Knechte rufen, denen
er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was ein jeder erhandelt
hätte. Da trat der erste herzu und sprach: Herr, dein Pfund hat
zehn Pfund eingebracht. Und er sprach zu ihm: Recht so, du
tüchtiger Knecht; weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst
du Macht haben über zehn Städte. Der zweite kam auch und
sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund erbracht. Zu dem sprach er
auch: Und du sollst über fünf Städte sein.
Und der dritte kam und sprach: Herr, siehe, hier
ist dein Pfund, das ich in einem Tuch verwahrt habe; denn ich
fürchtete mich vor
dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst, was du nicht angelegt
hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Er sprach zu ihm: Mit deinen eigenen Worten richte
ich dich, du böser Knecht. Wußtest du, daß ich ein
harter Mann bin, nehme, was ich nicht angelegt habe, und ernte, was ich
nicht gesät habe: warum hast du dann mein Geld nicht zur Bank
gebracht? Und wenn ich
zurückgekommen wäre, hätte ich's mit Zinsen
eingefordert. Und er sprach zu denen, die dabeistanden: Nehmt das Pfund
von ihm und gebt's dem, der zehn Pfund hat. Ich sage euch aber: Wer da
hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht
hat, wird auch das genommen werden, was er hat.
Das den Jüngern anvertraute Pfund
Eine geläufige
Auslegung dieses Gleichnisses ist, daß mit den „Pfunden“ die
Gaben und „Talente“ gemeint sind, die jede und jeder Mensch von Gott
mit seinem Leben erhalten hat. Wir alle sind mit je besonderen
Fähigkeiten und Begabungen beschenkt. Der eine kann gut mit seinen
Händen Werken und Basteln. Die Andere hat musikalische
Fähigkeiten, kann singen, ein Instrument spielen. Es gilt nun,
diese Talente zu nutzen, für andere einzusetzen und nicht
verkümmern zu lassen.
Der Begriff Talente
findet sich übrigens in der Version unseres Gleichnisses, wie sie
im Matthäusevangelium erzählt wird. Das griechische Wort
„Talent“ – zu deutsch „Zentner“ – ist die Maßeinheit für 50
„Minen“ oder „Pfunde“.
Bei Lukas ist mit
diesem Gleichnis etwas anderes gemeint. Dies wird schon durch seine
besondere Stellung im 19. Kapitel des Evangelium deutlich: es ist die
letzte Erzählung Jesu an seine Jünger vor seinem Einzug nach
Jerusalem; seinen letzten Tagen, mit den entscheidenden Ereignissen,
den dramatischen Auseinandersetzungen mit den Hohenpriestern, dem
Passahmahl, der Verhaftung, dem Prozeß, der Kreuzigung und
schließlich der Auferstehung.
Mit diesem Gleichnis
beschreibt Jesus den Auftrag, den er seinen Jüngern ans Herz legt,
bevor sich sein Leidens- und Erlösungsweg vollendet.
Der Fürst, von dem er spricht, ist er selbst und das
Königtum, das dieser erlangt, manifestiert sich später in
seiner Auferstehung. Das Pfund, das er
seinen Knechten, den Jüngern, anvertraut, ist sein
Vermächtnis: Das Evangelium von der Liebe Gottes, die uns Leben,
Heil, Vergebung und Frieden bringt. Das hat er seine Jüngern
gelehrt und es ihnen vorgelebt, das hat er ihnen und mit ihnen
verkündigt. Das sollen sie weitergeben mit Wort und Tat, wenn er
nicht mehr bei ihnen ist.
Mit diesem „Pfund“
sollen sie wuchern, damit Handel treiben.
Sie sollen diese
frohe Botschaft, ihren Glauben an die Liebe Gottes, die in Jesus
Christus Mensch geworden ist, und die Macht des Bösen und des
Todes überwunden hat, nein, das sollen sie nicht für sich
behalten, sie sollen es unter die Leute bringen. Sie sollen anderen
erzählen von dem, was mit Jesus erlebt, gehört, gesehen
haben. Auf seinen Beistand, seinen Geist, können sie dabei
vertrauen. Wenn sie allerdings diese frohe Botschaft nur als eigenen
Besitz verstehen, ihnen zur eigenen Erbauung gegeben, dann wird sie
wertlos.
Wenn sie Jesus
Christus bei seiner Wiederkehr sehen, werden sie ihm Rechenschaft
ablegen: wie habt ihr mit dem gehandelt, was ich euch gegeben habe? Wie
habt ihr mit dem „Pfund“, das ich euch anvertraut habe „gewuchert“?
Dann wird er die, die vielen anderen das Evangelium weitergegeben
haben, gelobt und belohnt. Wer die Gabe des Glaubens nur für sich
behalte hat, es vor anderen versteckt, steht am Ende mit leeren
Händen da.
So ist auch der harte
Satz verständlich: „Ich sage euch aber: Wer da (erwirtschaftet) hat,
dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht (erwirtschaftet) hat,
wird auch das genommen werden, was er hat.“
Was machen wir mit dem Pfund des Glaubens?
„Bringt euren
Glauben, die frohe Botschaft der Liebe, und des Friedens unter die
Leute!“ - Diese Aufforderung, die Jesus an seine Jünger richtet,
ist auch für uns Christen heute nach wie vor aktuell. Es ist der
Zeitlose Auftrag an die Kirche, an jede christliche Gemeinde, an jeden Christen. Christus vertraut auch uns
heute, die wir hier im Gemeindesaal von St. Lukas versammelt sind, sein
„Pfund zum Wuchern“ an. Wo wir hier im Gottesdienst gemeinsam sein Wort
hören, das uns tröstet, aufrichtet, ermahnt, Halt und Ziel
für unser Leben gibt, sollen wir das nicht einfach nur zur eigenen
Erbauung hören. Wir sind auch von gerufen, jeder nach seinen
Möglichkeiten, an seinem Platz, das, was uns zum Leben gesagt ist,
anderen weiter zu geben.
Wie können wir
diesem Auftrag gerecht werden? Ich möchte diese Frage heute morgen
nicht theoretisch abhandeln. Ich finde, ein anschauliches Gleichnis
fordert ein konkretes Handeln heraus. Es ist gut, wenn
wir, wenn Sie diese Frage mit praktischen Erfahrungen beantworten.
Darum möchte ich ihnen heute symbolische Pfunde an die Hand geben:
5€ mit denen sie wuchern können. Einige Kirchenvorsteher werden
jetzt herumgehen und ihnen eine Karte überreichen, daran ist ein
Fünf-€uro-Schein geklebt. Meine Bitte ist: „wuchern“ sie damit.
Handeln sie damit.
Wie kann das
geschehen? Es geht mir dabei nicht einfach um Geldvermehrung, daß
Sie damit einfach eine Sammlung beginnen.
Vielleicht kaufen sie
Zutaten und backen einen Kuchen, verkaufen diesen bei einem Familien-
oder Nachbarschaftsfest und geben den Erlös für die Gemeinde.
Oder nutzen das Geld, um damit Marmelade zu
kochen. Oder Sie kaufen einfach eine Spardose und stellen sie in Ihrer
Wohnung an der Haustür auf.
Wichtiger als der
Spendeneffekt, den diese Aktion bringen kann, ist mir, daß Sie
über den Einsatz dieses Geldes mit anderen Menschen, ins
Gespräch kommen: über Ihren Glauben, über Gott und die
Gemeinde. Daß Sie so das Evangelium weitergeben, in der Familie,
an Verwandte, Freunde, Nachbarn Arbeitskollegen, wie es sich eben
ergibt.
Ich gebe Ihnen
für Ihre Ideen und Aktionen ein Jahr Zeit. Sie können auch
Ihr „Pfund“ und was Sie erwirtschaftet haben natürlich auch schon
eher zurückbringen. Spätestens im nächsten Februar
möchte ich Bilanz ziehen, nicht nur wirtschaftlich: Mehr noch
interessieren mich Ihre Erfahrungen. Ich hoffe auf Ihre Berichte von
dem, was Sie erlebt haben, beim „Wuchern mit Ihrem Pfund“, welche
Begegnungen, welche Gespräche .
Also gilt von heute
an auch bei uns in St. Lukas Jesu Aufforderung aus unserem Gleichnis:
„wuchert mit den Pfunden, handelt damit, bis ich wiederkomme“!
Amen.
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Predigt
am 9. 7. 06
von Pastor Friedhelm
Nolte
„Einen Denkzettel verpassen“
Der sprichwörtliche „Denkzettel“
Liebe Gemeinde! Ich
verpasse Ihnen heute morgen einen Denkzettel!
Wenn Sie das hören, dann zucken Sie vielleicht zusammen.
Ein Denkzettel verheißt Unangenehmes: Wenn ich mein Auto kurz im
Halteverbot abgestellt habe, verpaßt
mir eine Politesse ein „Knöllchen“.
Oder jemand hat mir die Vorfahrt genommen: voller Rachegedanken sage
ich mir: dem müßte man mal einen „Denkzettel“ verpassen.
Daneben gibt es noch die
vielen ganz banalen Denkzettel gleich Notizzettel im Alltag: ich
schreibe mir auf, was unbedingt nicht vergessen zu erledigen will: beim
Einkauf, den wichtigen Anruf, die
Telefonnummer.
Das Wort „Denkzettel war
im Mittelalter ein juristischer Ausdruck: Urkunde oder Vorladung vor
Gericht. Daher hat dies Wort seit alters einen unangenehmen Unterton.
Wir bezeichnen damit wir entweder eine Strafe, die eine Person
zum Nachdenken bringen soll (einen Denkzettel verpassen) oder aber eine
unangenehme Erfahrung, die jemandem als Lehre dient oder dienen sollte
(einen Denkzettel bekommen).
Der biblische Denkzettel
Den
Ausdruck Denkzettel wählte Luther bei der Übersetzung des
griechischen Wortes „Phylakterion“ = hebräisch: „Terillin“ in der
Übersetzung von Matthäus 23, 5: „Sie (die Pharisäer)
machen ihre Denkzettel breit“. Denn
gesetzestreue Juden befestigen lederne Kapseln zum Gebet mit langen
Riemen auf der Stirn und am linken Arm. In diesen sind mit
Schriftworten beschriebene Pergamentstreifen verwahrt. Die Gebetsriemen
aus dunklem Leder, werden beim Morgengebet an den Wochentagen getragen,
jedoch nicht am Sabbat und an den Feiertagen.
Während
der eine der zwei Riemen um den Kopf geschlungen wird, muß der
andere um Ring- und Mittelfinger der linken Hand bis über den
Ellbogen des linken Arms gewickelt werden. Zur Zeit Jesu trugen viele
Fromme die Gebetsriemen den ganzen Tag.
In der
Kapsel befinden sich vier
'Minischriftrollen', die verschiedene Thoraverse enthalten (2. Mose 13,
1-10; 13, 11-16; 5. Mose 6, 4-9 u. 11, 13-21) wie die vorhin
gehörten.
Das
Tragen auf der Stirn beziehungsweise am Arm gegenüber dem Herzen
geht auf das Gebot aus unserem Bibelabschnitt 5. Mose 6, 8 zurück:
„Und du
sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein
Denkzettel zwischen deinen Augen sein...“
An Gott
denken im Alltag
Der
Denkzettel bzw. Gebetsriemen ist also für den frommen Juden ein
sichtbares Zeichen, daß man Gedanken und Herz auf Gott richten
möchte. Als Ausdruck gelebter Frömmigkeit ist er sicher eine
gute Sache, allerdings läßt sich damit eine Nähe zu
Gott nicht erzwingen.
Ein
Denkzettel denkt eben selbst an nichts. Wenn ich notiert habe: Butter
besorgen! dann erledigt das nicht der Notizzettel. Das muß ich
schon selber tun. Ebenso: ein Gebetsriemen, oder auch eine Kerze, die
mich an Gott erinnern soll, beten nicht für mich. Mein Denken an
Gott, mein Beten zu ihm, kann ich nicht stellvertretend dadurch
erledigen lassen.
Und
dennoch: Ich meine, wir können vom Brauch der Juden, Gebetsriemen
mit frommen Denkzetteln zu tragen doch etwas lernen: nämlich
daß es wichtig ist nicht am Feiertag an Gott zu denken, sondern
genauso auch im Alltag. Gottes Worte, seine Mahnungen, Tröstungen
und Gebote sind nicht nur für fromme Stunden
im Gotteshaus, sondern sie wollen im Lebensalltag bedacht, umgesetzt
und gelebt werden. „du sollst den HERRN, deinen Gott,
liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner
Kraft.“ Es gilt dieses Gebot in meinem ganz normalen Umgang mit
anderen umzusetzen.
Jesus regt sich zu Recht über die scheinbare
Frömmigkeit einiger Zeitgenossen auf: (Matthäus
23, 3 - 7) „Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach
ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen's zwar, tun's aber
nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen
sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen
Finger dafür krümmen. Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie
von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Denkzettel breit und die
Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan bei Tisch
und in den und haben's gern, daß sie auf dem Markt
gegrüßt und von den Leuten Rabbi
genannt werden.“
Ob wir
Gott in unser Leben einbeziehen, ob uns sein Wort wichtig ist und wir
Ernst damit machen, zeigt sich im Umgang mit anderen Menschen im Alltag.
Geht mir
das Schicksal anderer nahe, oder sind sie mir gleichgültig? Nehme ich die Not anderer wahr oder sehe
ich weg, wenn jemand neben mir in Gefahr sind? Bin ich bereit, das
Lebensrecht anderer genauso wichtig zu nehmen, wie meines? Eine Frage,
die angesichts der Einsparungen in den Sozialkassen
und der Verteilkämpfe um die öffentlichen Mittel
bedeutsam wird.
Gerade
Jesus Christus hat uns ja gelehrt, daß es einen untrennbaren
Zusammenhang zwischen Liebe zu Gott und dem Nächsten gibt: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir
getan!“ Dabei dürfen wir nicht übersehen, daß der
Nächste im Sinne Jesu nicht einfach der ist, den ich mag oder der
mir verwandtschaftlich nahe steht, sondern der, der mir in meinem
Alltag vor die Füße gelegt wird, wie es in dem Gleichnis vom
Barmherzigen Samariter erzählt wird.
Vom Denken zum Danken
Die Denkzettel der frommen
Juden sollen im Alltag daran erinnern, daß wir allein aus der
Liebe und Gnade Gottes heraus leben. Ja, es ist gut, sich immer wieder
daran zu erinnern: Daß ich hier und jetzt dasein darf, daß
ich auf dieser schönen Erde, die Gott geschaffen hat, leben kann;
daß er mir jeden Tag neu Zeit schenkt, die ich genießen
kann, in der ich etwas schaffen kann, die mir Begegnungen mit Anderen
ermöglicht; daß ich nicht an meinen Fehlern und
Schwächen verzweifeln muß; daß mein Leben eine
Perspektive hat über die Biologie hinaus; daß ich nicht
gefangen bleibe in den Teufelskreisen von Haß, Gewalt und Tod - das alles ist Gottes einzigartiges Geschenk
des Lebens an mich, wie auch an jeden anderen Menschen.
Es ist gut dies immer
wieder im Lebensalltag zu bedenken. Dieses Denken an Gott
führt mich zum Danken. Denken und Danken sind ja
bekanntlich sprachlich eng verwandte Worte. Das Denken über den
Ursprung und Sinn meines Lebens führt mich zum Dank an Gott, den
Schöpfer und des Lebens. Und es bringt mich zu einer dankbaren
Lebenshaltung in meinem Alltag.
Eine solchen „Denkzettel“
möchte ich ihnen heute morgen gern verpassen. Wenn Sie auch nicht
äußerlich tragen sollen, so wünsche ich doch, daß
sie ihn in Ihrem Herzen haben.
Amen.
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Predigt am 16. Juli 2006
von Pastor Friedhelm Nolte
"Auge um
Auge, Zahn um Zahn"
Liebe Gemeinde!
Ein uraltes Sprichwort zu biblischen Zeiten
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, eines der ältesten bekannten
Sprichworte überhaupt, auch schon zu Zeiten der Bibel. Bereits
Jesus zitiert es aus dem 2. Buch Mose.
Auch wenn es uns archaisch, veraltet vorkommt, hat es auch heute seine
Gültigkeit im Leben der Menschen:
Im Kindergarten, da streiten Kinder, es kommt zur Prügelei, die
Streitenden verletzen sich gegenseitig.
In der Auseinandersetzung von Staaten erleben wir es ähnlich: Mit
Erschrecken sehen wir gerade in diesen Tagen wieder auf die
kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen
Arabischen Nachbarn. Terroranschläge, Bombenattentate,
Entführungen, Bombardements, die Panzer rollen.
Gewalt wird immer mit noch mehr Gewalt beantwortet. Auge um Auge, Zahn
um Zahn! so sagen sie. Wie Du mir, so ich Dir! so sagen wir, wenn
es uns betrifft. Und häufig wir schon den Kindern beigebracht: Du
darfst dir nicht alles gefallen lassen, denn wo kommen wir dann sonst
hin?
Ein Sprichwort zur Begrenzung der Gewalt
Das archaische Sprichwort ist also nicht so primitiv, wie man denken
könnte. Auch heute ist es immer noch höchst aktuell.
Wenn wir in den alttestamentlichen Zusammenhang sehen, dann merken wir
vielleicht, welch kulturellen Fortschritt dieser Satz bedeutet: „2.
Mose 21, 23 Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um
Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um
Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“
so sagt das Mosaische Gesetz.
Es geht also darum, Vergeltung, Rache und Strafe einzugrenzen. Unser
Gebot will die Verhältnismäßigkeit der
Abwehrmaßnahmen gegen Gewalt erreichen. Es soll nicht
blindwütig in Zorn und Haß gehandelt werden. Die Vergeltung
der Gewalt selbst wird zwar nicht in Frage gestellt, aber sie soll im
vernünftigen Maß zum Schaden stehen.
Ein Handeln nach diesem Sprichwort setzt einen gewissen Abstand und auf
jeden Fall Besonnenheit voraus: Denn ich muß erst in der Lage
sein, objektiv zu erkennen: welchen Schaden habe ich erlitten, um dann
genauso objektiv das Maß der Vergeltung zu bestimmen und
entsprechend zu handeln. Vergeltung wird als Not-wendig gesehen im
wahrsten Sinn des Wortes: eine entstandene Not, ein Unrecht soll
gewendet werden, zerstörtes Recht, zerstörter Friede wieder
hergestellt werden. Unrecht und Gewalt darf ich mir nicht gefallen
lassen, denn wo kommen wir dann sonst hin?
Warum Jesus das Sprichwort kritisiert
Ja, wo kommen wir dann hin? Zu Recht kritisiert Jesus in der
Bergpredigt das alte Sprichwort. Oft wird ja Jesus im Zusammenhang mit
diesen Sätzen der Bergpredigt Naivität und
Realitätsferne vorgeworfen. Z. B. hat von Altkanzler Helmut
Schmidt den Satz gesagt: „Man kann mit der Bergpredigt nicht regieren.“
Nein im Gegenteil meine ich: Jesus hat sehr realistisch die Erfahrungen
vor Augen, die Menschen mit dem Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“
machen. Dies primitive Stellen von Gewalt gegen Gewalt führt zu
einer Spirale der Gewalt, in einen Teufelskreis des Hasses.
Das gilt im Großen wie im Kleinen: Bei dem tätlichen Streit
zwischen Kindern geht schnell jedes Maß verloren. In der Wut
werden dem Anderen Verletzungen zugefügt, die dem
ursprünglichen Anlaß überhaupt nicht mehr angemessen
sind. Die Gewalt eskaliert.
Der gegenwärtige Konflikt zwischen Israel und den
Palästinensern wurde ausgelöst durch die den Überfall
und die Entführung erst eines, dann zweier weiterer Israelischer
Soldaten. Es folgten Vergeltungsmaßnahmen mit Bombardierungen im
Gazastreifen und Panzereinmärsche mit vielen Toten, darauf
Raketenbeschuß in Nordisrael, dann die Bombenangriffe Angriffe
auf den Libanon mit vielen Toten – heute nach allein 90 gemeldet – und
unabsehbaren Zerstörungen.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ „Wir dürfen uns nicht alles gefallen
lassen, wo kommen wir dann hin?“ Ja wo kommen wir dann hin? – in einen
Teufelskreis des Hasses, der Gewalt, des Tötens, des Bösen.
Woran liegt das? Was ist die Ursache dafür, das aus einer
scheinbar gerechtfertigten Abwehr des erlebten Bösen eine endlose
Spirale der Gewalt wird? Warum funktioniert das „Auge um Auge, Zahn um
Zahn“ nicht?
Das liegt allein daran, daß es unmöglich ist Gewalt,
Unrecht, Leid objektiv zu messen. Denn das Leid das ich selbst erfahre,
wiegt immer schwerer als das Leid, das ich anderen zufüge. Ich
spüre den Schlage, den ich ins Gesicht empfange viel stärker
als den, den ich austeile.
Und wenn dann erst einmal die Fäuste gesprochen haben, wenn man
sich gegenseitig verletzt hat, dann schaffen es Menschen meist eben
nicht, erst einmal Abstand zu dem geschehen Verletzungen und Unrecht zu
gewinnen.
Gewalt überwinden mit Liebe
Darum rät Jesus seine Jüngerinnen und Jünger: „ihr sollt
dem Bösen keinen Widerstand leisten“ Wenn ich aus dem
Teufelskreis der Gewalt und des Bösen heraus möchte, dann
gibt es keine andere Möglichkeit, als daß ich damit beginne,
gegen Gewalt Sanftmut, Gegen Haß Vergebung und gegen Schläge
Wehrlosigkeit zu setzen.
Jesus begründet das mit dem sehr allgemein und vielleicht
zunächst ein wenig ungenau klingenden Satz: „Gott läßt
seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt
regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Er will uns damit sagen,
daß unsere Sicht des „Bösen Anderen“ immer subjektiv ist.
Sie ist aber nicht Gottes Sicht auf das Leben. Gott liebt jeden
Menschen als sein einzigartiges Geschöpf. Gott liebt mich, aber
genauso auch meinen Feind.
Und Gott weint über jedes Unrecht, über jede Gewalt,
über jede Verletzung, über jedes Töten, das geschieht.
Und als Christen muß uns klar sein, daß Christus für
die Schuld und das Leid aller gestorben ist. Er hat mit Kreuz und
Auferstehung die Macht des Bösen für alle gebrochen. Nicht
nur für mich, auch für meinen Feind.
Es gilt zu entdecken, den anderen, der mir entgegensteht, mit
Gottes Augen der Liebe zu sehen. Ein Beispiel, wie im Kleinen der
Kreislauf des Hasses überwunden werden kann, hat die große
Kinderbuchautorin Astrid Lindgren in einer kurzen Geschichte gegeben:
Der Stein
„Jenen, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und
strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was
mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter, als
ihr kleiner Sohn etwas getan hatte, wofür er ihrer Meinung nach
eine Tracht Prügel verdiente, die erste in seinem Leben.
Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu
suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb
dann lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und
sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du
einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da aber fing auch die
Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen
des Kindes. Das Kind mußte gedacht haben, "meine Mutter will mir
wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm
ihren kleinen Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord
in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Ermahnung
an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selbst gegeben hatte:
"NIEMALS GEWALT!"
Astrid Lindgren 1976
Der überraschende Satz des Kleinen: „hier hast du einen Stein, den
kannst du ja nach mir werfen." bringt die Mutter dazu, das ganze
mit den Augen ihres Sohnes zu sehen, und einen sich anbahnenden
Teufelskreis zu verlassen. Sie sieht mit Liebe statt mit Strafe oder
Wut auf das Geschehen.
die überraschende Phantasie der Liebe
Jesus macht darum überraschende Vorschläge, um aus dem
Kreislauf der Gewalt aus zubrechen: „wenn dich jemand auf deine rechte
Backe schlägt, dem biete die andere auch dar Und wenn jemand mit
dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem laß auch den
Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh
mit ihm zwei.“ Es braucht viel als Liebe, Geduld und vor allem
Fantasie, um den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden, um
Menschen die mir entgegenstehen, die oder die mir zuwider sind, an zu
nehmen
Der letzte Woche verstorbene Humorist und Dichter Robert Gernhardt hat
dazu ein Gedicht verfaßt. Er hat dabei Touristen im Blick, wie
sie in eine historische Altstadt
einfallen:
Sonntag in Lübeck
Wie sie kauend
durch die Straßen schieben!
- Du mußt diese Menschen nicht lieben.
Wie sie gekleidet sind,
die Ungeschlachten!
- Du mußt diese Menschen nicht achten.
Wie erfreulich es wär,
wenn sie weniger wögen!
- Du mußt diese Menschen nicht mögen.
Wie sie durch ihre
Stumpfheit entsetzen!
- Du mußt diese Menschen nicht schätzen.
Wie schafft man es nur,
sie nicht zu hassen?
- Da mußt du dir etwas einfallen lassen.
Also nicht mehr: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Sondern der Blick des
Lebens und der Liebe auf die Anderen, das Vertrauen auf Gott, den
Schöpfer allen Lebens, daß mir hilft, daß ich Ideen
habe, um aus dem Kreislauf der Gewalt und des Bösen auszubrechen.
Ich darf mir nicht alles gefallen lassen, denn wo kommen wir dann sonst
hin? Ja, wo kämen wir dann hin, wenn wir uns von Gottes Geist der
Liebe, der Versöhnung leiten ließen? Wo kämen wir hin,
wenn der Lebensalltag von Christen im Großen wie im Kleinen vom
Vertrauen auf Gottes Güte und nicht vom Mißtrauen
gegenüber anderen und unserer Angst vor ihnen oder Haß
bestimmt wäre?
Wo kämen wir dann hin? Vielleicht zu einer Welt, in der ein wenig
Mehr Frieden zwischen den Menschen herrschen würde.
Amen.
zurück
Predigt am 23.7.2006
von Pastor Friedhelm Nolte
"Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf"
Liebe
Gemeinde!
Das Lob der Faulheit?
„Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“
Karin, 14
Jahre fand dies Bibelwort prima und probierte es gleich einmal aus.
Sie
beklagte sich dann später bei mir über ihre Erfahrungen:
„Statt für die Englischarbeit zu üben, habe ich bis
in die Puppen geschlafen, bin dann ins Schwimmbad gegangen, habe mich
um nichts - wirklich gar nichts gesorgt - und was kam dabei heraus?
Englisch fünf.
Ich gehöre also wohl nicht zu seinen Freunden.
Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf. Mir nicht.
Aber Bärbel, die habe ich noch nie eine einzige Vokabel
lernen sehen - und immer stand sie in Englisch auf eins. Sie
gehört also zu den Seinen. Sie kriegts im Schlaf.
Mir
scheint, der Herr ist ungerecht!“
„Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“
Diese
Erfahrung haben wir wohl alle schon hinter uns:
Es
fällt uns nichts in den Schoß.
Erfolg in
der Schule, im Beruf, im Leben, das will erarbeitet sein. Wenn es bei
manchen auf den ersten Blick vielleicht so scheint, daß ihnen
alles einfach in den Schoß fällt, dann kann man bei
genauerem Hinsehen viel Mühe und Fleiß entdecken.
Zum
Beispiel gibt es von dem Wunderkind und Musikgenie W. A. Mozart, dessen
250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, den Ausspruch daß ein
Genius zu 90 % aus Übung und Fleiß besteht. Er muß es
ja bestens gewußt haben, kommt doch seine Musik scheinbar so
leicht daher…
Nein, von
nichts kommt nichts, an dieser Lebenserfahrung will weder der Psalm 127
rütteln, noch Jesus in den Versen der Bergpredigt, die vorhin
gehört haben.
Es geht
vielmehr darum, daß wir uns von den Sorgen und Mühen des
Alltags nicht auffressen lassen.
Sorge und Fürsorge
Die
Arbeit, die Anstrengungen, sich Gedanken machen: wie wird es ausgehen?
der Streß, alles auf die Reihe zu bekommen, das
alles ist eben noch lange keine Garantie, daß mir gelingt, was
ich mir vornehme.
Zu dem,
was ich tun kann, was machbar und berechenbar ist, muß immer noch
etwas hinzu kommen.
Viele nennen es
Glück, Christen sprechen besser vom Segen.
„Wenn der
HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“
Es geht der Bibel also
nicht darum, sorglos und blauäugig durch das Leben zu gehen,
sondern um die angemessene Balance zwischen eigener Anstrengung und
Gottvertrauen.
Aus der
verantwortungsvollen Fürsorge für das Leben und die Aufgaben,
die mir gestellt sind, darf nicht ein freudloses Sorgen und Abrackern
werden.
Andererseits hat uns Gott
Fähigkeit, Talent und Verstand nicht gegeben, damit wir die
Hände in den Schoß legen.
Außerdem: Wie oft
habe ich es selbst erlebt, daß ich lange bis in die Nacht z. B.
über einer Predigt gesessen habe, bis mir der Kopf rauchte und ich
nur noch wirre Sätze zu Papier brachte.
Und dann habe ich meinen
Computer abgestellt und die ganze Arbeit Gott anbefohlen und mich zur
Nachtruhe begeben. Am nächsten Morgen hatte ich dann fast immer
einen ganz neuen Blick auf die Mühe des Vortages und gute Gedanken
für die Predigt kamen wie von allein.
Mit Gottes Segen leben
Ora et labora – Bete und
Arbeite! sagten die alten Mönche.
Sie wußten genau
darum, daß das eine nicht gegen das andere ausgespielt werden
kann:
Das Arbeiten und die
Mühe und die Fürsorge sind wichtig für das Gelingen,
genauso aber auch, daß ich damit rechne, daß Gott mir
Gelingen schenkt, eben das, was die Bibel Segen nennt.
Erst wenn Gott mein
Bemühen segnet, sind meine Anstrengungen und Sorgen nicht
vergeblich.
Wir alle leben, weil Gott
uns Leben geschenkt hat und weil er das Leben mit seinem Segen
erhält.
Das heißt aber nun
nicht einfach: wenn ich eine positive Einstellung habe, wenn ich
richtig bete, dann gilt:
„Alles wird gut“.
Gegen diesen Satz bin ich
allergisch.
Denn auch schwere
Erfahrungen gehören zu meinem Leben dazu: Scheitern, vergebliche
Sorgen und Mühen, Krankheit Schmerzen, Unrecht, Gewalt, Schuld und
Tod.
Es ist gefährlich
dann von Gottes Strafe zu sprechen oder Gottesferne, wenn jemand
solches erlebt.
Ich kann vielmehr auch in
den dunklen und mir unverständlichen Ereignissen meines Lebens
Gottes besondere Nähe erfahren und an ihnen wachsen.
Wenn ich durch ein solches
„finsteres Tal wandere“, wie es im Psalm 23 heißt, wird mir
häufig erst richtig bewußt, wie reich Gott mein Leben
gesegnet hat, mit Zuwendung, mit Liebe, mit Menschen.
Und ich verstehe Jesu Wort
ganz neu:
„Seht die
Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater
ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Darum sollt
ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir
trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die
Gottlosen.
Denn euer
himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. “
Gottes Segen erbitten,
Es geht darum, daß
wir die Augen offen haben für Gottes Segen in unserem Leben.
„Den Seinen gibt´s der Herr
im Schlaf“
Der Segen Gottes ist also
hier gemeint, keine Karriere, kein Geld, kein Ruhm.
Diesen Reichtum, wie ihn
die Bibel meint, empfangen wir besser im Schlaf, wenn Ruhe ist, in uns
und um uns herum. Vielleicht ist bei Gott ja auch alles umgekehrt.
Tagsüber, wenn wir
geschäftig sind und viel um die Ohren haben, schläft er, denn
wer hat schon Zeit, sich im Lärm der Welt mit ihm zu
beschäftigen?
Und nachts, wenn wir
schlafen, ist er wach, denn in der Stille ist das Wesentliche besser zu
hören und zu sehen.
Es ist interessant,
daß der Psalm 127 Kinder ausdrücklich als besonderen Segen
Gottes benennt.
Ich kann das aus meiner
eigenen Erfahrung mit vier Kindern nur Bestätigen: um wieviel
reicher an Erfahrungen, an Sinn, an Erlebnissen, an Liebe und auch an
Verantwortung und Freude ist mein Leben durch sie!
Leider werden Kinder heute
von vielen Menschen häufig eher als Last oder Kostenfaktor
gesehen.
Vor allem von jungen
Paaren, die an der Reihe wären, Kinder
in die Welt zu setzen.
Sie haben Angst vor
Einschränkungen in ihrem Lebensstil, geringerem Einkommen,
Gebundensein und Verantwortung.
Aber ich höre oft
auch von jungen Leuten die Angst vor der Zukunft, wie wird es werden
mit dem Beruf, mit der globalen Veränderung der Umwelt, dem
Weltfrieden.
Wie kann man in diese Welt
noch Kinder setzen?
Ich höre aus solchen Ängsten einen großen Mangel an
Gottvertrauen.
Natürlich ist die
Zukunft des Lebens in unserem Land, in dieser Welt unsicher und vieles
scheint bedrohlich.
Aber gerade deshalb ist es
wichtig, Gottes Zusage zu hören und ihr zu vertrauen, wie sie uns
Jesus gesagt hat:
„Sorgt nicht
um euer Leben!“
Denn Gott ist uns nahe mit
seiner Liebe, mit seiner Fürsorge, mit seiner Vergebung, mit
seinem Segen.
Gott will uns Leben in
einer Fülle schenken, die viel mehr bedeutet, als wir in der
Zeitspanne des biologischen Lebens zwischen Geburt und Tod
überhaupt erfassen können.
Jesus spricht darum immer
wieder vom Reich oder besser von der Herrschaft Gottes.
In allem, was uns das
Leben an vielfältigen Erfahrungen bringt, dürfen wir dies
unter das gute Wirken Gottes stellen.
Darum sagt Jesus auch:
„Trachtet
zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird
euch das alles zufallen.“
Es ist wichtig, daß
wir den Segen Gottes immer wieder neu erbitten.
In jedem Gottesdienst tun
wir dies, aber warum nicht auch
persönlich selbst auch jeden Tag?
Ich denke, wir können
so dieses Vertrauen in Gott und in unser Leben gewinnen, daß wir
uns als „Freunde Gottes“ sehen, von denen es zu Recht heißt:
„Den Seinen
gibt´s der Herr im Schlaf“
Amen.
zurück
Predigt
am 30.7.2006
von
Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann
Philipper2, 1-4
"Die
Haltung zählt"
Gott
gebe uns erleuchtete Augen des Herzens, damit wir erkennen, zu welcher
Hoffnung wir von ihm berufen sind
Amen
Die Haltung
zählt
1 Paulus
beurteilt seine Gemeinde
Paulus ist mal
wieder in Gefangenschaft. Ob in Rom, Ephesus oder Caesarea,
darüber streiten sich die theologischen Geister, und das lassen
wir sie auch man getrost tun. Für uns heute Morgen ist
entschei-dend, dass ein Brief uns erhalten ist, im neuen Tes-tament
gesammelt, der Brief an die Philipper.
Philippi ist
eine Veteranenstadt, ganz gut situiert. Sonst hätte sich wohl die
Purpurhändlerin Lydia dort nicht halten können. Die steht
gemeinsam mit der von Paulus gegründeten ersten Gemeinde auf
europäischen Boden, mit Paulus in herzlicher Verbindung. Und weil
die Gemeinde in Philippi Paulus in seiner Gefangen-schaft
unterstützt hat, hat er ihnen einen Dankes-brief gesandt.
Der Brief
enthält natürlich, wie das so Paulus Art ist, auch eine Reihe
von Ermahnungen und liebevolle Appelle. Lassen Sie uns also die vier
für den heuti-gen Gottesdienst vorgeschlagenen Verse hören:
Philipper 2
1Ist nun bei
euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemein-schaft des
Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 2so macht meine Freude
dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt,
einmütig und einträchtig seid. 3Tut nichts aus Eigennutz oder
um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern
höher als sich selbst, 4und ein jeder sehe nicht auf das Seine,
sondern auch auf das, was dem andern dient.
Das ist ja ein
ganzer Katalog.
Einerseits
Feststellungen über die Gemeinde in Phi-lippi
Ist nun bei euch
Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemein-schaft des
Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,
und das ist ja
sehr positiv, was wir da hören. Da ist Trost, Gemeinschaft,
herzliche Liebe und Barmherzig-keit, alles was eine Gemeinde braucht,
so denkt man.
2 Wie ist das
bei uns
Als wir jetzt
mit nahezu vierzig Jugendlichen in Nor-wegen zwei Wochen zusammengelebt
haben, da haben wir das auch versucht, als Gemeinde zu leben,
wir haben
einander gesagt, wenn etwas gut oder auch nicht so gut lief, einander
getröstet, wenn jemand traurig war, sind miteinander ins
Gespräch gekommen über Gott und besonders über Jesus,
haben gemeinsam Gottesdienste gefeiert, haben versucht einander
aus-zuhalten und auch ohne Vorurteile anzunehmen, Rollen sind neu
überdacht worden, neue Wege gegangen, das ging
für zwei
Wochen
gut
und hier in St.
Lukas, im normalen Gemeindealltag, da fänd ich das schon toll,
wenn das alles da wäre, was Paulus in Philippi voraussetzt, wenn
das Miteinander ein wenig liebevoller wäre, wenn die
Aufmerksamkeit für den anderen ein wenig mehr ausgeprägt
wäre, wenn manches Mal einfach mehr Zeit für den anderen
wäre das beziehe ich natürlich ebenso auf mich.
3 Paulus setzt
Maßstäbe
und dennoch
setzt Paulus noch eins drauf, es reicht ihm nicht, er wünscht sich
mehr.
Und so bekommt
sein Brief Appell-, ja Aufforderungs-charakter, Paulus setzt
Maßstäbe
2so macht meine
Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe
habt, einmütig und einträchtig seid. 3Tut nichts aus
Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den
andern höher als sich selbst, 4und ein jeder sehe nicht auf das
Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. k
eines Sinns
gleiche Liebe
Eintracht
Einmütigkeit
und
Demut
Große
Worte. Große Forderungen. Ist nicht Sünde auch
Selbstüberhebung? Fordert, wünscht Paulus nicht zu viel von
seiner Gemeinde? Von unserer Gemeinde? Kön-nen wir Menschen das
alles leisten im Zusammenleben?
Ja, es wäre
eine Überforderung, wenn gemeint wäre: Du, Mensch, Du
einzelnes Gemeindemitglied, reiß dich mal zusammen, nimm Haltung
an, sei gefälligst eines Sinnes mit deinem Bruder, deiner
Schwester, auch wenn ihr anderer Meinung seid. Zeig herzliche Liebe,
auch, wenn Du im Moment die andere, den anderen nicht so gut abkannst.
Und vor allem: sei demütig, ordne dich unter, auch wenn du
innerlich dagegen rebellierst.
4 Eine Frage der
Haltung
Aber, so ist das
nicht gemeint.
Gemeint ist eine
Haltung eine Haltung in Freiheit. Eine Haltung, die sich auf den
Glauben verlassen kann und auf die Unterstützung dessen, der ganz
Mensch ge-worden ist. Der ganz genau unsere kleinen und großen
Widerstände kennt, die uns in der Gemeinde voneinan-der trennen.
Es geht um die andere Blickrichtung, die mich, die jede, und jeden
einzelnen zu dieser Frei-heit führen kann, in die Gemeinschaft
hinein. Es geht um den Blick weg von mir hin auf ihn, auf Jesus
Christus, der den Maßstab setzt, der mein Leben aus-macht.
Es geht immer um
die EINE Beziehung, die ich habe: zu mir, zum Nächsten (auch zum
Feind, dem ich zum Nächs-ten werde) und zu Gott in Christus. Und
in dem alten Wort „Demut“ ist so viel von dem enthalten, was diese
Beziehung ausmacht.
Demut, ein Wort,
das missbraucht ja vergewaltigt wur-de und wird, von der Macht und den
Mächtigen, in Welt und auch in Kirche.
Das wie das Wort
„Sünde“ so manchem zum Unwort wird, weil ein falscher Klang
mitschwingt, wenn wir es hö-ren: ein Klang von
Unterwürfigkeit, gedemütigt wer-den, auch Unredlichkeit.
Gemeint ist aber
was anderes:
Auch hier geht
es um eine Haltung, und zwar nicht die gebeugte des
Duckmäusertums, sondern, um die Aufrech-te Haltung in Freiheit.
•
der Freiheit, mit der ich freiwillig annehme, wo ich im Augenblick
hingestellt bin.
Denn ich
weiß mich ja angenommen von Gott.
•
der Freiheit, mit der ich den Mut habe, anderen zu dienen, weil ich
sehe, was gerade jetzt not-wendig getan werden muss.
Denn ich
weiß mich ja anerkannt bei Gott.
•
der Freiheit, dem anderen, der anderen Raum zu geben, damit er handeln,
damit sie sich entfalten kann.
Der Freiheit mit
der ich auf meinen Status, die mir vermeintlich zustehende Rolle
verzichte.
Denn ich
weiß meine Stärke und meine Fähigkeiten bei Gott gut
aufgehoben
•
der Freiheit, mit der ich eigene Barrieren fallen lasse, indem ich
Unterstützung und Hilfe annehmen kann.
Denn ich kann ja
meine Schwäche vor Gott einge-stehen.
Jörg Zink.
hat diese Haltung in einem Brief "An mei-ne Enkel" einmal so
ausgedrückt:
"Scheut euch
nicht, auch einmal den Kürzeren zu ziehen. Das ist der Weg zur
Gerechtigkeit.
Lasst euch etwas
entgehen. Das ist der Weg zur Rettung der Erde.
Verzichtet
darauf, immer siegen zu wollen. Das ist der Weg zum Frieden.
Sorgt nicht
immer in erster Linie für euch selbst. Das ist der Weg zum
Glück.
Setzt euer Leben
für etwas Lohnendes ein, das euch keinen Lohn ver-spricht. Das ist
der Weg zur Erfüllung."
In allem ist
Christus der Maßstab, so sagt es Paulus, wenn er in unserem Brief
weiter schreibt:
5Seid so unter
euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht
5 Der Blick auf
die Welt
Aber ebenso, wie
der Blick von mir weg mich befreit vom Kreisen um mich selbst, hin zum
Miteinander in der Gemeinde,
so muss mein
Blick als Christin, als Christ sich wei-ten über die Grenze der
christlichen Gemeinde hinaus auf die Welt.
Und auch und
gerade im Blick auf die Welt wird uns Christus zum Maßstab.
Weil Gott in
diesem Christus sich gegeben hat nicht nur für mich Christin,
für mich Christen, sondern zum Heil für die ganze Welt.
Denn Christus
ist der Mensch schlechthin.
Und er setzt
Maßstäbe die gültig sind nicht nur für den
privaten Glauben sondern für die ganze Welt in seiner Rede
•
der Nächstenliebe
•
von der Feindesliebe
•
von der Demut.
Und wir
können uns nicht rausreden mit unserem
Ja, aber…
Unserem
Abwägen der Möglichkeiten
Unserem Hin- und
Herneigen des Kopfes: es ist doch alles so kompliziert.
Und wir
können uns auch nicht auf eine Seite schla-gen, bei diesem Krieg,
bei diesen Kriegen, denn:
•
Wenn ich die Geschichte der arabischen Frau höre aus Bethlehem,
die Mutter, die weint über ihre beiden Söhne – tödlich
getroffen durch eine Rake-te der Hamas
•
wenn ich Hassan Ali zuhöre aus Sidon im Libanon.
Krankenwagenfahrer, 38 Jahre alt, 3 Kinder, ge-troffen bei einem
Einsatz von der Bombe aus Isra-el, beide Beine weg, ein Arm zerfetzt.
•
wenn ich Leila sehe abends beim Fernsehen, 8 Jah-re alt, geflohen mit
sieben Geschwistern und der Mutter in eine Schule irgendwo im Libanon
und die Mutter sagt: „es gibt keine Liebe mehr…“
•
und Philippa in Naharia im Norden Israels, sie hält aus wenn alle
in die Bunker fliehen bei den dauernden Raketenangriffen der Hisbollah.
Sie hält aus bei der alten Frau, die im Bett liegt und die sie
pflegen muss. „Ich muss sie doch schützen“ sagt Philippa
•
und die Nachricht heute Morgen aus dem Dorf Kana im Libanon. 37 Kinder
sollen gestorben sein –Kolateralschäden (!)- ein Bombe traf ein
Wohn-haus.
dann hat jede,
hat jeder von ihnen Recht,
ein Recht
darauf, dass ich ihr Leiden höre,
ein Recht
darauf, dass ich nicht wegsehe,
ein Recht
darauf, dass ich nicht einseitig verurtei-le.
Das macht alles
so kompliziert.
Ja, kompliziert
ist was geschieht,
aber klar und
einfach ist die Botschaft, das Wort was hineingesprochen ist in jede
Zeit,
Das Wort, das
Paulus vor über 2000 Jahren zu den Phi-lippern gesprochen hat, in
Vollmacht dessen, dem er nachfolgte.
Das Wort, was
galt als 6 millionenfach einzelnes jü-disches -Leben vernichtet
wurde vor über 60 Jahren und wir Christen nicht das Wort
gesprochen haben, was uns gesagt war.
Das Wort was uns
heute trifft als Christinnen und Christen, als Mensch:
Das Wort das
auch Israel gilt, mit dem ich als Chris-tin und insbesondere als
Deutsche in besonderer Ver-bindung und liebender Verantwortung stehe:
Krieg darf um
Gottes Willen nicht sein
Denn Gewalt
gebiert Gewalt
Nächstenliebe,
Feindesliebe ja,
In Demut handeln
wäre hier:
Um die eigene
Stärke zu wissen- und Israel ist stark und hat starke Freunde-
nicht der
verständlichen Angst um die eigene Existenz nachzugeben,
nicht einen
Stellvertreterkrieg zu führen im Libanon,
sich nicht
weiter provozieren zu lassen
sondern
einzuhalten, den ersten Schritt wieder und wieder zu tun
wie schon im
Jahr 2000, als sich Israel zurückzog aus dem südlichen
Libanon
oder vor einem
Jahr, als sich Israel zurückzog aus dem Gazastreifen
auch gegen den
Anschein, dass die Falschspieler immer gewinnen.
Stärke zu
zeigen, indem Israel freiwillig verzichtet auf die Mittel des Krieges
und der tödlichen Gewalt.
Das gilt erst
Recht für Nord-Amerika, das sich mit Präsident Busch
rühmt, für das Gute, das Christliche einzustehen. Wie viele
Brandherde sind entstanden und entstehen immer wieder neu. Wie viel
Recht ist gebro-chen worden bis zum heutigen Tag. Und wie wenig
Frie-densarbeit leistet dieser amerikanische Präsident jetzt.
Auch hier gilt
das Wort von
der
Nächstenliebe
der Feindesliebe
und Demut
Ja, ich
höre immer und immer wieder sagen: ihr seid doch blauäugig,
wie soll das denn gehen, das sind doch nur fromme Appelle, von
Gutmenschen, und, du bist ja nicht betroffen
aber
wenn ich glaube,
dass in jedem Menschen der Christus verborgen ist
und ich
weiß und erkennen muss, dass Gewalt Spiralen erzeugt, die nicht
mit Gewalt zu stoppen sind,
dass die
Unterdrückung immer nur solange funktio-niert, wie die Angst
größer ist als der Wahn des Sie-ges.
Dann bleibt nur
der andere, der einzige wahre Weg der Gewaltlosigkeit, des Verzichtes
auf Muskelspiele, auch wenn der andere die Spielregeln immer wieder
verletzt.
6 Christus ist
der Maßstab
Den Teufelskreis
durchbricht nur Christus. Und wenn ich ihm ernsthaft nachfolge, bleibt
nur der eine Weg für mich als Christin:
immer und immer
wieder einzutreten für diesen Weg der Gewaltlosigkeit und der
Demut.
Denn dazu mahnt
das alte Christuslied, das am Ende unseres Briefabschnittes
aufgeschrieben steht:
6Er, der
in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein, 7sondern entäußerte sich selbst und
nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung
nach als Mensch erkannt. 8Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam
bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9Darum hat ihn auch Gott
erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen
ist, 10daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11und alle Zungen
bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des
Vaters.
Amen
zurück
Predigt
am 21. Sonntag nach Trinitatis von Pastor Bernd Vogel, Gimte
(Niedersachsen)
– zugleich im Gedenken an die
Reformation und an Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers, St. Lukas /
Hamburg – Fuhlsbüttel, 5.11.2006
„Wer von uns wagt es denn eindeutig Antwort zu geben etwa
über den Sinn des gegenwärtigen Schicksals Europas, wer
wollte sagen, er habe den Weg, den einen und alleinigen
gefunden? Wer wagt es, allgemeingültig zu entscheiden über
die brennenden Probleme der Ethik, über das Recht des Krieges, der
Wirtschaftskonkurrenz, über die neue Gesellschaftsordnung,
über die Erziehung des jungen Geschlechts, über das Mysterium
der Sexualität? Kein einzelner wird Antwort finden – ein
gewaltiger allgemeiner menschlicher asiatisch – europäisch –
amerikanischer Prozeß muß hier zur Beantwortung dieser
Fragen führen – und doch wird jeder für sich und die anderen
Antwort suchen. Nur, dass ich’s gleich heraussage: ..
.. wir hoffen Antwort zu bekommen, wenn wir uns der scheinbar so
überholten Sache des Christentums einmal ernsthaft annehmen; wenn
wir ernsthafte Fragen an sie stellen, die aus der Not herausgeboren
wurden. ..
Nicht, dass wir nun glaubten, den Weg, den einen
weisen zu können – das kann eben nur Gott selbst, – aber doch,
dass es uns vielleicht gelingt die Richtung zu weisen, in der der
Marsch gehen muß, den Weg muß sich schon jeder selbst
schlagen und bahnen, in eigener Mühe und Arbeit. Unser Dienst soll
nur der sein, hier und da einen Wegweiser aufzurichten, der wenigstens
in die ersehnte Richtung weist. In diesem Sinn wollen wir an die Arbeit
gehen ..“
Seine
Gemeinde in Barcelona 1928 / 1929 können wir uns vorstellen
ungefähr vergleichbar mit einer zeitgleichen vornehmen Gemeinde in
Hamburg, in der Kaufleute und Diplomaten im Kirchenvorstand sitzen und
gebildete Menschen gerne zum Diskutieren zusammen kommen.
Der 22 Jahre junge Vikar kommt gut an. Er lädt zu einer
Vortragsreihe ein. Ein Zuhörer spricht von einem „gediegenen,
fesselnden Vortrag .. getragen von der Wärme eines
überzeugten Selbst“ (DBW 10, S. 323, Anm. 1).
Das erste Vortragsthema lautet „Die Tragödie des Prophetentums und
ihr bleibender Sinn.“ In ihm möchte der junge Mann das Leben und
Wirken der biblischen Propheten als Spiegel der aktuellen
Weltgeschichte darstellen und seine Zuhörer auffordern, die
Zeichen der Zeit zu deuten auf den Gott hin, den die Propheten unter
Schmerzen bezeugt haben. „Aber mit Gott gehen heißt einen harten
Weg gehen, einen Weg, auf dem das Herzblut der Besten fließt und
geflossen ist, das hat uns das Bild der Propheten genügend
gelehrt. Brauchen wir weiter Anwendung auf unsere Zeit? Wer Ohren hat
zu hören, der hat gehört, dem wird immer wieder beim Anblick
unserer Zeiten vor die Augen treten die versunkene Welt der Propheten
Israels.“ (DBW 10, S.285 und 302).
Zumindest
das Herz – Blut will Dietrich Bonhoeffer fließen sehen.
Sich anrühren, sich anmachen, sich packen lassen von dem
lebendigen Gott ..
.. und die
Bibel als Buch des Lebens, nicht als frommes Sprüche –
Buch, nicht als unfehlbare Anleitung zu einem Leben unter der Knute
eines in Gesetze und Gesetzeseinhaltung vernarrten Gottes, sondern eben
als unübertreffliches Stück Weltliteratur, an dem hoch
Gebildete und Konfirmanden aus den sozialen Brennpunkten, gut Situierte
und Mitglieder des „Prekariats“ (wie Arme jetzt heißen
sollen) je auf unterschiedliche Art an die Fragen und Antworten
ihres Lebens kommen können.
Sich
packen lassen vom lebendigen Gott und die Bibel als Buch
des Lebens .. das hat viel zu tun mit Martin Luther, dessen
Neubeginnen im Glauben wir am 31. Oktober und heute in diesem
Gottesdienst auch gedenken.
Doch ist Dietrich
Bonhoeffer vielleicht für viele von uns näher, sprechender
als Luther. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Luthers
Lebensfrage war nicht die von Dietrich Bonhoeffer. Er hätte eher
gefragt: „Wie und wo geschieht es, dass Gottes Herrschaft, dass Gottes
Reich unter uns Wirklichkeit ist?“ „Wo ist etwas von Gott sichtbar in
dieser Welt?“ Diese Lebensfrage ist weniger gerichtet auf das Jenseits,
mehr auf das Hier und Heute. Sie geht nicht aus von dem Bild eines
eigentlich dunklen Gottes, den irgendjemand gnädig stimmen
müsste, sondern von der in Jesus Christus Wirklichkeit gewordenen
Gnade. Bonhoeffers Frage „Wie und wo wird etwas von Gott sichtbar in
der Welt?“ konzentriert sich weniger auf den einzelnen Menschen,
sondern hat von Anfang an den Mitmenschen im Blick. Das waren bei ihm
biografisch zunächst seine große, interessante Familie,
seine Freunde, von Anfang an aber auch die benachteiligten
Mitbürger, später die verfolgten Juden. Seine Frage klingt
auch weniger juristisch als die Luthers: „Wie kriege ich einen
gnädigen Gott?“ In ihr schwingt mehr mit von unserer ‚modernen’
Frage nach dem Sinn unseres Lebens vor dem Tod. Was macht mein Leben
sinnvoll? Das war eigentlich Bonhoeffers Frage. Und die Antwort in
Kürze: Jesus macht mich sinnvoll. In ihm habe ich mein Leben. In
ihm wird auch mein Ende ein neuer Anfang sein. „Dies ist das Ende,
für mich der Anfang ..“. Und eben auch: „Unser Sieg“ ist „gewiss“,
die „universale christliche Bruderschaft“ wird sich „erheben“ über
allen „nationalistischen Hass“ .. In diesem Sinne sollen seine letzten
Worte gelautet haben.
Diese
globale Perspektive, diese Verbindung, die er sah zwischen Gott und den
„Tatsachen“ des Lebens im Kleinen und Großen – das war seine
Sache. Und ist er uns darin nicht fast unheimlich nahe? Wir
erinnern uns: Schon der 22-Jährige hatte 1928 den Blick für
einen „asiatisch – europäisch – amerikanischen Prozess“, für
einen globalen Dialog der Kulturen über die Zukunft der
Weltpolitik. Wir müssen heute nur „Afrika“ und „Australien“
ergänzen und sehen ein positives Gegenbild zum „Kampf der
Zivilisationen“ bzw. „Kampf der Kulturen“ ..
Gott
„sichtbar“ in der Welt, nicht nur in der Kirche. Bonhoeffer hat „Jesus
Christus“ und die „Kirche – „Christus als Gemeinde“ und „Kirche
für andere“ - zum Thema gemacht nicht für sogenannte fromme
Leute, nicht für Menschen, die sich aus dem Grau und dem
Schlamassel des Alltags zurückziehen wollen.
Jesus
Christus war ihm Herr der Welt, Grund der Versöhnung der Welt,
Grund genug, zum Widerstand aufzurufen gegen den ungerechten Krieg,
zeitweise gegen Krieg überhaupt. Jesus Christus, der letztlich
allein durchtragende, bleibende Sinn des menschlichen Lebens inmitten
der Bezüge, in denen der Mensch lebt.
Man
musste bei Bonhoeffer nicht „Christus“ sagen, damit Christus auch
benannt und somit dabei sei. Trotz der Kirchenkampf – Zeit, in der das
Bekenntnis „Jesus ist der Herr“ natürlich lebenswichtig war
für die verfolgten jungen Pastoren, war „Christus“ ihm immer schon
„drin“, auch dort, wo man das Wort „Christus“ nicht sagen konnte oder
brauchte oder musste. „In den Armen einer Frau“ wollte er nicht vom
„Himmelreich“ reden. Sein Christus hatte solch ängstliche
Geschmacksverirrung nicht nötig. Auch Kokorin, dem russischen
atheistisch erzogenen Mitgefangenen, einem Gefährten seiner
letzten Lebenstage, wollte er nicht den Christus zum Seelenheil
predigen. Sondern: Er lernte bei Kokorin Russisch und brachte dem – auf
dessen Wunsch – die Grundlagen der Bibel bei. Und wusste: Christus ist
„Herr auch der Religionslosen“. Christus ist dabei. Auch unerkannt.
Auch verschmäht. Auch geschlagen und millionenfach ermordet in den
Schlachten, in den Bombennächten, in den Vernichtungslagern. „Nur
der leidende Gott kann helfen“. Christus, der in den Tod mit
hineingeht. In seiner Auferstehung liegt die Hoffnung für die
Welt. Dieses Geschehen von Menschlichkeit, Leiden, Sterben und
Auferstehen ist das „messianische Ereignis“. An ihm haben wir alle
Anteil, so oder anders.
Was sind
dagegen theologische Spitzfindigkeiten und Streitereien, ob und wie
Jesus „ganzer Mensch und ganzer Gott zugleich“ sein? Gott suchte und
fand er „in den Tatsachen“ des Lebens, des eigenen und des fremden. Und
Jesus war ihm je länger je deutlicher Mensch im Vollsinn des
Wortes, im Unterschied etwa zu Johannes dem Täufer. Den hielt
Bonhoeffer eher für ein Beispiel eines „religiösen Menschen“,
der die eine Wirklichkeit aufteilt in „fromm“ und „unfromm“,
„kirchlich“ und „unkirchlich“, „gerettet“ und „verdammt“, „gut“ und
„böse“. Von Anfang an – (die Barcelona – Vorträge schon
machen das ganz klar) – misstraut Bonhoeffer solchen allzu festen
Definitionen und Einteilungen der Wirklichkeit. Sie schienen ihm weder
der Weltwirklichkeit, noch der lebendigen Wirklichkeit Gottes zu
entsprechen. Jesus also ein Mensch wie du und ich, mit Gefühlen
dieser und jener Art, mit Sehnsucht und Trauer und Ärger, Irrtum
und Wahrheit, Gutem und Bösen ..?! . Ja! – und darin gerade der
besondere, der eine besondere Gott – Mensch, weil sich Gott zu ihm
bekennt in der Auferstehung von den Toten. Die Auferstehung ist ihm das
Geschehen, das aus dem Kreuz ein Siegeszeichen macht und aus Leid,
Schuld und Tod Trost, Vergebung und ewiges Leben schafft.
So hält Bonhoeffer in seinem Verständnis von Jesus Christus
zusammen in gleicher Wichtigkeit, was christlich zusammen gehört:
„Jesus“, der Mensch schlechthin – und damit unsere Menschlichkeit.
„Jesus“ am Kreuz – das messianische Leiden für uns und für
die anderen: Jesus „Christus“. „Jesus Christus“ – der Auferstandene –
Neubeginn auch am Ende von Leid, Schuld und Tod.
Und die
Kirche? Die Kirche war ihm die Gruppe der Menschen, denen Christus ins
Herz gefahren war, deren Herzblut nun auch immer für ihn und in
ihm floss. Kein Lebensakt, der nicht auch mit Christus etwas zu tun
hatte. Aber bitte ohne Frömmelei und mit Takt!
Die
Predigt der Kirche, die Theologie soll diesem Gott in Jesus Christus,
diesem Gott, dessen Spuren in der Bibel wie in der Geschichte zu lesen
sind, seiner Erkenntnis bei uns dienen. Das kann nicht anders gelingen,
als dass „wir es wieder wagen, Anfechtbares zu sagen“; denn der
lebendige Gott kann nicht zweifelsfrei erkannt, gar dingfest gemacht
werden durch unfehlbare Definitionen. Christen haben sich mit einander
darüber zu verständigen, was und wie sie „wirklich“
„glauben“. Christen sollen und dürfen vor allem Gemeinschaft der
Glaubenden, der Suchenden, der Fragenden, ja: auch der Erlösten
sein. Aber gerade darum gibt es keine theologischen Formeln, die jeder
nur hören und schlucken müsste – und die Einheit der Kirche
wäre hergestellt. Was es unter uns gibt, ist statt dessen die
Gemeinschaft derer, die hören wollen. Auf Gottes lebendiges Wort.
Auf das Wort im eigenen Herzen. Auf das Wort des Anderen. Und dann sich
austauschen darüber. Das, was Sie in Ihren Gesprächskreisen
anhand von Bonhoeffer mit einander praktiziert haben. In der Hoffnung
und Erwartung des lebendigen Geistes Gottes. Auf dass Neues,
Unerwartetes unter Ihnen geschehen kann. Und ist es geschehen? Ich
hörte davon. Dann können sie dankbar sein und weiter gehen zu
anderen.
Hören wir den vorgeschlagenen Predigttext für den Gedenktag
der Reformation aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Galatien,
5. Kapitel:
Zur
Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch
nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst,
so wird euch Christus nichts nützen.
Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt,
dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.
Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden
wollt, und seid aus der Gnade gefallen.
Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit,
auf die man hoffen muss.
Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch
Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe
tätig ist.
„Grundfragen einer christlichen Ethik“ heißt ein weiterer
Vortrag, den der junge Bonhoeffer 1929 in Barcelona hielt. Die Forscher
finden darin einiges Gefährliches, Nicht zu Ende Gedachtes,
Missverständliches, später Überholtes .. sei es so; aber
in den überschwänglichen Worten des mitgerissenen jungen
Mannes findet sich auch eine wichtige Spur, was und wie die Kirche
heute predigen und ausstrahlen könnte, ja soll. Es steht dort im
Zusammenhang mit einem Zitat dieses Bibelwortes aus dem Galaterbrief:
„Das
christlich ethische Handeln ist ein Handeln aus Freiheit, aus der
Freiheit eines Menschen, der nichts an sich selbst und alles an seinem
Gott hat, der immer neu sein Handeln durch die Ewigkeit bestätigen
und bekräftigen lässt .. Christus ist der Bringer der
Freiheit, frei von der Welt, frei für die Ewigkeit zu werden. Es
gibt für den Christen kein Gesetz mehr, als das Gesetz der
Freiheit, wie es einmal paradox im Neuen Testament heißt, kein
allgemein gültiges Gesetz, das ihm vom andern, oder das ihm auch
von sich selbst aufgelegt werden könnte. Wer die Freiheit aufgibt,
gibt sein Christsein auf. Der Christ steht frei ohne irgendwelche
Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die
ganze Verantwortung dafür, wie er mit dem Geschenk der Freiheit
umgeht. Durch diese Freiheit aber wird der Christ im ethischen Handeln
schöpferisch. Das Handeln nach Prinzipien ist unproduktiv, das
Gesetz abbildend, kopistisch. Das Handeln aus der Freiheit ist
schöpferisch. Der Christ greift gleichsam aus der Ewigkeit heraus
die Gestalten seines ethischen Schaffens, setzt sie souverän in
die Welt, als eine Tat, seine Schöpfung aus der Freiheit eines
Kindes Gottes .. Der Christ schafft neue Tafeln, neue Dekaloge (Luther!
B.V.), wie es Nietzsche vom Übermenschen sagte .. Die hergebrachte
Moral – auch wenn sie für christlich ausgegeben wird –, die
öffentliche Meinung – sie können für den Christen nicht
zum Maßstab seines Handelns werden. Er handelt, wie es ihm der
Wille Gottes zu sagen scheint ohne Seitenblick auf den andern, auf das,
was üblicherweise Moral heißt, und ob er gut oder schlecht
gehandelt hat, das kann niemand anders wissen als er selbst und Gott“
(DBW 10, S.330f.).
Später hat Bonhoeffer um die Frage gerungen, wie Gott seiner Kirche
und also nicht einem einzelnen Menschen allein sein „konkretes Gebot“
hörbar machen könnte. Später wollte Bonhoeffer nicht
einmal mehr so genau wissen, ob er selbst eine konkrete Tat
rechtfertigen könnte. Er war da eher sehr misstrauisch gegen sich
selbst, sondern hat das Urteil darüber klarer als in jungen Jahren
allein Gott überlassen. Besonders das Urteil über die
moralisch anrüchige Tat des aktiven Widerstandes warf er Gott in
die Arme. So wie sich selbst dann ganz.
Und doch:
Diese Freiheit, diese Freude an der christlichen Freiheit brauchen wir
wieder. In Hamburg und in Hann. Münden. In der Großstadt und
auf dem flachen Land. In gebildeten Kreisen und in der Begegnung mit
Menschen der neuen Armut im finanziellen, sozialen und geistigen Sinn.
Schöpferische Freiheit wäre nötig, um herauszufinden:
Was kann denn ich tun in meinem Glauben, der in der Liebe tätig
ist? Wer braucht mich denn? Und wen brauche ich? Und warum dies nicht
zugeben? Und warum jenes nicht anbieten? Fragen kostet nichts.
Erstaunen vielleicht. Missverständnisse sind auch möglich.
Warum Angst davor haben? Helfen Klärungen von Missverstehen nicht
weiter auf dem Weg? Ist Gottes Geist nicht gerade darin wirksam ein
Geist der Versöhnung und der Wahrheit zugleich?
Welche
„Joche der Knechtschaft“ hindern uns denn, unsere Freiheit in Christus
in Anspruch zu nehmen, zu „aktivieren“? Was „beschneidet“ uns denn und
bildet eine ‚Schere im Kopf’ oder im Herzen, so dass wir Christus und
seine Freiheit für uns kaum noch wahrnehmen, sondern Moral,
Anstrengung und Überforderung?
Bonhoeffer konnte wohl viel fordern von sich selbst und von anderen.
Manche seiner Texte spiegeln das deutlich. Da spricht auch einer, der
ein Held im Herzen ist, ein starker, aber auch ein etwas eitler Mann.
Er selbst hat das glasklar und ehrlich gesehen. Manche Leser von
Bonhoeffer – Texten haben’s darum schwer mit ihm, zumal, wenn sie
selber im „Joch der Knechtschaft“ hängen. Doch derselbe Mensch hat
auch dazu gelernt und immer viel Freude gehabt am Essen und Trinken, an
Sport und Spiel und Musik, an Gemeinschaft und am Ende auch an der
Liebe. – Verbindet man „Kirche“ mit „Freude“? Warum denn nicht? Und
woran freuen wir uns denn?
Siehe,
ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch
Christus nichts nützen. – Sind wir beschnittene
Kirche? Wer beschneidet uns? Wir selbst? Die allgemeine Meinung kann
uns kein Maßstab sein, das Gekrittel der Leute, die Vorurteile
der Besserwisser. Auch das weniger werdende Geld darf uns nicht
beschneiden. So schlimm das ist, wenn Arbeitsplätze fortfallen und
Kirchen nicht gehalten werden können. Bindet uns die Angst vor dem
Untergang? Ist die Anerkennung seitens der Gesellschaft unser
Götze?
Zur
Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch
nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! – Lasst euch
„konfirmieren“, fest machen in der Freiheit, die Gott schenkt. Beten
und Gottesdienst als Feier der Liebe Gottes. Als Ladestationen für
Freiheit. Gemeinschaft der Christen auch im Alltag der Welt. Vielleicht
Im Engagement „für andere“. Ein Projekt nur. Und andere machen
anderes. Die Botschaft von der Freiheit und vom Glauben, in der Liebe
tätig, ist hoch aktuell. Im globalen Maßstab wie zuhause im
Alltag und im Kämmerlein der eigenen Seele.
Wir
setzen darauf. Wir sind so frei.
Amen.
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