Predigt über Johannes 11, 1 - 45
Gnade und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Sermon about the gospel of John, ch. 11, v. 1-45
Grace and peace be to you from him who is and who was and who is coming.
Mitten im Leben vom Tod umfangen
In the middle of life surrounded by death
Liebe Gemeinde!
„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen...“(EG 518).
So heißt es in einem deutschen Kirchenlied, das der Reformator
Martin Luther gedichtet hat. Mit diesen Worten beschreibt er das
Lebensgefühl vieler deutscher Christen im Mittelalter.
Überall bedrohten Todesgefahren ihr Leben: Da gab es die vielen
Kriege, mit denen der Adel die Länder Europas überzog; in
deren Gefolge suchten furchtbare Krankheiten wie die Pest die Menschen
heim, die sich der Macht des Bösen und des Todes ausgeliefert
fühlten.
Dear parishioners!
‘Even as we live each day death our life embraces…’
(ELW 350). This is the beginning of a German hymn written by Martin
Luther, the German reformer. With these words he describes the feeling
of many German Christians in the Middle Ages. Everywhere mortal dangers
threatened their lives: There were the many wars which nobility
inflicted upon the European countries; at the same time terrible
diseases like the black plague afflicted the people so that they felt
exposed to the power of evil and death.
Mitten im Leben der Tod. Das Lebensgefühl vieler Menschen bei uns heute ist gar nicht so viel anders.
Auch wenn sich unsere Lebensweise im 21. Jahrhundert komplett
verändert hat – wir leben in einer industrialisierten und
hochtechnologischen Welt, sind längst nicht mehr so naturverbunden
wie unsere Vorfahren – empfinden wir die Macht des Todes
höchst bedrohlich und allgegenwärtig.
In the middle of life we are confronted with death. The fee¬ling of
many people today is not that different. Although our way of life in
the 21st century has completely changed – we live in an
industrialized and highly technological world, we are no longer as
attached to nature as our forefathers -, we feel the power of death as
being extremely threatening and omni¬present.
Das haben uns die furchtbaren Nachrichten aus Japan drastisch vor Augen
geführt: Da wurde dieses hochzivilisierte Land von einem
ungeheuren Erdbeben und anschließend einem Tsunami heimgesucht.
Neben der völligen Zerstörung unzähliger Orte sind viele
tausend Tote zu beklagen. Und zu dieser Naturkatastrophe kam die
Atomkatastrophe der Kraftwerke in Fukushima. Hilflos steht die moderne
Technik vor der nicht zu bändigen Gewalt der Atomreaktion. Niemand
vermag die lebensbedrohlichen Folgen für die pazifische Region und
die ganze Welt abzusehen.
Nichts war dagegen das Naturspektakel des Isländischen Vulkans,
das uns vor einem Jahr gehindert hat, nach Sunderland zu reisen.
The dreadful news from Japan has dramatically made us aware of the
following: This highly civilized country was afflicted by an enormous
earthquake and in close succession a Tsunami. Apart from the total
destruction of innumerable places many thousands of people were to be
mourned. And this natural disaster was ensued by the nuclear
catastrophe in the power plants of Fukushima. Modern technology is
helpless in view of the uncon¬trollable violence of atomic
reaction. Nobody is able to foresee the life-threatening consequences
for the Pacific region and the whole world.
Compared to these catastrophes the outbreak of the volcano in Iceland
last year which prevented us from travelling to Sunderland was a
‘natural show piece’ – although dangerous.
Neben diesen furchtbaren Ereignissen fühlen sich bei uns viele
Menschen bedroht durch die kriegerischen Ereignisse in Nordafrika,
besonders in Libyen. Menschen sind dort auf der Flucht vor Gewalt und
Terror und kommen nach Europa, auch in unsere Länder.
Beside these dreadful incidents many people in Germany feel threatened
by the military conflicts in North Africa, in par¬ti¬cular in
Libya. People flee from violence and terrorism, they come to Europe,
also to our countries.
Aber daneben gibt es auch bei uns zuhause, in unserer scheinbar heilen
Welt vielfältige Erfahrungen der Bedrohung unseres Lebens. Ich
denke, jeder von uns hat seine ganz persönlichen Erlebnisse mit
Krankheit und Tod.
But at home, in a seemingly ideal world, there are also mani¬fold
experiences of threats to our lives. I think everybody here has got his
very personal experiences of illness and death.
Jesus, das Leben
Jesus, the life
Diese Erfahrung, daß menschliches Leben vom Tod bedroht,
„umfangen“ ist, steht auch im 11. Kapitel des
Johannes¬evangeliums im Mittelpunkt. Ein guter Freund Jesu wird
krank und erliegt am Ende seinem Leiden. Als der Heiland nach einigen
Tagen in Betanien ankommt, empfängt ihn Marta, die trauernde
Schwester seines verstorbenen Freundes Lazarus, beinahe vorwurfsvoll:
„Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht
gestorben.“
This experience that our human life is endangered,
‘em¬braced’ by death is also in the centre of chapter
11 in the gospel of St. John. A good friend of Jesus falls ill and
finally succumbs to his suffer¬ings. When after some days the
saviour arrives in Bethany, Martha, the mourning sister of his deceased
friend Lazarus, receives him almost reproachfully: ‘Had you been
here, Lord, my brother would not have died.’
Das irdische Leben des Bruders ist unwiderruflich zuende. Der Tod hat
scheinbar das letzte Wort. Es gibt hier auf der Erde nur Trauer und
Verzweiflung. Alles Hoffen richtet sich auf ein Leben nach dem Tod, am
jüngsten Tage, bei der Aufer¬stehung der Toten.
The earthly life of her brother is irrevocably over. Death seems to
have the last word. Here on earth there are only grief and despair. All
hope is focused on a life after death, on the resurrection of the dead
on the last day.
Gegen alle Erfahrungen der Ohnmacht angesichts der Endlichkeit unseres
Erdenlebens steht der Satz, den Jesus daraufhin zu Marta sagt:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Against all experience of helplessness in the face of the finite nature
of our earthly life we hear what Jesus says to Martha: ’I am
myself resurrection and life.’
Jesus redet mit diesen Worten vom Leben in einer doppelten Bedeutung:
er meint das biologische Leben hier auf der Erde und zugleich auch das
zukünftige geistliche Leben im Reich Gottes, das uns danach
erwartet. Ich finde es sehr verständlich, daß die Schwestern
Maria und Marta und die anderen Trauernden das zunächst nicht
verste¬hen können.
For Jesus this word has got two meanings: He is thinking of the
biological life here on earth and at the same time he is thinking of
the future spiritual life in God’s Kingdom which awaits us
thereafter. I can understand very well that first the sisters Maria and
Martha and also the other mourners cannot understand what Jesus is
saying.
Darum schenkt Jesus seinem Freund Lazarus das Wunder der Auferstehung zum Leben und Genesung von seiner Krankheit.
Für ihn gibt es wahres Leben nicht erst im Jenseits, in Gottes
Herrlichkeit, sondern auch schon jetzt, hier auf unserer Erde in Jesu
Gegenwart. Das zeigt uns die bewegende Geschichte der drei: Lazarus,
Maria, Marta mit ihrem Freund und Heiland Jesus Christus.
Die Begegnung mit ihm, dem einzigartigen Sohn Gottes, verändert das Leben hier, nicht erst im Jenseits.
Therefore Jesus gives his friend Lazarus the miracle of
resur¬rection as a present and also recovery from his disease. For
him true life does not begin in the next world, in the glory of God,
but it already exists here on earth in the presence of Jesus. That is
what this moving story of the three – Lazarus, Maria, Martha with
their friend and saviour Jesus Christ – tells us.
Meeting Him, the only and unique son of God, changes our lives here , not just in the next world.
Das ist die große Hoffnung der Christen zu allen Zeiten. Bereits
auf unserer Erde ändert sich vieles, wo Menschen auf Jesus
Christus, den Gottes Sohn vertrauen:
Hoffnung blüht auf, wo bisher Verzweiflung herrschte. Unerwartete
Hilfe wird zuteil, wo sich Menschen aufgegeben haben. Genesung
geschieht, wo ärztliche Kunst am Ende war. Menschen finden heraus
aus der Einsamkeit, die Schuld und Lieblosigkeit bewirkt.
Gerechtigkeit und Teilen der Gaben des Lebens sind möglich, wo
Menschen sich von Gott reich beschenkt wissen. Frieden zwischen Feinden
kann wachsen, wo bisher nur die Gewalt und Waffen regierten.
This is the great hope of Christians at all times. Even here on earth
do a lot of things change when people confide in Jesus Christ,
God’s son:
Hope begins to flourish, where there was despair. Unexpected help
experience those who have given up themselves. Re¬covery happens
where medical skill was at its wits’ end. People overcome
loneliness caused by sin and unkindness. Justice and the sharing of the
goods of life are possible for those who themselves feel showered with
gifts from God. Peace between enemies can grow where violence and arms
prevailed.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Dieses Wort Jesu kann uns zum Glaubenssatz werden, der Hoffnung schenkt, wo wir die Grenze des Lebens erfahren.
Dieser Satz kann unser Leben bereits hier und heute
verŠndern, kann uns Trost und Zuversicht angesichts der Macht
des Bösen und des Todes zusprechen und hoffnungslose Situationen
auf¬brechen. Er will uns ermutigen, daß wir uns einsetzen
für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
‘I am myself resurrection and life.’
This word of Jesus may become a sentence of faith and hope when our life comes to an end.
This sentence may already change our life here and today. It may
comfort und strengthen us in view of the power of evil and death. It
may break up hopeless situations. This word of Jesus can encourage us
to work for peace, justice and the integrity of creation.
Die Schwierigkeit, Glauben weiter zu sagen
The difficulty to speak about one’s faith
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Jesus und Marta sprechen über die wichtigsten Fragen des Glaubens
und des Lebens – und reden zunächst aneinander vorbei. Marta
redet von ihrer Trauer, von Schmerz den Bruder loslassen zu müssen
und ihrer Angst vor dem Tod.
Jesus aber spricht von der Hoffnung auf Leben schon jetzt, trotz aller Bedrohung des Todes.
‘I am myself resurrection and life.’
Jesus and Martha speak about the most important questions of faith and
life – and in the beginning they talk at cross purposes. Martha
talks about her grief, about the pain of letting go her brother and she
talks about her fear of death.
Jesus however speaks about hopeful life even now - in spite of all threats of death.
An diesem Dialog wird mir deutlich: Es ist das Problem vieler Christen
auch heute in unseren Gemeinden und unserer Kirchen, dass unsere
Glaubenssätze, die uns viel bedeuten, oft von anderen kaum
verstanden werden.
Ich denke, dies ist bei uns in Hamburg nicht anders als bei Ihnen hier in Monkwearmouth.
This dialogue helps me realize: It is a problem even today for
many Christians in our parishes and churches that sentences of faith
which mean a lot to us are seldom understood by others. This I think is
not different in Hamburg and in Monk¬wearmouth.
Das Wort Jesu „Ich bin die Auferstehung und das Leben“
bedeutet mir viel. Es ist mir wichtig, weil ich damit viele meiner
eigenen Lebenserfahrungen in Verbindung bringen kann. Ich durfte
unerwartete Bewahrung in Notsituationen erfahren, habe es erlebt, dass
Gebete, die ich in Verzweiflung gesprochen habe, von Gott erhört
wurden.
Aber ohne solche Erfahrungen sind theologische Lehrsätze in Gefahr, Leersätze zu werden.
The word of Jesus: ’I am myself resurrection and life’
means a lot to me. It is important for me because it is related to many
personal experiences. I was blessed with unexpected help and
pro¬tection in difficult situations, I may say that prayers
addressed to God in despair, were heard.
But without such experiences theological dogma is in danger of becoming meaningless.
Es gilt daher, persönlich über den Glauben zu sprechen,
Glaubens¬sätze mit unseren eigenen Erfahrungen zu vermitteln.
Das ist die Schwierigkeit eines jeden Pastoren in der Predigt. Als
Pastor kann ich Ihnen als Christenmenschen mit einer eigenen Lebens-
und Glaubenserfahrung nicht sagen, was Sie zu glauben und zu hoffen
haben. Vielleicht sollten wir in unseren Gemeinden mehr mit einander
über unseren Glauben sprechen. Unsere Predigten können
bestenfalls ein Anstoß zum Gespräch über den Glauben
untereinander sein.
It is therefore necessary to speak about one’s faith personally,
to impart sentences of faith together with own experiences. That
is the difficulty every pastor is confronted with when preaching. As a
pastor I am not in the position to tell you - who have got your
own tradition of life and faith - what you have to believe and to hope.
Perhaps we ought to talk more about faith in our parishes. Taking the
most hopeful view our sermons can only induce people to talk with one
another about faith.
Ich erhoffe mir von der Partnerschaft zwischen unseren Gemeinden in
Deutschland und England einen Austausch über die wichtigen Fragen,
die uns beschäftigen: Wie können wir Christen miteinander den
Herausforderungen gerecht werden, die sich heute durch die Bedrohungen
des Lebens stellen? Was können wir von einander lernen, was
können wir ge¬mein¬¬sam bewirken? „Wer an mich
glaubt, wird leben.“ Dies Wort Jesu will uns dazu
ermutigen. Amen.
What I am hoping for our partnership between our parishes in Germany
and England is the exchange about the important questions we are
preoccupied with: How can we as Christians meet the various challenges
that today are a threat to life? What can we learn from one another,
what can we achieve together? ’He who believes in me will
live.’ Also with respect to our common tasks this word of Jesus
wants to be an en¬cour¬agement to us all. Amen.
EG 518 – Hymn ELW 350 ‘Even as we live each day death our life embraces’
1. Mitten wir im Leben sind
mit dem Tod umfangen.
Wer ist, der uns Hilfe bringt,
daß wir Gnad erlangen?
Das bist du, Herr, alleine.
Uns reuet unsre Missetat,
die dich, Herr, erzürnet hat.
Heiliger Herre Gott,
heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott:
laß uns nicht versinken
in des bittern Todes Not. Kyrieleison.
2. Mitten in dem Tod anficht
uns der Hölle Rachen.
Wer will uns aus solcher Not
frei und ledig machen?
Das tust du, Herr, alleine.
Es jammert dein Barmherzigkeit
unsre Klag und großes Leid.
Heiliger Herre Gott,
heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott:
laß uns nicht verzagen
vor der tiefen Hölle Glut. Kyrieleison.
3. Mitten in der Hölle Angst
unsre Sünd' uns treiben.
Wo solln wir denn fliehen hin,
da wir mögen bleiben?
Zu dir, Herr Christ, alleine.
Vergossen ist dein teures Blut,
das g'nug für die Sünde tut.
Heiliger Herre Gott,
heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott:
laß uns nicht entfallen
von des rechten Glaubens Trost. Kyrieleison.